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  • Interview mit Franz Steinle

»Von einem Boykott halten wir nichts«

Skiverband-Chef Franz Steinle übt Kritik an der Olympia-Vergabe, die Sportler sollten dafür aber nicht büßen

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 6 Min.
Für den Bau der Olympia-Schanzen in Zhangjiakou waren 60 Millionen Dollar veranschlagt worden. Wie viel sie wirklich kosteten, ist von Pekings Organisatoren nicht zu erfahren.
Für den Bau der Olympia-Schanzen in Zhangjiakou waren 60 Millionen Dollar veranschlagt worden. Wie viel sie wirklich kosteten, ist von Pekings Organisatoren nicht zu erfahren.

An diesem Mittwoch starten die Biathleten nur drei Tage nach den Wettbewerben von Oberhof bereits in den zweiten Heimweltcup. In Ruhpolding wollen die deutschen Sportlerinnen und Sportler dabei besser abschneiden, auch mal wieder aufs Siegerpodest laufen. Wie schätzen Sie die Tendenz mit Blick auf Olympia ein?

Franz Steinle
Franz Steinle

Natürlich waren die Ergebnisse zuletzt nicht ganz zufriedenstellend. Aber wir sind optimistisch für die Zukunft, auch für Peking. Ich glaube schon, dass wir dort bei den Frauen und Männern um die Podiumsplätze mitkämpfen werden.

Das soll im nächsten Winter bei den Heimweltmeisterschaften in Oberhof auch klappen. Wie waren Sie mit der Generalprobe zufrieden?

In Oberhof wurde hervorragende Arbeit geleistet. Nach starkem Regen war drei Tage vor dem ersten Wettkampf quasi alles grün. Wie dann innerhalb weniger Tage die Strecken hergerichtet wurden, zeugt von hervorragender Organisation. Da muss man auch den vielen freiwilligen Helfern danken, die in einer Hauruck-Aktion ideale Verhältnisse geschaffen haben.

Wie schätzen Sie das neue Stadion von Oberhof ein?

Es ist zwar noch einiges im Werden. Vieles ist aber schon fertig für die WM 2023. Ich scheue sonst eher die Superlative, aber man muss schon sagen, dass es eines der besten Biathlonstadien der Welt geworden ist, wenn nicht sogar das beste. Die Bauten sind sehr funktionsgerecht und toll in die Landschaft integriert. Kurze Wege sind gewährleistet. Zudem ist es eine nachhaltige Investition, denn die Gebäude werden sicher jahrzehntelang genutzt werden. Damit können auch Tourismusanreize geschaffen werden. Für die WM war der Weltcup jedenfalls eine tolle Visitenkarte. Und da gilt unser Dank insbesondere dem Freistaat Thüringen. Wir als DSV haben uns zwar für die WM beworben, aber Thüringen hat dieses ganze Areal bezuschusst. Das war schon beispielhaft. Wir können uns wirklich auf tolle Bedingungen mit vielen Freiwilligen freuen, die ihr Herzblut in die Veranstaltung stecken werden.

Zurück zu Olympia: Zuletzt übte DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier Kritik. China würde bei PCR-Coronatests andere Schwellenwerte nutzen und könnte somit sportliche Kontrahenten leichter aus dem Wettbewerb nehmen. Wie schätzen Sie diese Problematik ein?

Es ist verständlich für ihn, dass er sich Gedanken über die Chancengleichheit macht. Und es ist in Ordnung, wenn er seine Sorgen äußert. Andererseits glauben wir, dass das IOC (Internationales Olympisches Komitee, Anm. d. Red.) und insbesondere die Organisatoren vor Ort in China in Zusammenarbeit mit den medizinischen Beratern der Weltgesundheitsorganisation WHO diese Problematik erkannt haben und lösen werden. Ich kenne bisher jedenfalls noch keine Anhaltspunkte oder konkrete Beispiele für einen Missbrauch.

Sie sitzen auch in den Vorständen der Ski- und Biathlon-Weltverbände Fis und IBU. Wie gehen die mit dieser Situation um?

Auch unsere Mediziner sind natürlich im engen Austausch mit dem IOC und den Organisatoren. Da sind wir gut aufgestellt. Nun müssen wir vielleicht die Kommunikation mit unseren Athleten und Betreuern verbessern und ihnen übermitteln, welche klaren Aussagen das IOC macht: Wie sehen die Probleme aus, und was sind die Lösungen dafür?

Fragt man die Sportler, fürchten die vor allem, bei einem positiven Test vor Ort wochenlang in chinesischer Quarantäne festzusitzen. Anscheinend gibt es auch hier noch immer Unklarheiten.

Es gibt schon erste Aussagen von vor Ort, wie dann verfahren wird und wie lange die Quarantänezeiten sein werden. Wir und unsere Mediziner müssen die jetzt offenbar noch besser kommunizieren.

Kommen die Sportler auch mit politischen Fragen auf Sie zu, wie sie sich im Gastgeberland verhalten sollen oder dürfen?

Natürlich. Wir werden aber keinem unserer Athleten einen Maulkorb verpassen. Zuletzt gab es ja die Diskussion darüber, die Spiele auch sportlich komplett zu boykottieren. Davon halten wir aber nichts, weder der DSV, noch die IBU. Wir glauben, dass diese Diskussion sieben Jahre früher hätte geführt werden müssen, bevor die Spiele nach Peking vergeben wurden. Jetzt kann man nichts mehr daran ändern, und die Athleten sollten sich auf den Sport konzentrieren dürfen. Ich lege aber großen Wert darauf, dass wir mit unserer Teilnahme die Menschenrechtssituation in China nicht gutheißen oder tolerieren. Diese Dinge müssen vom Sportlichen getrennt werden.

Es gibt von einigen Ländern zumindest einen diplomatischen Boykott. Wie beurteilen Sie den?

Das ist nicht wirklich unsere Aufgabe. So etwas muss die Politik entscheiden. Ich weiß aber nicht, ob diese Art von Boykott sinnvoll ist. Ich glaube immer an einen Dialog, und sei die Chance auf Erfolg noch so klein. Daher bin ich immer dafür, miteinander zu reden, anstatt sich voneinander abzuschotten.

Die Kritik am Gastgeber betrifft nicht nur die Menschrechtslage, sondern auch den neuerlichen Gigantismus beim Neubau der Sportstätten. Glauben Sie wirklich, dass sich bei künftigen Olympia-Vergaben durch das IOC daran etwas ändert?

Uns muss es gelingen, in den klassischen Wintersportregionen attraktive Standorte zu finden. Das ist unsere Hausaufgabe. Mit München und Garmisch hätten wir einen solchen hervorragenden Standort gehabt, um die Spiele 2022 zu veranstalten. Doch das ist leider an dem Abstimmungsergebnis der Bevölkerung gescheitert.

Nun ja, die Olympia-Gegner machten vielmehr das IOC und dessen ausufernde Anforderungen für das Scheitern der Bewerbung verantwortlich.

Das glaube ich weniger. Wir müssen daran arbeiten, den Menschen wieder zu zeigen, dass Olympische Spiele nachhaltig sein können. In Bayern wären mindestens 80 Prozent der Sportstätten schon vorhanden gewesen. Die Leute mitzunehmen, ihnen den langfristigen Benefit der Spiele zu erklären, ist uns damals nicht gelungen. Dabei sieht man den heute noch in München, selbst 50 Jahre nach den Sommerspielen dort.

Sollte man als Weltverband nicht auch das IOC davon überzeugen, dass der Gigantismus enden muss? Das kann doch nicht ewig so weitergehen.

Dem kann ich nur zustimmen. Wir müssen wieder in die klassischen Wintersportorte gehen. Da haben wir bei Olympia in den letzten Jahren nicht gerade geglänzt. Ich meine damit nicht nur Sotschi, Pyeongchang oder Peking seit 2014. Auch die Spiele davor, in Turin 2006 und Vancouver 2010, waren nicht nachhaltig, zumindest was die nordischen Disziplinen angeht. Das muss uns in Zukunft besser gelingen.

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