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Den Marginalisierten eine Stimme geben

Die ungarische Youtube-Plattform »Partizán« versucht, linke Positionen zu beziehen und den öffentlichen Diskurs im Land zu beeinflussen

  • Von Eszter Kováts
  • Lesedauer: 8 Min.

Unter dem Orbán-Regime sind in Ungarn unabhängige Medien massiven Repressionen ausgesetzt. Ihnen und ihrem Team gelang es dennoch, während der Pandemie mit dem Youtube-Kanal »Partizán« eine Medienplattform zu etablieren, die der linken Opposition in Ungarn eine Stimme verleiht. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Es handelt sich um einen relativen Erfolg, der aus der Rückständigkeit des ungarischen Medienmarktes resultiert. Deutsche können es sich das möglicherweise schwer vorstellen: In Ungarn gibt es keine politischen Debatten, keine vertiefenden Hintergrundanalysen mit Expertinnen und Experten unterschiedlicher Auffassungen. Dass unser Projekt auf so großes Interesse stößt, beweist, wie groß in der ungarischen Gesellschaft das Bedürfnis nach politischen Inhalten ist, die die Intelligenz und Würde der Menschen respektieren.

Die Regierung von Viktor Orbán hat praktisch alle öffentlich-rechtlichen Medien in Propagandakanäle verwandelt, die gegen Minderheiten und die Opposition hetzen. Auch der Großteil der übrigen Medien - inklusive der meistgelesenen regionalen Zeitungen - befindet sich in Händen von regierungsnahen Oligarchen.

Ja, der ungarische Medienmarkt lebt unter doppeltem Druck. Es gibt die politische Repression vonseiten der Regierung, und hinzu kommt der Druck des Marktes, wo leicht konsumierbare Medienprodukte aus dem Westen den Teil bestimmen, der nicht von der Regierung dominiert wird. Wir glauben dagegen, dass Informationen und Wissen allen gehören und wir eine Möglichkeit bieten müssen, die gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse, die unser Leben prägen, zu verstehen.

Sie betrachten »Partizán« als ein linkes politisches Projekt. Ist das Journalismus?

Wir sind engagiert und fair, und wir sind den Grundpfeilern des klassischen Journalismus verpflichtet, wie dem Schutz der Quellen, einer Überprüfung von Behauptungen, der Trennung von Fakten und Meinung. Aber wir vertreten eben auch unsere Meinung in Diskussionen und bieten unseren Gästen die Möglichkeit, unsere Argumente zu widerlegen. Wir mussten dafür kämpfen, dass dieser konfrontative Journalismus in Ungarn anerkannt wird. Ich halte die Auffassung, dass ein Journalist oder eine Journalistin seinen oder ihren Standpunkt aus der Arbeit raushalten soll, für schädlich. Das schadet der Öffentlichkeit, weil es dazu führt, dass bestimmte Meinungen viel weniger Chancen haben, wahrgenommen zu werden, während andere sich hinter der vermeintlichen Neutralität einer Marktlogik verstecken können und so dominant werden. Profitinteressen und Marktlogik sind aber auch politische Positionen.

Sie führen einen doppelten Kampf: gegen das Orbán-Regime, aber auch gegen die politischen Fehler, die 2010 zu Orbáns Wahl geführt haben. Sie sagen immer: Man braucht eine Bewegung, eine Partei. Welche Antworten kann ein Medienprojekt auf die Lügen der Zeit vor 2010 geben und welche auf die Ungerechtigkeiten in der Zeit nach 2010?

»Partizán« ist eine politische Institution. Ich glaube, der erste Schritt jeder politischen Arbeit ist eine Befreiung der politischen Vorstellungskraft. Dazu kann ein Medienprojekt durchaus beitragen. Alle, deren politische Sozialisation nach der Machtübernahme Orbáns im Jahr 2010 begann - mich inklusive - kamen in eine Situation, in der die Parteien ihre gesellschaftliche Legitimität verloren hatten, die sozialen Bewegungen extrem depolitisiert waren und NGOs versuchten, zu einzelnen Themen zu mobilisieren.

2010 war ein Flächenbrand und wir mussten anfangen, neue Institutionen aufzubauen. Die ungarische linke Subkultur ist zudem mit denselben toxischen Debatten belastet wie die westliche Linke: Ihre geringfügig relevanten Debatten lenken auch bei uns die Aufmerksamkeit von wichtigen auf unwichtige Sachen. Es erinnert an eine Ernst-Lubitsch-Komödie, mit welchen Fragen sich die Linke in Ungarn unter dem Orbán-Regime beschäftigt und welche Identitätskrisen sie mit großer Lautstärke thematisiert.

Zum Beispiel?

Es wird sehr immer wieder thematisiert, ob repräsentative Demokratie einen Sinn hat oder wir uns anders organisieren müssen. Oder diese puristischen Debatten, welche Ebenen der Zusammenarbeit mit wem vorstellbar sind. Viele Fragen werden von einer abstrakten Moral aus gestellt, oder einzelne Leute werden zur Rechenschaft gezogen statt darüber zu sprechen, wie wir unsere Ressourcen maximal ausnutzen.

Es gibt noch ein Dilemma: In Ungarn haben die Gewerkschaften immer noch weit mehr gesellschaftliche Verankerung als die NGOs. Trotzdem sind es Letztere, die in der Öffentlichkeit eine viel größere Sichtbarkeit und mehr Thematisierungspotenzial haben. Ich will die Konflikte gar nicht zuspitzen, aber diese Faktoren spielen eine Rolle und geben Auskunft auf die Frage, warum die ungarische Linke so wenig erreicht.

»Partizán« hat während der Vorwahlen im Herbst 2021 in vielen Wahlbezirken Debatten zwischen den Kandidatinnen und Kandidaten der Oppositionsparteien organisiert. Warum?

Was die Zuschauerzahlen angeht, war das unser schlechtester Monat, aber politisch war das extrem relevant. Es ist für uns sehr wichtig, populär zu sein, zitiert zu werden, angeschaut zu werden. Die Marktlogik hat mich auch mitgenommen, ich tendiere auch dazu, Erfolg auch mit den Zahlen zu verbinden. Je mehr Zugang wir zu Ressourcen haben, desto mehr können wir uns aber von der Marktlogik befreien. Wir machen populäre Sendungen teilweise, um Spenden zu erhalten, die wir dann für Medienformate verwenden, die solche messbaren Erfolge nicht aufzeigen können, aber politisch extrem wichtig sind. Solche Kandidatendebatten würden wir gern bei den kommenden Parlamentswahlen auch machen, aber dort haben wir viel weniger Chancen, weil die Regierungsseite wenig Interesse haben wird, an solchen Diskussionen teilzunehmen.

Wie finanziert sich »Partizán«?

Mehr als 50 Prozent unserer Einnahmen bekommen wir über den Social-Payment-Anbieter Patreon, mit etwa 6000 Abonnenten und direkten Mikrospenden. Das sind monatlich umgerechnet etwa 41 000 Euro. Darüber hinaus gibt es noch Spender, hauptsächlich aus Ungarn, denen wir Anonymität zusichern, weil sie zu Recht Angst vor ökonomischen Folgen haben. Und es gibt ausländische Stiftungen, von denen wir größere Summen für einzelne Formate, wie zum Beispiel die erwähnte Wahl-Roadshow, oder für Technik und Studio bekommen haben (das meiste von der schwedischen Foundation for Democracy and Pluralism, 200 000 Euro).

Wir bewerben uns ständig, wir kämpfen wie ein Schwein auf dem Eis. Mit Youtube nehmen wir auch eine erhebliche Summe ein. Wir experimentieren damit, Merchandise-Artikel - Tassen, Taschen, T-Shirts und so weiter - zu verkaufen. Und es funktioniert. Wir versuchen, noch die Gewerkschaften in unsere Finanzierung einzubinden. Aber das ist ein unterfinanzierter Sektor, und sie besitzen nicht unbedingt so viele Mittel. Wir hoffen auf noch mehr internationale Solidarität und Finanzierung.

Wie auf Youtube üblich, haben Sie hauptsächlich männliche und jüngere Zuschauer.

Wir arbeiten daran. Das ist einerseits eine Repräsentationsfrage, wer auf dem Bildschirm erscheint, als Hosts und Gäste; wegen der Medienlogik ist es wichtig, dass wir darin noch besser werden. Andererseits ist es auch eine inhaltliche Frage: wie die Geschlechterungleichheiten beziehungsweise Themen, die Frauen möglicherweise mehr interessieren, erscheinen. Aber ich glaube nicht, dass wir diese Ungleichheit in den Zuschauerzahlen mit einer »Frauensendung« beheben können. Und ich halte es für wichtig, dass nicht nur Frauen über sogenannte »Frauenthemen« sprechen (oder eben Roma über »Romathemen«), sondern wir müssen diese Aspekte in allen Sendungsformaten zur Geltung bringen.

In Ihren biografischen Interviews bemühen Sie sich, Politikerinnen und Politiker und die Akteure der Bewusstseinsindustrie über die vergangenen 30 Jahre reflektieren zu lassen - über deren (damaligen) Spielraum und eine besondere Verantwortung für die Entwicklungen. Sie selbst sind einer der wenigen bekannten Schwulen in Ungarn mit einer großen Öffentlichkeit. Stellt Sie das in eine besondere Verantwortung, sich für sexuelle Minderheiten einzusetzen?

Ich glaube, das persönliche Beispiel kann am meisten zur Normalisierung beitragen. Dass ich mit einem Mann zusammenlebe, welche Herausforderungen damit einhergehen und welche Kämpfe ich führe, darüber spreche ich in den Sendungen. Das hat vielleicht eine emanzipatorische Wirkung, aber ich möchte das nicht überbewerten. Wir möchten mit »Partizán« den Marginalisierten eine Stimme geben - nicht nur in der jährlichen Pride-Woche, sondern diese Themen zum Teil des Alltags machen. Aber »Partizán« ist auch kritisch gegenüber der ungarischen LGBTQ-Bewegung. Das bedeutet nicht, dass wir unsolidarisch sind. Aber die gemeinsame Erfahrung des Angegriffenseins macht uns nicht automatisch zu einer politischen Gemeinschaft. Wir möchten einen Raum zum Austragen von politischem Dissens bieten und gleichzeitig den Menschen Unterstützung und Anerkennung geben, die in Organisationen wichtige Hilfearbeit leisten. Das ist eine besondere Situation.

Am 3. April finden in Ungarn Parlamentswahlen statt. Rechnen Sie damit, als »Partizán« während des Wahlkampfs in die Schusslinie zu geraten?

Ich war persönlich lange Zielscheibe des Regimes, als ich noch direkten politischen Aktivismus betrieben habe. Mein Profil wurde zum Beispiel aus einer schwulen Dating-App in Zeitungen abgedruckt. Es stand auf dem Titelblatt, dass ich als Terrorist die Stadt anzünden will. Aus diesen Erfahrungen habe ich gelernt, solche Angriffe nicht mehr an mich heranzulassen. Aber das ist auch eine Klassenfrage, wie man sich infolge solcher Angriffe fühlt. Für mich als jemand aus der oberen Mittelklasse kann die aktuelle Regierungspropaganda, die gegen nicht-heterosexuelle Menschen gerichtet ist, meine Lebensgemeinschaft im Alltag nicht beeinträchtigen. Bei denjenigen, die prekäre Jobs haben, ist das anders.

»Partizán« ist durch die Öffentlichkeit geschützt. Finanziell sind wir nicht dem Regime ausgesetzt. Es gibt noch keine strategische Vereinbarung zwischen Google und der ungarischen Regierung. Ich halte es aber für realistisch, dass Google irgendwann Sanktionen verhängt, wenn das Unternehmen linken politischen Content satt hat. Diese Abhängigkeit ist stärker als das, was die Regierung machen kann. Aber das kann sich ändern. Wenn es im April nicht zu einem Regierungswechsel kommt, habe ich keine Zweifel, dass die Unterdrückung zunehmen wird. Wir stehen vor wichtigen Aufgaben, egal wie das Wahlergebnis ausfällt.

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