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Für immer Sonntag

Mark Fisher suchte das »postkapitalistische Begehren« und den »Acid Kommunismus«. Vor fünf Jahren nahm er sich das Leben

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 7 Min.
Entfesselung des Möglichkeitssinns am Beginn des kapitalistischen Realismus: Demonstranten verwandeln das Lincoln-Memorial in ein Schwimmbad (Washington, 1970)
Entfesselung des Möglichkeitssinns am Beginn des kapitalistischen Realismus: Demonstranten verwandeln das Lincoln-Memorial in ein Schwimmbad (Washington, 1970)

»Jobseeker!« Es ist der raue, proletarische Sound, mit dem es beginnt. Die Sleaford Mods singen - kann man das noch so nennen? - im Slang der East Midlands über einen Arbeitsuchenden, der sich an eine Bierdose und ein Faltblatt über Depressionen des National Health Service klammert, ein Wrack. »Weiß jemand, wie ich hierherkam?« Es ist der wütende Electropunk aus Nottingham, mit dem Mark Fishers Musikmix »No More Miserable Monday Mornings« beginnt, den er auf seinen legendären Blog »k-punk« hochlädt.

Fisher kam aus dem Post-Punk der 80er Jahre. Der Popmusikjournalismus dieser Tage verband leidenschaftliche Diskussionen über Gesellschaftskritik mit einer Begeisterung für musikalische Gegenkultur. Nachdem später die Musikzeitschriften als Raum der Diskussion weggebrochen waren, entdeckte Fisher in den frühen Tagen des Internetzeitalters das Bloggen als Ersatz.

Von Ärger und Traurigkeit zu kollektiver Freude, von Arbeit, die nie endet, zu endlos freier Zeit, notiert er zu seinem Mix auf »k-punk«. War da außer der ewigen Plackerei nicht noch etwas - der Traum vom »ewigen Sonntag«? Nicht im Neoliberalismus. Montagmorgen gibt’s inzwischen auch in der Heimarbeitsversion, nicht weniger fremdbestimmt und sinnentleert. Das Internet bietet eine Unmenge an Ratschlägen, wie man den Montagmorgen nicht hasst. Fisher hätte wohl erwidert, man müsse seinen Job hassen, nicht den Wochentag.

Obwohl Fisher mit der Universität haderte, lehrte er dort - zuletzt am Goldsmiths-College der University of London. Montagmorgens fand sein Seminar über postkapitalistisches Begehren statt. Doch die Sitzung am 16. Januar 2017 fiel aus. Die Studenten warteten vergeblich auf den Kulturwissenschaftler, der sich am Freitag davor das Leben genommen hatte. Es wird erzählt, dass an diesem unglücklichen Morgen auch der Mix gehört wurde. In den folgenden Wochen traf man sich weiterhin - als offene Lesegruppe. Das Vorhaben war noch nicht beendet. In »Postcapitalist Desire. The Final Lectures« kann man nachlesen, wie es begann.

Der Band enthält, neben dem Seminarplan und der Tracklist zu dem Mix, die Verschriftlichung der ersten fünf Sitzungen. Man ahnt, was für ein inspirierender Lehrer Fisher war. Der neoliberalen Verwüstung von Welt und Seele wollte er etwas entgegensetzen. Mit unglaublicher Leichtigkeit verbindet er Popmusik, Film, Theorie, Philosophie, Politik und Psychoanalyse, durchstreift die Geschichte, stellt Bezüge her. Hier erlebt man einen wachen Geist in Bewegung, der sich gegen die akademische Erstarrung des Wissens wendet. Für ihn gab es kein Zurück in eine heile Welt, das nahm er vom Akzelerationismus. Nach vorn geht es nur mit Klassenbewusstsein, das fand er bei Georg Lukács. Und niemals den versklavenden Glücksversprechen des Kapitalismus verfallen, das sagten ihm »Anti-Ödipus« von Deleuze und Guattari sowie Lyotards »Libidinöse Ökonomie«.

Fisher trieb die Frage nach dem Bewusstsein gesellschaftlicher Veränderung um, dem Klassenbewusstsein. In der Einleitung zu seinem unvollendeten Buch »Acid Kommunismus« - abgedruckt in »k-punk«, wie weitere Schriften Fishers bei Edition Tiamat erschienen - fand er dafür die Formulierung vom »Gespenst einer Welt, die frei sein könnte«. Das mögliche Unmögliche, die soziale und affektive Befreiung. 1968, das Jahr, in dem Fisher geboren wurde, sah er diesen radikalen Möglichkeitssinn aufblitzen. Und in den 70er Jahren der »Autonomia« in Italien, um die es in jener Seminarsitzung am 16. Januar vor fünf Jahren hätte gehen sollen.

Klassenbewusstsein war für Fisher eine ästhetische Frage. Nicht im Sinne von ästhetisierend - niemand macht Revolution, bloß weil man sich ein Leftism-Shirt überwirft, angestrengt kritische Musik hört oder auf einer subversiven Performance rumhampelt. Das Ästhetische meinte Fisher ganz ernst, als Lehre von der Wahrnehmung der sozialen Welt, und zwar hinsichtlich ihrer revolutionären Veränderbarkeit. Es ging ihm um Kunst und Arbeiterorganisation, Popkultur und Streiks, geteiltes Begehren und kollektive Praxis. Zu entdecken, so Fisher, gäbe es einen gemeinsamen »roten Reichtum«, eine Weise des Produzierens und Konsumierens jenseits des Kapitals. Und das - oftmals enttäuschte, zurückgewiesene, verdrängte und bekämpfte - Verlangen danach war für ihn der Energiestrom des Proletarischen, den es immer wieder anzuzapfen gilt.

Ein solches Klassenbewusstsein ist durch die neoliberale Konterrevolution mehr als beschädigt worden. Das war Fisher völlig klar; die Gegenwart entschlüsselte er als traumatischen Wiederholungszwang dieser katastrophalen Erfahrung. Entkommen kann man dem nur durchs Durcharbeiten. »Zu verstehen, wie dieser Niedergang des Bewusstseins funktioniert, ist der erste Schritt, ihn umzukehren«, so lautet der letzte von ihm verfasste Satz in »Acid Kommunismus«. Die kollektive Depression war für Fisher das Wundmal der neoliberalen Austerität. Diese Verletzungen müsse man als politische verstehen. Er machte es selbst vor - und sprach und schrieb über die eigenen Depressionen, über die »Gespenster seines Lebens«, wie eines seiner Bücher heißt. Kein Gefühl ist im Neoliberalismus stärker als das der verlorenen Zukunft. Und auch die von Angst, Langeweile und Zwang getriebene Überproduktion von Social-Media-Müll kann das nicht übertünchen.

Mit »Acid Kommunismus« ging Fisher zurück in die 60er und 70er Jahre - zum Beginn des »kapitalistischen Realismus«, so der Titel seines berühmten Essays von 2009. Durch die politische Niederlage der fortschrittlichen Kräfte wurde die Gegenkultur vom postkapitalistischen Begehren getrennt und von der neoliberalen Restauration in Dienst genommen - um die Herrschaft der verkündeten Alternativlosigkeit zu verfestigen. Fisher liest Herbert Marcuse, einen der intellektuellen Vordenker der Neuen Linken. Erstaunlicherweise scheint er sich aber weder mit der These der Kulturindustrie von Horkheimer und Adorno noch »Der Gesellschaft des Spektakels« von Guy Debord eingehender beschäftigt zu haben, die auch den neuen Geist des Kapitalismus kritisierten.

Der weitgehende Sieg des kapitalistischen über das postkapitalistische Begehren verschonte auch die Linke nicht. In einem seiner berühmtesten Texte - »Raus aus dem Vampirschloss«, den das »Jacobin«-Magazin in der aktuellen siebten Ausgabe veröffentlicht -, setzt sich Fisher mit dem »inquisitorischen Moralismus« und der »identitären Frömmelei« der »säuerlichen Salonlinken« auseinander. Die werde »angetrieben von dem Wunsch des Priesters, zu exkommunizieren und zu verdammen, dem Begehren des pedantischen Akademikers, der Erste zu sein, der einen Fehler entdeckt, und dem Bedürfnis des Hipsters, Teil einer kulturellen Avantgarde zu sein«. Damit schürt man das postkapitalistische Begehren nicht, sondern erstickt es - an den Hochschulen, in den Zeitschriften, nicht zu vergessen die Twitter-Blase. Statt Solidarität wird Angst verbreitet.

Fisher wendet sich gegen eine kleinbürgerliche Identitätspolitik mit all ihren individualisierenden und moralisierenden Schuld-und-Scham-Ritualen. Dagegen stellt er seine »Politik der Desidentifizierung«, ein umfassendes Verständnis von befreiender Klassenpolitik. »Cool, sexy, proletarisch« müsse der Kommunismus sein. Es gibt wenige Beiträge in der gesamten Debatte um Identitäts- und Klassenpolitik, die so sehr auf den Punkt gebracht sind und die es lohnt, wieder und immer wieder zu lesen - und sich an dieser Kritik zu messen. Die Suche nach einem der Zeit und der Wirklichkeit angemessenen Entwurf kommunistischer Politik braucht auch eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit der postpolitischen Morallinken.

»Außerhalb des Vampirschlosses ist alles möglich«, gibt uns Fisher mit auf den Weg. Und er lebte es vor, als Theoretiker der politischen Leidenschaften und als Denker der Entprivatisierung - die Konturen einer besseren Sozialität. Und es ist eine unerhörte Gemeinheit dieser Welt, wenn einer, mit dem man nun wirklich ein anderes Leben hätte beginnen wollen, seines nicht mehr fortführen will. »At Last I Am Free« von Chic ist das letzte Lied in Fishers »No More Misery Monday Mornings«-Mix. Es ist eine sehnsuchts- und hoffnungsvolle Hymne mit melancholischem Charme, die dem Glamour der Disco huldigt. Unbedingt laut zu hören - und gemeinsam.

Mark Fisher: Postcapitalist Desire. The Final Lectures. Hrsg. u. m. einer Einl. v. Matt Colquhoun. Repeater Books, 251 S., br., 19 €.

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