Der unmoralische Veganer

Um im Netz eine hitzige Diskussion zu entfachen, braucht es oft nur wenige Stichworte, wie der Fall eines Salamibrötchens zeigt

  • Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 3 Min.
#Salamibrötchen: Der unmoralische Veganer

Einer Zählung aus dem Jahr 2020 zufolge leben knapp 2000 Menschen in Berlin auf der Straße. Hilfsorganisationen gehen allerdings von weit mehr aus - sie schätzen, dass es bis zu 10 000 Obdachlose sind. Über den Umgang mit obdachlosen Menschen entbrannte kürzlich eine Debatte auf Twitter. Auslöser war ein Tweet des Users Toni: »Ich stand heute vor der Gewissensentscheidung, einem Obdachlosen das Salami-Brötchen zu kaufen, um das er mich bat, oder nicht. Mit einer veganen Alternative war er nicht einverstanden. Habe mich dagegen entschieden. Was hättet Ihr getan?«

Fleischkonsum versus Veganismus, Armut und die große Moralfrage - mehr braucht es offenbar nicht, um im Netz eine Debatte zu entfachen. Die Kommentare unter dem Tweet reichen von Paternalismus-Vorwürfen über »gut so«, bis zu der Frage, ob das ein Scherz sei. Der Satire-Account »Der Gazetteur« kommentierte mit einem Meme, auf dem zu lesen ist: »So, der Kommentarbereich läuft also nicht wie geplant.«

In der Tat dürfte Toni, dem gerade mal 70 Leute folgen, mit den über 150 Kommentaren und 450 Retweets nicht gerechnet haben. Schnell haben auch andere Accounts die Geschichte aufgegriffen, sie im exakten Wortlaut selbst gepostet oder gar grammatikalische Dreher eingebaut: »Ich stand heute vor der Gewissensentscheidung, einem Salamibrötchen den Obdachlosen zu kaufen, um den es mich bat, oder nicht. Mit einer veganen Alternative war es nicht einverstanden. Habe mich dagegen entschieden. Was hättet Ihr getan?«, schrieb zum Beispiel Twitter-User h.w., mutmaßlich zum Zweck der Satire.

Die Intention des Schreibers, der Kontext der Geschichte oder gar die Wahrheit sind bereits kurze Zeit später uninteressant. Es geht um die Aufregung und - welch Ironie - um die Moral, sich so nicht zu verhalten. Dabei erscheint der Post mit Blick auf die komplette Geschichte in einem ganz anderen Licht: Toni traf den obdachlosen Mann laut eigener Aussage bereits vorher, kaufte bei ihm eine Zeitung und gab ihm statt des gewünschten Salamibrötchens sein restliches Bargeld. »Es war nie meine Intention, meine Lebensweise anderen Menschen aufzwingen zu wollen. Ich bedanke mich für jedes ernsthafte und konstruktive Feedback«, schreibt er einen Tag später. Dieser Post hat acht Likes und keine Retweets.

Während Tonis Verhalten einem obdachlosen Menschen gegenüber also doch unspektakulär zu sein scheint, lassen einen manche der Kommentare sprachlos zurück. So kritisiert ein User, Nächstenliebe an Bedingungen zu knüpfen, würde selbst obdachlosen Menschen aber nur dann Geld geben, wenn sie es nicht für Alkohol ausgeben. Und diese Überzeugung ist nicht selten. Müsste ich auf der Straße leben, auf kalten Pflastersteinen schlafen und auf Kleingeld einiger weniger netter Menschen angewiesen sein, dann würde ich den Tag auch mit Alkohol beginnen. Viele Menschen machen sich ja schon ein Bier auf oder schenken sich ein Glas Wein ein, wenn sie einen schlechten Tag hatten.

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Tatsächlich kann die Flasche Schnaps für Obdachlose auch überlebensnotwendig sein, wie Alexander Letzel von der Caritas auf Deutschlandfunk Kultur erklärt. Denn die Entzugsmöglichkeiten bei Obdachlosigkeit sind gering. »Und was passiert, wenn jemand auf der Straße einen kalten Entzug macht, kann sich jeder vorstellen.« Gerade im Winter könne das tödliche Folgen haben.

Persönliche moralische Überzeugungen zu predigen, ohne auch nur ein wenig sein Gegenüber oder den Kontext zu kennen, sind schlicht unangebracht. Das gilt im Netz wie im analogen Leben.

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