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  • Gesundheitswirtschaft in der Region Berlin Brandenburg

Weg vom Fax in der Klinik

Akademie der Wissenschaften: Digitalisierung im Gesundheitswesen muss konsequenter angegangen werden

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Pflegerin legt auf der Intensivstation des Berliner Krankenhauses Havelhöhe Schutzausrüstung an, bevor sie das Zimmer eines Corona-Patienten betritt.
Eine Pflegerin legt auf der Intensivstation des Berliner Krankenhauses Havelhöhe Schutzausrüstung an, bevor sie das Zimmer eines Corona-Patienten betritt.

Detlev Ganten fordert ein Berliner Gesundheitskabinett für ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen den politischen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen der Stadt. Der Strategieplan »Gesundheitsstadt 2030« aus dem Jahr 2018 müsse aktualisiert und umgesetzt werden. Technologiestandorte müssten gestärkt werden, sagt Ganten. Der Pharmakologe und emeritierte Professor war unter anderem Vorstand und später Stiftungsratsvorsitzender des Berliner Universitätsklinikums Charité. Für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat er sich mit der Gesundheitspolitik und als Co-Autor zahlreiche Empfehlungen für die Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg zusammengetragen. Drei besonders wichtige Ergebnisse stellt Detlev Ganten am Dienstag vor.

»Aller Fortschritt in der Forschung nützt uns nicht, wenn er nicht auch umgesetzt wird in Produkte. Das hat die Pandemie uns gezeigt«, erklärt Ganten. Wichtig sei im Empfehlungspapier, das in der Reihe »Denkanstöße aus der Akademie« herausgegeben wird, einen ganzheitlichen Blick auf das Thema Gesundheit zu wahren, der alle Lebensbereiche umfasse und besonders auf Prävention fokussiere. So sei es ausdrücklich zu begrüßen, dass in Berlin nun die Senatsverwaltungen für Wissenschaft und Gesundheit in einem Ressort zusammengelegt sind.

»Seit der Pandemie kommt niemand mehr drum herum, sich mit Gesundheitsthemen zu beschäftigen« sagt der neue Berliner Gesundheitsstaatssekretär Thomas Götz (Grüne). Die aktuelle Krise könne als Chance verstanden werden, zu erkennen, wo bei den Strukturen des Gesundheitswesens nachgesteuert werden müsse.

Wichtig für den Staatssekretär ist die Vermittlung zwischen Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und der Stadtgesellschaft. »Das muss in beide Richtungen passieren, wir müssen auch auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse an die Gesundheitsversorgung eingehen.« Als Positivbeispiel für eine sozialräumliche Vernetzung nennt Götz das Gesundheitskollektiv Neukölln.

Teil der vorgestellten Empfehlungen ist eine Steigerung der Ressourcen für die Digitalisierung des Gesundheitssystems. Es könne zum Beispiel nicht sein, sagt Hayo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Universitätsklinik Charité, dass in Krankenhäusern immer noch Faxgeräte als Standardmittel der Kommunikation eingesetzt werden. Digitalisierung und medizinischer Fortschritt sind seiner Meinung nach der Ausweg aus der dramatischen Situation, die aufgrund des demografischen Wandels schon sehr bald eintrete. »Unser ganzes Gesundheitssystem besteht auf solidarischer Finanzierung, das heißt Junge finanzieren Alte. Wir werden in wenigen Jahren ein Drittel weniger Leute haben, die dieses Gesundheitssystem finanzieren«, so Kroemer. »Das betrifft auch alle Leute, die im Gesundheitswesen arbeiten, weil viele in den Ruhestand gehen werden.« Einerseits würden also perspektivisch mehr ältere Menschen auf gesundheitliche Versorgung angewiesen sein, andererseits werde das System dann unterfinanziert und personell unterausgestattet sein, erklärt der Charité-Chef.

Berlin und Brandenburg hätten durch die medizinische Infrastruktur vergleichsweise hohe Chancen, eine Lösung für das Problem zu finden, meint Kroemer. »Der Versorgungsraum Berlin-Brandenburg ist längst Realität«, sagt er. Während der Corona-Pandemie sei jeden Tag festzustellen, dass schwer kranke Patient*innen aus Brandenburg nach Berlin kommen, um sich behandeln zu lassen. Zusätzlich sei Berlin in der günstigen Position, dass die Hälfte aller stationären Betten durch die landeseigenen Krankenhausunternehmen Vivantes und Charité betrieben und somit in öffentlicher Hand seien, das Land als Eigentümer also politisch steuern könne.

Peter Bobbert, Präsident der Berliner Ärztekammer, sieht neben den genannten Punkten Handlungsbedarf beim Sozialen: »Eine Gesundheitsstadt oder eine Gesundheitsregion 2030 kann aus unserer Sicht nur eine sein, wenn alle darin Zugang haben, unabhängig der Nationalität, Kultur, des finanziellen Status. Ob versichert oder nicht versichert, alle benötigen diesen Zugang. Dieses Soziale ist ein Fundament eines Gesundheitswesens, das wir noch weiter intensivieren müssen«, sagt er.

Außerdem müsse beim Ansatz, den Menschen in den Mittelpunkt des Gesundheitswesens zu stellen, nicht nur an Patient*innen, sondern auch an die Mitarbeiter*innen gedacht werden. Es fehle in jedem Bereich der gesundheitlichen Versorgung an Beschäftigten, deshalb müssten die Berufe deutlich attraktiver gemacht werden. »Selbst in Berlin haben wir über 100 nicht besetzte Praxen in zwei Bezirken im Ostteil der Stadt«, sagt Bobbert. Die Hauptstadt biete aber mit der bestehenden Infrastruktur die besten Voraussetzungen, um die Empfehlungen zur Verbesserung zeitnah umzusetzen, sagt der Ärztekammerpräsident.

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