Die Reparatur der Sprache

Die Frauenbewegung im Zuge von ’68 wirkte sich auch auf die Sphäre der Wissenschaft aus: Die feministische Linguistik beschäftigt sich mit der patriarchalen Prägung von Sprache. Ein Gespräch mit Luise F. Pusch über die Männersprache Deutsch und Frauen in Machtpositionen

  • Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 10 Min.

Sie waren selbst Teil der Zweiten Frauenbewegung, richtig?

Ich kam da relativ spät hinzu, etwa 1975. Alice Schwarzer hatte ihren Aufruf im »Stern« gemacht, womit die Frauenbewegung dann breit bekannt wurde in Deutschland.

Luise F. Pusch

geboren 1944, ist Professorin für Sprachwissenschaft und begründete Ende der 70er Jahre zusammen mit Senta Trömel-Plötz und Marlis Hellinger die feministische Linguistik in Deutschland. Ihre Publikation »Das Deutsche als Männersprache« fundiert und beeinflusst bis heute die Debatte um eine gendergerechte Sprache.

Sie meinen die Kampagne »Ich habe abgetrieben«?

Ja. Und dann gab es damals auch diesen Gerichtsprozess in Itzehoe, gegen zwei Lesben, die einen Killer bestellt hatten, um den gewalttätigen Ehemann der einen loszuwerden. Gegen die Frauen gab es eine unglaubliche Hetzkampagne, die wurde später auch von der »Emma« thematisiert. So fing ich dann allmählich an, mich für die Frauenbewegung zu interessieren.

Und wie ist in dem Zusammenhang Ihr Interesse an der feministischen Linguistik geweckt worden?

An meiner Uni in Konstanz hat sich dann eine Frauengruppe gegründet. Wir machten eine Frauenzeitschrift, für die ich Leute interviewte, und da fragten mich die anderen Macherinnen häufig, wieso meine Sprache so männlich sei. Ich würde immer »man« sagen, dabei hieße es doch eigentlich »frau«, dabei sei doch inzwischen bekannt, dass eine als Feministin nicht so sprechen sollte. Ich habe denen zuerst immer gesagt, sie sähen das nicht richtig, linguistisch betrachtet sei das alles völlig anders: Hier würde nicht so sehr auf einzelne Worte geachtet, sondern eher das ganze Sprachsystem analysiert. Da haben die Kolleg*innen aber nur den Kopf geschüttelt und sich wahrscheinlich gedacht, na ja, die Luise hat eben eine »Déformation professionelle«, sie wird es vielleicht noch begreifen.

»Gendern« ist ein rechter Kampfbegriff - Jeja nervt: »Natürlich ist ein im Maskulinum stehender Satz ein «gegenderter» Satz!«

Aber dann hat meine Freundin und Kollegin Senta Trömel-Plötz im Herbst 1978 einen Aufsatz in der damals gerade gegründeten Zeitschrift »Linguistische Berichte« veröffentlicht. Ein jüngerer Linguist schrieb kurz darauf einen Verriss von Sentas Thesen, woraufhin ich wiederum einen Text zu deren Verteidigung verfasst habe. Im Zuge dieser Beschäftigung habe ich gemerkt, dass die patriarchale Prägung der deutschen Sprache viel stärker ist als etwa die des Englischen - und auch noch viel schlimmer, als die Feministinnen sich das mit ihrer Kritik an der Verwendung von »man« statt »frau« gedacht hatten. All das hat mich so gefesselt, dass ich dabei geblieben bin.

Diese Verteidigungsschrift erschien 1979 in Ihrem Essayband »Das Deutsche als Männersprache«. Was sind die zentralen Thesen dieser Diagnose?

Zunächst einmal sind die weiblichen Personenbezeichnungen im Deutschen aus den männlichen abgeleitet, wofür es eigentlich keinen Grund gibt. Hier wird die Zweitrangigkeit der Frau postuliert und zugleich festgeschrieben, ganz ähnlich wie schon in der Bibel: Der Mann ist zuerst da, und die Frau wird aus seiner Rippe geschaffen. Luther hat das in seiner Bibelübersetzung formuliert als »Du sollst Männin heißen, weil du aus dem Manne gemacht bist.« Die Ableitung also - die es übrigens in allen sogenannten Genusprachen gibt - war praktisch die erste Sünde gegen die Gleichberechtigung.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Bezeichnung für »Mensch« in vielen Sprachen identisch ist mit der Bezeichnung für »Mann«, so als wären Männer die eigentlichen Menschen. Das ist dasselbe Problem wie bei der Ableitung, nur auf dem Gebiet der Lexik anstelle der Morphologie: das englische »man«, das französische »homme«, »uomo« im Italienischen und »hombre« im Spanischen. Und das deutsche Wort Mensch geht eben auch auf Mann zurück.

Drittens drückt sich eine patriarchale Sprachprägung in dem generischen Maskulinum aus, über das derzeit immer geredet wird. Verteidiger*innen dieser Form vertreten die Ansicht, dass die männliche Bezeichnung auf irgendeine unbegreifliche Weise die Fähigkeit hat, für beide Geschlechter zu stehen - die aber der weiblichen Form umgekehrt nicht gegönnt wird. Das lässt sich noch nicht einmal morphologisch begründen, denn es gilt auch dann, wenn das Maskulinum aus dem Femininum abgeleitet wird, wie bei Witwe und Witwer.

Viertens das Namensrecht: Bis 1997 musste die Frau bei der Eheschließung den Namen des Mannes annehmen. Damit wurde die weibliche Abstammungslinie effektiv ausgelöscht. Eine Familie mit fünf Töchtern drohte »auszusterben«, weil kein »Stammhalter« da war.

Hier kristallisiert sich heraus, dass es letztlich politische Gründe sind, die eine Sprache patriarchal strukturieren. Wie sinnvoll ist es, dennoch mit den Regeln der Linguistik zu argumentieren, anstatt politisch?

Ja, man kann natürlich politisch argumentieren. Aber die linguistische Kritik hat trotzdem damals einen Punkt getroffen, auf den die Männer dann entsprechend allergisch reagiert haben - die Linguistik war damals ja fast ausschließlich männlich besetzt, so wie alle bedeutenden Gesellschaftsbereiche. Diese Wissenschaftler jedenfalls haben dann gleich dieses Dogma hochgehalten: In der Sprachwissenschaft beschreiben wir die Sprache, wir kritisieren sie nicht. Dabei war es damals ja gerade 50 Jahre her, dass sich die Linguisten diese Regel der angeblichen Neutralität selbst gegeben hatten, aufbauend auf der Theorie von Ferdinand de Saussure, dem »Vater« der strukturellen Sprachwissenschaft. Davor war die Sprachwissenschaft durchaus psychologisch, politisch, historisch fundiert gewesen. Aber jetzt wollte sie sich endlich emanzipieren und postulierte deshalb, es komme nur auf Sprachstrukturen an. Diese Ausrichtung entstand also aus wissenschaftspolitischen Gründen, um die Sprachwissenschaft als eigenständige Wissenschaft zu etablieren.

Also ist der formalistische Zugang gar nicht der einzige, nach dem Sprache analysiert werden kann?

Nein, gar nicht. Und ein anderer, nämlich wirklich sprachkritischer Blick war tatsächlich auch schon in den 70er Jahren möglich: Die Sprache der Nazis nämlich durfte man kritisieren, wie es Victor Klemperer getan hatte. Das habe ich auf verschiedenen Tagungen mit Interesse bemerkt und mich gefragt, was der Unterschied ist zwischen jener Kritik der Nazisprache und unserer Kritik der Männersprache. Naja, der Unterschied lag eben darin, das wir Feministinnen nicht eine historisch orientierte Kritik formulierten - das mit den Nazis, das war ja nun irgendwie vorbei -, sondern die Gegenwart kritisierten und damit implizit auch die Männer selbst. Die wollten das nicht wahrhaben und lehnten es ab, dass sie von ihrem sprachlichen Sockel heruntergeholt werden sollten.

Die »linguistische Wende« des Strukturalismus und Poststrukturalismus, die Sie ansprachen, wurde dann auch von der Linken aufgegriffen. Hier wird die Sprache nun häufig gesehen als das Konstitutionsmerkmal für Realität - und da fehlt mir als marxistisch beeinflusster Person der Materialismus, der Blick auf die Klassenfrage. Welches Gewicht messen Sie denn der Sprache in der Gestaltung der Welt bei?

Diese Frage ist mir eigentlich bei allen Veranstaltungen immer gestellt worden: Sprache und Bewusstsein, was hat das miteinander zu tun? Und ich habe dann immer gesagt, das kann man wirklich ganz einfach beantworten. Wenn ich zum Beispiel sage, »die Kollegen und Kolleginnen an meinem Institut denken dies und jenes«, greife ich durch die explizite Verwendung der weiblichen Form direkt in das Bewusstsein meines Gegenübers ein und zwinge es auf diese Weise dazu, sich auch Frauen vorzustellen. Wenn ich hingegen nur von »meinen Kollegen« spreche, dann habe ich niemanden dazu gebracht, auch nur einen einzigen Gedanken an Frauen zu verschwenden. So einfach ist das. Das hat ziemlich vielen Leuten eingeleuchtet, die das dann in ihre Praxis übernommen haben. Man muss also gar nicht in irgendwelche Theorien entschwinden, sondern es liegt vollkommen auf der Hand, wie ich mich und andere für Diskriminierung sensibilisieren kann, indem ich mir allmählich ein anderes Sprechen angewöhne.

Sie sagten eingangs, Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass das Englische strukturell weniger stark patriarchal geprägt ist als das Deutsche. Inwiefern?

Das Englische hat eine Sprachstruktur, die leichter zu reparieren ist. Zum Beispiel sind alle Personenbezeichnungen schon strukturell neutral: »The teacher« etwa kann sowohl maskulin als auch feminin sein. Im Deutschen hingegen gibt es nur maskuline und von maskulinen abgeleitete feminine Berufsbezeichnungen, und nur eine kleine Untergruppe ist tatsächlich neutral, wird dann aber nicht neutral benutzt. Zum Beispiel sagen wir »die Angestellten«, »die Geistlichen« oder »die Studierenden«. Der Plural ist neutral, aber sobald ich im Singular bin - »der Angestellte«, »der Geistliche« - haben wir wieder dasselbe patriarchale Prinzip: »Jeder Angestellte« soll auch »jede Angestellte« mitmeinen. Das Deutsche ist gewissermaßen schwerfälliger als das Englische, die männlichen Strukturen sind konstitutiver.

Sind diese verschiedenen Sprachstrukturen dann eigentlich auch Ausdruck davon, dass der deutschsprachige Raum historisch entsprechend patriarchaler strukturiert war als der englischsprachige?

Wahrscheinlich gibt es Parallelen zwischen Sprache und Gesellschaft. Aber das ist eine komplexe, große Fragestellung, die noch nicht genügend erforscht ist. Sie fällt auch nicht in mein Forschungsgebiet, sondern beispielsweise in die vergleichende historische Kulturforschung.

Das müsste vermutlich auch jeweils anhand der einzelnen Gesellschaft herausgearbeitet werden. Aber es ist eine interessante Frage ...

Und sie wird ja eigentlich immer umgekehrt gestellt! Es wird immer gesagt: »Glauben Sie denn im Ernst, dass die Gesellschaft besser wird, wenn Sie die Sprache verändern?« Und dann wird häufig das Türkische angeführt, das kein Genus hat, oder das Chinesische: Das seien dann in unserem Sinne »bessere« Sprachen, aber wir könnten ja wohl nicht behaupten, dass es den Frauen in diesen Gesellschaften besser geht. In Wirklichkeit ist das Ganze natürlich sehr viel indirekter verquickt, und im Übrigen sind beispielsweise auch die chinesischen Zeichen, obwohl sie kein Genus haben, zum Teil sehr frauenfeindlich organisiert.

Nun gibt es in Deutschland derzeit zweifellos konkrete Veränderungen hin zu einer geschlechterneutraleren Sprache. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

Mein Vorschlag, die Sprache so zu verändern, dass Frauen auch mal vorkommen, ist aufgegriffen worden, das finde ich natürlich gut. Studien zeigen ja, dass, wenn zum Beispiel ein neuer Parteivorsitzender gesucht wird und - in angeblich neutraler Form - faktisch nur nach einem Mann gefragt wird, der Mehrheit auch nur männliche Kandidaten einfallen. Wenn aber auch die weibliche Form genannt wird, wird eben eingegriffen in das Bewusstsein und es fallen den Leuten tatsächlich auch Frauen ein. Und dass die Frauen den Leuten etwas mehr einfallen, ist natürlich unendlich wichtig, damit hängen Auszeichnungen zusammen, berufliche Laufbahnen und so weiter.

Sie haben 2007 ein Buch mit dem Titel »Ohne Frauen ist kein Staat zu machen« herausgegeben. Es präsentiert Frauen, die in öffentliche Positionen gekommen sind, und da ist unter anderem Margaret Thatcher dabei, die ehemalige britische Premierministerin. Thatcher stand politisch sehr rechts, hat ein neoliberales Programm gegen die Arbeiter*innenklasse betrieben und muss als Antifeministin bezeichnet werden. Inwiefern sehen Sie es als Vorteil an, wenn diese Art der Politik von einer Frau gemacht wird?

Diese Frauen werden nicht vor allem als Vorbilder präsentiert, sondern als Orientierung: Sie hat es eben auch gegeben. Wenn Margaret Thatcher kritisiert wurde, habe ich allerdings auch immer gesagt, wir wissen nicht genau, ob nicht alles noch viel schlimmer gekommen wäre, wenn ein Mann an ihrer Stelle gewesen wäre (lacht). Zum Beispiel wurde es Thatcher als extrem kriegerisch ausgelegt, dass sie den Falkland-Krieg geführt hat. Dabei hätte ein männlicher Premierminister Argentinien vielleicht gleich auch noch mitgenommen, wenn er schon mal dabei ist ...

Mir war in dem Zusammenhang einfach wichtig, zu zeigen, das so eine demokratisch gewählte Persönlichkeit eben auch mal eine Frau ist. Dass in einem demokratischen Staat immer nur Männer als Staatsoberhäupter gewählt werden, ist statistisch unmöglich. Und ob eine Frau in dieser Position in unserem Sinn gute Politik macht, ist erst in zweiter Linie wichtig. Zunächst geht es darum, dass sie überhaupt da sein darf.

Mir erscheint es zwar sinnvoll, dieses statistische Element als Beweis dafür zu benutzen, dass wir tatsächlich in einer patriarchalen Gesellschaft leben. Aber das Patriarchat ist verknüpft mit den bürgerlichen Herrschaftsverhältnissen im Allgemeinen, und Patriarchatskritik bedeutet für mich entsprechend, sich auch gegen diese Herrschaftspositionen als solche zu stellen.

Eine solche Entwicklung wäre ja sehr zu wünschen. Aber ich gehöre zu den Gleichheitsfeministinnen und meine, dass Frauen und Männer zunächst den gleichen Zugang zu sämtlichen demokratischen Positionen haben müssen. Diese Personen dann darauf zu prüfen, ob sie tun, was wir für richtig halten, ist der nächste Schritt.

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