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Alle auf einen

Norman Wolf wurde als Schüler jahrelang gemobbt. Sein Selbstwertgefühl existierte nicht mehr. Heute gibt er Workshops und will aufklären

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 8 Min.
Norman Wolf
Norman Wolf

Am schlimmsten ist es, wenn kein Unterricht stattfindet. Wenn der Lehrer zu spät kommt, wenn eine Stunde ausfällt, in den Pausen, auf dem Weg zur Schule und im Bus. Er schreibt keine besonders guten Noten, jedenfalls anfangs nicht; er ist kein Streber, eher schüchtern, sehr introvertiert. Er will nur, dass ein Lehrer da ist, weil sie ihm dann nichts tun können, weil es dann Regeln gibt und er wenigstens für 45 Minuten keine Angst hat.

Norman Wolf sitzt im Klassenraum, die Stunde hat eigentlich schon begonnen, aber sein Lehrer, Herr Frühwirt, kommt einfach nicht. Wolf schaut alle paar Sekunden auf die Uhr. Nichts. Die Tür bleibt zu. Eine Ewigkeit beginnt. Jetzt kommt ein Schüler auf ihn zu, macht sich über ihn lustig, weil er schnell Flecken überall am Hals bekommt, wo seine Jacke kratzt. Er hat nun mal sensible Haut, das passt zu ihm, der immer leise auf seinem Platz sitzt, keine Blicke austauscht, wenn er in die Klasse kommt. »Der ist ja wie ein Malbuch«, sagt der Junge. Ein zweiter kommt dazu, hält Wolf fest, der andere ritzt Wolf mit den Fingernägeln ein Hakenkreuz auf die Stirn. Irgendwann, er weiß nicht, wie lange das Ganze gedauert hat, ist Schluss, sie lassen von ihm ab. Herr Frühwirt ist da.

Norman Wolf ist heute 28 Jahre alt. Fünf Jahre, von der fünften bis zur zehnten Klasse, wird er gemobbt. Die ersten drei Jahre seien die schlimmsten gewesen. Sie nehmen ihm seine Sachen weg, verstecken sie, werfen sie aus dem Fenster, verbrennen sie. Er wird »fette Sau« genannt, auf dem Pausenhof ziehen sie ihm die Klamotten aus, weil alle sehen sollen, dass er ein Unterhemd trägt. Sie machen sich über ihn lustig, weil er mit 12 noch Schuhe mit Klettverschluss anhat. Tatsächlich kann er in der 7. Klasse noch keine Schleife binden; die Unterhemden trägt er, weil er Probleme mit den Nieren hat, genauso wie mit seiner Haut. »Ich war mit Sicherheit nicht das coolste Kind«, sagt Wolf. »Eigentlich war ich das perfekte Mobbingopfer.« Er hat keinen einzigen Freund in der Klasse. Er sammelt gerne Pokémon-Karten, trägt eine Brille, ist übergewichtig. Als er einmal nachfragt, warum sie ihm das alles antun, bekommt er die Antwort: »Weil du du bist.«

Seinen Eltern erzählt Wolf zu Hause nichts. Auch weil sie mit ein Grund sind, warum er beleidigt, geschlagen, getreten und bespuckt wird. Seine Mutter ist Putzfrau, sein Vater hat keine Arbeit, dafür Alkoholprobleme. Seine Mutter will er mit dem Stress in der Schule nicht zusätzlich belasten, sie hat genug mit dem Vater zu tun. Also schweigt er, fünf Jahre lang.

Norman Wolf hat ein Buch über seine Erlebnisse in der Schulzeit geschrieben. Er studierte Psychologie, und das auch deshalb, weil er anderen helfen wollte, die in einer ähnlichen Situation sind wie er damals. Wolf gibt Workshops an Schulen, will damit Lehrer*innen sensibilisieren. Auch im Netz ist er aktiv. Er hat über 60 000 Follower auf Twitter, fast 20 000 Leute folgen ihm auf Instagram. In den sozialen Netzwerken nennt er sich »Dein Therapeut«.

Norman Wolf versteckt sich nicht mehr. Er will gehört werden. Und vor allem will er, dass sich niemand mehr so allein fühlen muss wie er damals. Weder seinen Eltern noch seinen Freunden, die er mit der Zeit im Internet kennenlernt, erzählt er von seiner täglichen Angst, zur Schule zu gehen; sagt nicht die Wahrheit über seine Bauchschmerzen, die er erst simuliert, um nicht zur Schule gehen zu müssen und die dann Wirklichkeit werden. Er spricht mit niemandem über seine Suizidgedanken, die kommen, als es am schlimmsten ist. Seine Freunde sollen nicht wissen, dass er gehänselt wird, er hat Angst, sie würden ihn deshalb für einen Versager halten, so wie die anderen.

Zwei Mal offenbart er sich einem Lehrer, zwei Mal sagt man ihm, das würde mit der Zeit aufhören, wenn er seine Mitschüler nur ignorieren würde. Vielleicht, sagt man ihm einmal, sei es auch ein bisschen seine eigene Schuld, weil er sich eben nicht so gut in die Klasse integriere. »Schließlich war ich so weit, dass ich glaubte, was die Mobber über mich sagten. Ich fühlte mich fett, widerwärtig und wertlos.« Wolfs Selbstwertgefühl existiert nicht mehr. Er zieht sich extrem zurück, fängt an, sich mit Essen zu trösten. Seine schulischen Leistungen sacken immer weiter ab, weil er die meiste Zeit des Unterrichts damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken, wo er sich in der Pause am besten vor seinen Peinigern verstecken kann. Oder er kommt gar nicht erst zur Schule.

Was Norman Wolf erleben musste, kennt laut einer OECD-Studie jede*r sechste Schüler*in in Deutschland. Am häufigsten tritt Mobbing in den Klassenstufen 6 bis 9 auf, wie eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2018 herausfand. So war es auch bei Norman Wolf. »Das Ganze passierte in einer für mein Selbstwertgefühl sehr prägenden Zeit. Du bekommst praktisch jeden Tag gesagt, wie scheiße du bist.« Diese Zeit verfolgt ihn bis heute. Wenn im Supermarkt hinter ihm an der Kasse eine Gruppe Jugendlicher laut lacht, bezieht er das sofort auf sich. Wenn er sich mit Freunden trifft, denkt er ab und an, ob sie nicht mehr Spaß hätten, wenn er nicht dabei wäre. Noch heute findet er sich an manchen Tagen zu dick. Noch immer fällt es ihm schwer, offen seine Meinung zu sagen.

Die RKI-Studie konnte keine signifikante Zunahme von Mobbing in den letzten Jahren feststellen. Jedoch bezieht die Statistik Fälle von Cybermobbing nicht mit ein. Hier soll es laut einer Umfrage des Bündnisses gegen Cybermobbing in den letzten sieben Jahren eine Zunahme um ein Drittel gegeben haben. Im Jahr 2020 waren demnach fast zwei Millionen von insgesamt acht Millionen Schüler*innen in Deutschland Opfer von Herabwürdigungen durch Mitschüler*innen im Netz.

Herbert Scheithauer ist Professor für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin und hat dort mit seinem Team mehrere wissenschaftlich fundierte und evaluierte Programme gegen Mobbing entwickelt, die an Schulen eingesetzt werden. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Ursachen, warum Kinder und Jugendliche aggressives Verhalten zeigen. Einiges habe sich im Laufe der Jahre verändert, sagt er. Während ältere Generationen noch der Überzeugung seien, solche Erfahrungen müsse man im Leben nun mal machen und zum Aufwachsen gehöre »geärgert« zu werden dazu, sei die Sensibilität für das Thema bei Eltern, Schüler*innen und den meisten Lehrer*innen heute viel größer.

Allerdings laufe es auf der anderen Seite - er meint die zuständigen Ämter und Ministerien - oftmals stockend. Scheithauer spricht von Schneckentempo und sagt, obwohl seine Programme - immerhin an eine staatliche Universität angegliedert - für die Länder manchmal sogar kostenneutral angeboten werden können, gefördert zum Beispiel von Krankenkassen und Stiftungen, habe er von manchen Bundesländern bis heute keine Rückmeldung bekommen. Natürlich sei das ein wichtiges Thema, heißt es aus den Büros, aber dann passiere: nichts. »Dabei ist Mobbing für eine bestimmte Altersgruppe eine enorme Bedrohung, denn es geht um Selbstwert und Reputation.«

An einigen Schulen ist Mobbing in der Rangliste der zu bearbeitenden Probleme offenbar hinten angesiedelt, so Scheithauers Erfahrung. Wenn ein nicht besonders engagierter Schulleiter auf eine überforderte Lehrerschaft trifft, die aufgrund des hohen Krankenstandes oder allgemeinen Personalmangels nur den Notstand verwaltet, dann wird es über einen Projekttag oder eine ausgelegte Broschüre wohl nicht hinausgehen. »Den Umgang mit Mobbing kann man sich nicht nebenbei anlesen«, so der Wissenschaftler.

Um langfristig erfolgreiche Anti-Mobbing-Programme durchzusetzen, braucht es eine Schulleitung, Lehrer*innen und Eltern, die interessiert und engagiert sind. Die Programme müssten in jeder Schule durchgeführt und regelmäßig wiederholt werden. »Das ist harte Arbeit, das dauert, und daran scheitert es oft«, sagt Scheithauer. Die Zeit und das Personal fehlten vielen Schulen. Hinzu kommt, dass einige Schulen davor zurückschrecken, Mobbing öffentlich zu thematisieren, weil sie Angst um ihren Ruf haben. »Es herrscht manchmal die Auffassung, Schulen seien ausschließlich für die Bildungsvermittlung zuständig und für das sozial-emotionale Lernen fühlen sie sich nicht verantwortlich«, sagt Scheithauer. Dabei gebe es viele Schulen, darunter auch einige, die man früher Brennpunktschulen genannt hätte, die enorm engagiert seien. »Es gibt Mobbing, egal welche Schulform und egal welchen Bildungshintergrund die Schüler*innen haben.«

Norman Wolf meint, dass Mobbing Zufall sei, es könne eigentlich jeden treffen. Aber die, die sehr in sich gekehrt und sensibel sind, die wenig Kontakt zu ihrer Peergroup haben und deshalb schwer Freunde finden, leiden häufiger. Aus dem Ungleichgewicht - wer hat Macht, wer ist eher machtlos? - und den unterschiedlichen sozialen Hierarchien kann Mobbing entstehen. Wenn Täter*innen dann ohne Widerspruch (oder sogar unter Beifall) immer weiter und weiter gehen, denken sie, es ist okay, andere zu schikanieren, bis hin zu körperlicher Gewalt, wie sie auch Norman Wolf erleben musste.

»Es ist wichtig, dass man irgendjemanden hat, dem man sich anvertrauen kann, der einen ernst nimmt«, sagt Wolf. Er meint damit vor allem Lehrer*innen. Und gerade von ihnen ist Wolf enttäuscht. Es kostete Überwindung, sich anzuvertrauen, und dann ließen sie ihn auch noch mit seinen Erlebnissen allein.

Manche Lehrer*innen, so Scheithauer, haben schlichtweg keinen guten Überblick über die Hierarchien und Gruppendynamiken innerhalb einer Klasse. Dann laufe Mobbing komplett unter deren Radar ab. Ein paar fühlen sich auch nicht in der Lage, mit aggressiven Schüler*innen umzugehen. »An vielen Fakultäten ist das sozial-emotionale Lernen überhaupt kein Thema in der grundständigen Lehrer*innenausbildung«, sagt der Wissenschaftler.

Norman Wolf trägt seine Erfahrungen von damals immer noch mit sich wie einen viel zu schweren Schulranzen, den er nie ablegen wird. Er sagt, er will reparieren, was seine Mitschüler damals kaputtgemacht haben. Er sagt auch, das sei seine Lebensaufgabe. Ende November spricht er vor einer Berufsschulklasse über Mobbing. Am Ende kommen ein paar Schüler*innen zu ihm und sagen: »Das Reden hat gutgetan.« Mehr will er nicht erreichen.

Norman Wolf: »Wenn die Pause zur Hölle wird«, MVG-Verlag, 256 S., br., 14,99 €.

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