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Die Ausbeutung des Gemeinsamen

Dringend benötigte Gratisarbeit: Die Soziologinnen Silke van Dyk und Tine Haubner zeigen in ihrer Studie »Community-Kapitalismus«, wie Freiwillige dem Kapitalismus durch die Krisen helfen. Ein Beitrag zum Internationalen Tag des Ehrenamtes

  • Von Claudia Pinl
  • Lesedauer: 6 Min.
Unser Dorf soll schöner werden: Was sich der Staat spart, erledigen die Bürger – hier »Hamburg räumt auf« nach dem G20-Gipfel in der Hansestadt.
Unser Dorf soll schöner werden: Was sich der Staat spart, erledigen die Bürger – hier »Hamburg räumt auf« nach dem G20-Gipfel in der Hansestadt.

Kurz vor Nikolaus war im Schloss Bellevue Bescherung: Am 3. Dezember verteilte der Bundespräsident Verdienstorden für »ehrenamtliche Tätigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft«. Anlass ist der 1985 von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag des Ehrenamts, der in Deutschland jährlich am 5. Dezember neben zahlreichen lokalen Ehrenamtstagen und »Wochen des bürgerschaftlichen Engagements« begangen wird. Dieses Jahr werden 15 Bürgerinnen und Bürger ausgezeichnet, die sich für Geflüchtete einsetzen, für Integration und Chancengleichheit für Zugewanderte. In einer Demokratie ist zivilgesellschaftliches Engagement unverzichtbar; es braucht die tätige Anteilnahme möglichst vieler an dem, was um uns herum geschieht, im Quartier, in der Stadt, im Land, auch jenseits von Wahlen und Abstimmungen. Nach der Flutkatastrophe dieses Sommers gibt es besonders gute Gründe, sich über die vielen Menschen zu freuen, die im Ahrtal und anderswo Schutt weg räumten, Essen verteilten oder die obdachlos gewordenen Nachbarn bei sich aufnahmen.

Ehrenamt und »schlanker Staat«

Die »Anerkennungskultur« rund um das Ehrenamt hat aber weitaus mehr im Sinn als die Honorierung spontaner Hilfsbereitschaft oder politischen Engagements. Seit der »schlanke Staat« in den 1980er Jahren unter dem Banner des Neoliberalismus den Reichen Steuergeschenke machte und die Armen durch Ausdünnung der sozialen Sicherung unter Druck setzte, helfen »Ehrenamt« und »Freiwilligenarbeit« den Schwund an Sozialleistungen und öffentlicher Daseinsvorsorge zu kompensieren, ganz wie Bundeskanzler Kohl in seiner ersten Regierungserklärung 1982 forderte: »Mehr Selbst- und Nächstenhilfe der Bürger füreinander«. Damals begann das Zeitalter der staatlichen »Engagementpolitik«, heute zentral vom Bundesfamilienministerium gesteuert, unterfüttert von einem dichten Netz an Freiwilligenagenturen, Stiftungen, Ehrenamtsakademien und ausführenden Organisationen wie Obdachlosenhilfen, »Bürgerbussen«, Hausaufgabenbetreuung, »Tafeln« oder ehrenamtlich betriebenen Gesundheitszentren, in denen ohne Krankenschein behandelt wird. Laut der jüngsten einschlägigen Erhebung waren in Deutschland 2019 fast 30 Millionen der über 14-Jährigen in irgendeiner Weise ehrenamtlich tätig.

In ihrer kürzlich erschienenen Studie »Community-Kapitalismus« liefern die Jenaer Soziologinnen Silke van Dyk und Tine Haubner Erklärungen für diese Erfolgsgeschichte der Engagementpolitik. Demnach wird der Ruf nach »Nächstenhilfe der Bürger füreinander« vor allem deshalb gehört, weil er scheinbar das Gegenprogramm zur neoliberalen Philosophie des Einzelnen als selbstbezogene »Ich-AG« darstellt - und damit anschlussfähig an alternative Gesellschaftsentwürfe ist, die dem Wirtschaftssystem der Marktlogik und monetären Bewertung das Motto »Anders leben, Anders arbeiten« entgegen halten. So wird zum Beispiel von feministischer Seite gefordert, »Care«, also die Sorgearbeit an und mit Menschen, in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Reformüberlegungen zu stellen: Nur eine auf Kooperation und Gemeinschaft gründende Gesellschaft der Fürsorglichkeit könne die Solidarität schaffen, die nötig sei, um die Krisen der Gegenwart, vom Pflegenotstand bis zum globalen Klimawandel, zu überwinden.

Haubner und van Dyk zeichnen nach, wie es dem Krisenkapitalismus gelingt, diese und ähnliche Ideen einer neuen kooperativen Gemeinschaftlichkeit zum zentralen Steuerungsinstrument des Bestehenden umzumodeln: Communities aller Art, traditionelle oder neu zu kreierende, werden als Nachbarschaftshilfen, Pflegeressourcen, »Stadtteilmütter«, Betreuungsinstanzen für Kinder oder Geflüchtete gratis oder kostengünstig eingesetzt. Unter dem Begriff »Sorgende Gemeinschaften« finden sich Kirchengemeinden, Flüchtlingsräte oder Sportvereine als nicht entlohnte Akteure in der Quartiersarbeit oder bei der Altenbetreuung wieder.

Gemeinschaft gegen Individualismus

Die Engagementpolitik operiert mit einem inhaltlich unbestimmten Begriff von »Gemeinschaft«. Unterschiedliche politische Milieus dürfen freiwillige soziale Bindungen als Gegenwelten zu - wahlweise - Markt, Staat oder Familie verstehen. So steht »Community« bei den einen gegen die Kälte des Kapitalismus, für die anderen bedeutet es die Wiederaufwertung der traditionellen Familie oder Freiheit von staatlicher Reglementierung. So wird die »Bürgergesellschaft« auf fast der gesamten Breite des politischen Spektrums anschlussfähig, gesellschaftskritische Ansätze etwa der Forschung zu Sorgearbeit bleiben ausgeblendet. Um so mehr wird die Sehnsucht nach Geborgenheit in den Dienst der Gratisarbeit gestellt und »gelingt es dem Kapitalismus wieder einmal, sich über seine Kriseneffekte erfolgreich zu reorganisieren«, schreiben Haubner und van Dyk.

Den »Community-Kapitalismus« sehen die Autorinnen nicht nur in der analogen Welt unmittelbarer Pflege-, Sorge- und Quartiersarbeit am Werk, sondern auch in digitalen Gemeinschaften. Als Beispiel dient die Nachbarschaftsplattform nebenan.de, bei der 1,7 Millionen Nutzer*innen registriert sind, die nach Betreiberauskunft die Nachbarschaft als einen Ort sehen, »an dem die großen Herausforderungen der Gesellschaft im Kleinen gelöst werden können«. Das Internet schafft also weitere Möglichkeiten, Angebot und Nachfrage nach nicht entlohnter Arbeit in der analogen Welt zu verknüpfen.

Aber es kreiert auch neue, rein digitale Formen von Gratisarbeit, Leistungen, die von sogenannten »Prosumers« erbracht werden. Dabei geht es um die gleichzeitig konsumierenden und produzierenden Aktivitäten von Nutzer*innen, die sich mit Hilfe von Plattformen wie Tripadvisor oder Komoot sowohl Informationen beschaffen als auch durch Erfahrungsberichte und Rückmeldungen Arbeit übernehmen, die früher von Werbefachleuten, Produktentwicklerinnen, Journalisten oder der Stiftung Warentest geleistet wurde. Auch diese Form der Aneignung von Gratisarbeit funktioniert über den Community-Gedanken: Man versteht sich als Gemeinschaft, beispielsweise der Mountainbiker, die sich über die digitale Plattform mit allen Informationen versorgen, die man über die Trails wissen sollte.

Bleibt die Frage: Wie können gegenseitige Hilfe und Solidarität in der Gesellschaft gestärkt werden, ohne dass Engagierte und Gemeinschaften zu Fortbestand und Legitimation des Gegenwartskapitalismus beitragen? Eine Grundvoraussetzung ist nach Haubner und van Dyk die Rückbesinnung auf das Sozialstaatsprinzip, auf »die freiheitsverbürgende und autonomiestiftende Funktion sozialer Institutionen und sozialer Rechte«. In institutionell garantierter Daseinsvorsorge sehen die Autorinnen entscheidende Vorteile gegenüber Hierarchien und persönlichen Abhängigkeiten in Gemeinschaften. »Soziale Rechte schaffen Bedingungen, unter denen auch eine garstige Demenzkranke, die alle Freiwilligen verschreckt und keine Angehörigen hat, sozial betreut wird«.

Solidarität statt Gratisarbeit

Allerdings müsse die öffentliche Daseinsvorsorge grundlegend umgebaut werden. Nachdem sozialstaatliche und kommunale Aufgaben reihenweise privatwirtschaftlichen Interessen ausgeliefert wurden und die verbliebene Arbeit, die sich »nicht rechnet«, Ehrenamtlichen übertragen wurde, plädieren Haubner und van Dyk für den umgekehrten Weg: die Integration der Zivilgesellschaft in die Strukturen des Sozialstaats und der öffentlichen Daseinsvorsorge. Ansätze dafür sehen sie in Spanien, wo zum Beispiel Stadträte der Bewegung »Ahora Madrid« versuchten, eine Mehrheit der Bevölkerung in die Gestaltung kommunaler Politik einzubeziehen, um so öffentliche, basisdemokratische Kontrolle über Wohnen, Verkehr, Gesundheits-, Energie- und Wasserversorgung zurückzugewinnen. Vieles davon hat die seit 2019 regierende Mitte-rechts-Mehrheit in Madrid rückgängig gemacht. Dennoch könnten die »neuen Munizipalismen« und ähnliche Suchbewegungen einer partizipativen, öffentlichen Infrastrukturpolitik, so das hoffnungsvolle Fazit der Autorinnen, die »etablierte Entgegensetzung von Institutionen und Bewegungen« aufbrechen.

Auch die deutschen Parteien der Ampel-Koalition arbeiten laut Koalitionsvertrag an einer »neuen Kultur der Zusammenarbeit, die auch aus der Kraft der Zivilgesellschaft heraus gespeist wird«. Heißt das, die Zivilgesellschaft darf in Zukunft über die Ausgestaltung der öffentlichen Daseinsvorsorge mitbestimmen? Oder bleiben ihr wie bisher nur die unbezahlten Ausputzarbeiten an den ausgefransten Rändern des Sozialstaats - und natürlich die Ehrenamtspreise und Verdienstorden?

Silke van Dyk und Tine Haubner: Community-Kapitalismus. Hamburger Edition, 175 S., br., 15 €.

Claudia Pinl ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin. 2018 ist ihr Buch »Ein Cappuccino für die Armen. Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie« erschienen.

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