Sozialer Protest muss ein Störfaktor sein

Klimaaktivist Tadzio Müller über die Aktionen der »Letzten Generation« und die Radikalität der Bewegung

  • Von Louisa Theresa Braun, Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 8 Min.

Seit der Katastrophenflut im Ahrtal treiben Sie eine Debatte über »friedliche Sabotage für Klimagerechtigkeit« voran. Das hat Ihnen vor Kurzem eine Einladung des Fernsehsenders RTL beschert.

Das war »Heißer Stuhl« bei »Stern TV«, ein Format aus den 90er Jahren, das wiederbelebt werden soll. Ich war eingeladen, um über friedliche Sabotage fürs Klima zu reden. Es sollte eine konfrontative Diskussion sein, aber was dann passierte, war bizarr. RTL-Politikchef Nikolas Blome wollte nicht über das Klima reden, er wollte auch nicht wirklich über friedliche Sabotage reden. Der wollte eigentlich nur über Gewalt reden. Das heißt, in der Situation einer eskalierenden Klimakrise lädt er einen Klimaaktivisten ein und will überhaupt nicht über die eigentlichen Themen reden, sondern einen reinen Abwehrdiskurs führen.

Das Ganze war ein abgekartetes Spiel. Von einem ehemaligen »Bild«-Vizechefredakteur eine ansatzweise intellektuell redliche Diskussion zu erwarten, ist natürlich strunzdämlich. Ich bin im Nachhinein stolz darauf, dass ich es geschafft habe, ruhig zu bleiben.

Sie haben nicht die Krawallnudel gegeben.

Das ist, glaube ich, das Wichtigste, weil Klimaaktivist*innen als hysterisch dargestellt werden. Das ist für Frauen noch schlimmer, für queere Männer ein bisschen schlimm. Das war auch hier der Versuch: gewalttätige, hysterische Crazys zu zeigen.

Ihnen wurde schnell klar, wo Sie da gelandet waren?

Ja. Und das Geile war, dass im Hintergrund ständig Bilder von brennenden Autos eingeblendet wurden. Das zeigt doch, dass es Teile des diskursiven Feldes gibt - und das müssen nicht mal Klimaleugner*innen im engeren Sinne sein -, mit denen man keinen vernünftigen Diskurs mehr über Klimapolitik führen kann. Weil da eher Scham, Verdrängung und Abwehrpsychologie am Start sind als reale inhaltliche Auseinandersetzung. Die sagen, dass Klimaaktivist*innen, die Schrauben aus Baggern rausdrehen oder ihre Hände auf Autobahnen kleben, gewalttätig sind. Was hirnrissiger Quatsch ist, eine absurde Aussage.

War für Sie diese Dramaturgie nicht absehbar?

Meine Motivation, der Einladung zu folgen, war, dass »Stern TV« Leute sehen, die man mit Artikeln in der »Taz«, im »Freitag«, im »nd« und mit Interviews im Deutschlandradio nicht erreicht. Es ist seit langer Zeit eines meiner kommunikativen Ziele, Klimagerechtigkeit und Aktivismus sexy zu machen. Ein anderes Ziel ist, über diese Themen mit Leuten außerhalb der bildungsbürgerlichen Blase, in der sich - und das ist keine diffamierende Kritik, sondern ein faktisches Statement - viel von unserem Klimadiskurs bewegt. Deswegen bin ich da hingegangen. Aber Erfahrung schützt vor Dummheit nicht. Ich habe unterschätzt, in welcher Aggressivität der gegen mich vorgehen würde.

Der Ton wird in den Medien generell rauer.

Das stimmt. Die Genoss*innen von der »Letzten Generation« spüren das gerade. Genauso schlug mir ein rauerer Ton entgegen. In der Sendung ging es doch gar nicht um mich. Sondern um das, was von anderen wie den Genoss*innen der »Letzten Generation« viel lauter und effektiver artikuliert wird. Diese Stimmung wird von den Medien unter dem Frame »Radikalisierung der Klimabewegung« abgehandelt.

In dem Buch »Zwei am Puls der Erde« beschreibt Theresa Leisgang, wie Sie auf einer Fridays-for-Future-Demonstration 2019 den Schüler*innen zurufen: »Wie fühlt ihr euch dabei, dass die Politik euch komplett verarscht?« Und hinzufügen: »Wir brauchen eine Strategie, es reicht nicht, wütend zu sein.« Im »nd« schrieben Sie vor einem Jahr resigniert, alle bisherigen Strategien seien gescheitert. Was ist in diesen zwei Jahren passiert?

Der Kohleausstieg 2038 war der Gegenmove des politischen Systems. Der war höchst effektiv. Man hat unseren Klimadiskurs eingebunden in eine kompromiss-kooperatistische Runde. Und klar, dann vertickerst du das Klima mit der Rente und mit den Arbeitsplätzen und dann kommt da ein klimapolitisch relevanter Kompromiss - direkt nach der Kohlekommission, die Fridays For Future ja so groß gemacht hat. Das Scheitern der Kohlekommission oder vielmehr: das »Fuck you« des politischen Systems an die Bewegung produzierte dann den Raum, in dem Fridays for Future so stark werden konnte.

Aber die Riesenanzahl von Leuten auf den Demos und die hohe Popularität führten nicht zu den Schritten, die wir brauchen. Und jetzt möchten wir die Frage stellen: Wie messen wir den Erfolg von Bewegungen wie »Aufstand der letzten Generation«? Denn ständig wird doch die Frage aufgeworfen: Hey Leute, ihr macht euch unbeliebt - kann das gut sein für eine Bewegung?

Was ist Ihre Antwort?

Ich verstehe diesen Punkt total, aber der ist aus einer Erfahrung von elektoraler Politik gedacht, wo Popularität fast alles ist. Aber ist es denn so, dass soziale Bewegungen in allen Phasen ihrer Auseinandersetzungen gesellschaftliche Mehrheiten hinter sich haben müssen, um effektiv zu sein? Glaubt denn irgendjemand, dass ein Anti-Polizei-Riot von trans Sexworkers of Color Ende der 60er Jahre in den USA mehrheitsfähig war? Glaubt jemand, als die Suffragetten Briefkästen in London abgebrannt haben, dass die Leute in London alle dachten: Ey, mega, voll geil?

Es ist doch so, dass radikale Teile einer Bewegung das Augenmerk auf Forderungen moderaterer Teile lenken, die großen gesellschaftlichen Support haben. Aus Perspektive der Neoliberalen darf es Klimaschutz nur mit Wachstum geben. Die linke Version davon ist, dass Klimaschutz nur ohne Verlust von Industriearbeitsplätzen akzeptabel ist. Die gesamtgesellschaftliche Position lautet, dass wegen Klimaschutz niemand auch nur eine Minute später zur Arbeit kommen darf als geplant. Und das ist eine Position, die effektiv bedeutet, dass Klimaschutz nicht möglich ist.

Wir wissen inzwischen also, was nicht funktioniert. Aber wissen wir auch, welche Art von Klimaaktivismus Erfolg hat?

Erst mal ist das Szenario, dass wir in den nächsten Jahren keinen effektiven Klimaschutz in Deutschland erkämpfen, absolut realistisch. Öffentliche Aufmerksamkeit und Sympathie haben nicht gereicht. Die spektakulären Aktionen von Ende Gelände, die Baumbesetzungen im Hambi und im Danni haben nicht gereicht. Die großen Demos auch nicht. Grüne in der Regierung reichen ganz offensichtlich nicht.

Wir wissen nicht, was der Hebel ist. Durch die aktuellen Autobahnblockaden zeigen die Aktivist*innen aber, dass die Bewegung weiter handlungsfähig ist. Als soziale Bewegung leben wir auch davon, als Macht- und Störfaktor wahrgenommen zu werden. In ein paar Jahren wird man vielleicht sagen: Danke, dass ihr das gemacht habt.

Ist die Störung schon ein Erfolg?

Genau! Bei Demos messen wir den Erfolg durch die Teilnehmer*innenzahl, bei Aktionen wie denen der »Letzten Generation« durch den Grad der Störung.

In der Radikalisierungsdiskussion schwingt zunehmend die Frage nach einer Spaltung der Klimabewegung mit. Teile der Bewegung distanzieren sich öffentlich von Blockaden oder Hungerstreiks. Steht über dem Nebeneinander von radikalen und gemäßigten Strategien das gemeinsame Ziel oder bröckelt da etwas?

Wir sind noch lange nicht bei einer Spaltung der Bewegung. Ein bisschen strategischer Streit gehört dazu. Das muss eine Bewegung aushalten. Im klassischen linksradikalen Umfeld wurde früher viel ruppiger, manchmal vielleicht zu hart diskutiert. Zur linksradikalen Identitätsbildung gehört es, dass die Mehrheitsgesellschaft einen hasst, und das beruht ja auf Gegenseitigkeit. Erst das politische Ignorieren der Versprechen des Pariser Klimaabkommens hat dazu geführt, dass plötzlich die Mehrheitsgesellschaft die Bewegung gekuschelt hat. Deshalb hatten wir jetzt eine Weile dieses »Everybody likes us«-Ding.

In einem Interview plädierten Sie für mehr Spaß und Hedonismus. Wie passt das damit zusammen, dass die Bewegung gerade so in die Verzweiflung getrieben wird?

Diese Verzweiflung spüre ich ja selbst. Sie hängt mit dem enormen Zeitdruck zusammen. Unsere kollektive Produktions- und Lebensweise ist moralisch abscheulich, und damit unter diesem Zeitdruck umzugehen, führt zur »Climate Depression«, die als gesellschaftliches psychologisches Phänomen mittlerweile sichtbar ist.

Gerade deswegen bringe ich eine andere Erzählung an den Start, nämlich die über Exzess und Sex und Ermächtigungsmomente. Die habe ich bei Ende-Gelände-Aktionen schon gespürt. Als wir da in der Grube standen und alle Bagger stillgelegt hatten - das war ein High, als würde ich eine Batterie puren Lebens anfassen. Wir brauchen solche Momente in unserem Alltag. Ich spüre dieselbe Energie von Befreiung und Ermächtigung in meinem Partyleben und in meiner Sexualität wie bei großen Aktionen.

Was können wir von der jungen Generation der Klimabewegung lernen?

Es gibt eine große Bereitschaft, die eigene Praxis kritisch zu reflektieren, und ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass Effekte außerhalb der eigenen Bubble zu erzielen sind.

Man kann von dieser Generation in gewissem Sinne historische Führung lernen. Die Klimaktivist*innen gehen den Schritt von einer Protest- zu einer sozialen Bewegung. Zu den globalen Klimastreiks kommen Menschen aus vielen gesellschaftlichen Kontexten zusammen und das ist wichtig, wenn wir die Kämpfe der Zukunft gewinnen wollen. Diese Hoffnung auf eine lebenswerte, gerechte, feministische, queere, weniger kapitalistische Zukunft - also etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt -, die hat mir die junge Generation zurückgegeben.

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