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Lützerath - Ein Dorf als 1,5-Grad-Grenze

Spaziergang an der Kante und viel Solidarität für das vom Braunkohletagebau bedrohte Dorf

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein großes, gelbes X wird als Zeichen des Protests in Lützerath aufgestellt.
Ein großes, gelbes X wird als Zeichen des Protests in Lützerath aufgestellt.

»Der Hof ist besetzt« – die einen flüstern es, andere rufen es laut. Mit vollem Tempo laufen etwa zehn junge Klimaaktivist*innen weg vom Dorfspaziergang am Rand von Lützerath, rein in das, was vom Dorf übrig geblieben ist. Sie haben richtig gehört. Auf dem Dach eines alten Bauernhofs sitzen einige Aktivist*innen, nach und nach gehen immer mehr Fenster und Türen auf, das Haus wird mit Transparenten geschmückt, Parolen für Klimagerechtigkeit werden gerufen. Dem vom Energiekonzern RWE beauftragten Sicherheitsdienst bleibt nur der Rückzug. »Ihr seid einfach mehr«, sagt eine Sicherheitsfrau zu einer Aktivistin. Unter dem Applaus der Aktivist*innen verlassen die Sicherheitsleute das Gelände des Bauernhofs, ihnen wird ein schöner Feierabend gewünscht. Auch der Polizei bleibt lediglich die Zuschauerrolle, sie ist am Samstag nur mit einer Handvoll Kommunikationsbeamter in Lützerath.

Eigentlich sollte am Samstag eine Großdemonstration für den Erhalt des Dorfes stattfinden. Doch die wurde abgesagt. Einerseits wegen der Corona-Lage, andererseits weil sich die Situation für das Dorf entspannt hat. Denn eigentlich wollte das Oberverwaltungsgericht Münster bis Anfang Januar über die Enteignung von Eckhardt Heukamp entscheiden. Heukamp ist der letzte Bauer in Lützerath. In vierter Generation bewirtschaftet seine Familie den Hof. Er wehrt sich juristisch gegen RWE und das Land Nordrhein-Westfalen. Seine Nachbarn haben ihre Häuser schon verkauft. Auch der frisch besetzte Hof gehört RWE. Bis Heukamp Gewissheit über seine Zukunft hat, kann nun noch einige Zeit vergehen. Am Oberverwaltungsgericht ist ein Richter erkrankt. Wann eine Entscheidung ansteht, kann das Gericht nicht sagen. Aber bis es entschieden hat, soll in Lützerath nicht geräumt, gerodet oder abgerissen werden.

Durch die aufgeschobene Entscheidung hat sich ein Fenster geöffnet, das die Klimaaktivist*innen nutzen wollen, um den politischen Druck zu erhöhen. Eva Töller, die einen Spaziergang durch das Dorf anführt, an dem mehr als 100 Menschen teilnehmen, betont immer wieder, dass eine politische Lösung für Lützerath her müsse, keine Gerichtsentscheidung. Für eine politische Lösung setzt sich auch Kathrin Henneberger ein. Die ehemalige Sprecherin des Anti-Kohle-Bündnisses »Ende Gelände« sitzt jetzt für die Grünen im Bundestag. Bundestagskolleg*innen, Europa-Abgeordnete und zahlreiche Landtagskandidat*innen haben den Brief unterzeichnet, in dem es heißt, dass der Tagebau Garzweiler II vor Lützerath enden muss, wenn Deutschland das 1,5-Grad-Ziel erreichen will. Das Dorf zu retten, sei von »globaler Gerechtigkeit bis hin zum lokalen sozialen Frieden« von Bedeutung, »Protest für den Erhalt von Lützerath und ein Ende der Zerstörung« sei weiter legitim.

Was für ein Symbol das winzige Dorf im Rheinland ist, das zeigte sich am Samstag deutlich. In über 40 Städten gab es Kundgebungen und Aktionen für Lützerath. Sie reichten von Kundgebungen wie der vor der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin bis zu Bildern des Buchstaben X in Gelb, die in den sozialen Netzwerken geteilt wurden. Das Symbol der Anti-Atom-Bewegung hat der Anti-Kohle-Protest für sich entdeckt. Und so gab es Zeichen gegen die Abbaggerung in den Alpen bei Innsbruck, vor dem riesigen – Nischel genannten – Marx-Kopf in Chemnitz oder in der Wuppertaler Schwebebahn.

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