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Der in Scherben Gebadete

Vor 25 Jahren starb der Schriftsteller Stephan Hermlin

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.
Stephan Hermlin: Der in Scherben Gebadete

Am Ende eines kurzen Textes stehen Sätze, die diesen außergewöhnlichen Schriftsteller erklären und zugleich Geheimnis bleiben: »… über die sich verdunkelnden Wiesen fällt ein zerrissenes Licht aus zerrissenem Gewölk, und vor einem sitzt ein Mann allein auf einer Bank unter dem riesigen, dem ungeheuren Baum, der Moosbacher Linde. Der Mann wendet einem den Rücken zu. Er träumt. Über ihm träumt der Baum. Hier findest du deine Ruh. Ja. Hier.«

»Der Baum« (1989): Nicht zufällig stehen in dieser letzten Erzählung von Stephan Hermlin auch Worte wie »hold« und »seelenvoll«. Im Beschädigungseifer der Epoche mussten solche Worte wie lebensferner Hohn klingen. Nicht ihm. Ihm nie. Auf eine Zeit entfesselter elementarer Kräfte antwortet seine Dichtung mit granitenen Einfriedungen und klassischen Formen. Freiheit der Sprache und Sprache der Freiheit, ein Bruderwerk.

Geboren wird er 1915 als Sohn bürgerlicher Eltern in Chemnitz. Man spricht hausmusikalisch miteinander, fährt in der Kutsche zu Max Liebermann. Stephan wird Jungkommunist, die rote Fahne liegt versteckt unterm Teppich. Draußen tropft und sickert das Hitlerbraun. Der Gymnasiast entwindet sich unverbindlicher Innerlichkeit, er züchtigt sich mit Anerkennung einer höheren Warte. Es lockt der Eros der Dammbrüche. »Mit dem Eintritt in die KPD habe ich etwas Notwendiges gegen meinen eigenen Charakter getan, gegen das künstlich Geschützte.«

Die Emigration erfolgt 1936. Mehrere Länder, mehrere Lager. Palästina, England, Frankreich, Schweiz. Die Ausbildung als Weltbürger erhält man fliehend. Eine Lebenshaltung prägt sich aus: Er will gültig sein, er trifft eine Wahl, und eine Wahl muss Konsequenzen haben, muss Schicksal werden. Aber in allen Bünden bleibt er der Einsame - der die Bewegung allerdings auch dann nicht verlässt, als die Partei mehr und mehr zum Elendsverband gerät. Just in Friedenszeiten. Wie wird man damit fertig? Hermlin, 1983: »Man wird ganz schlecht damit fertig. Mehr ist dazu nicht zu sagen.« Der Konflikt zwischen freier Individualität und kollektivem Zwang lässt sich auf Dauer nicht mehr schöpferisch lösen. Der Dichter friert den Poeten in sich ein, und das schon Ende der 50er Jahre.

Vor allem die »Städte-Balladen«, veröffentlicht 1945, sind Hermlins markanter Betrag zur Lyrik des 20. Jahrhunderts. Schon die frühen Gedichte waren wie Beglaubigungsschreiben für das Lebensrecht eines dunklen Gemüts. Als stünden die Lamentierungen von Paul Fleming und Andreas Gryphius Pate. Ein Schrei springt aus diesen Gedichten, das Verderben buhlt unersättlich um Fleisch und noch mehr Fleisch. Kreuzreim und Alexandriner. Ein Heben und Senken des Tons. Es ist eine Gewalt am Werk, die den Dichter taumeln lässt, ihn mitreißt, er lässt es geradezu gierig mit sich geschehen. Lieber in Scherben baden als im Schaum der Lüge. Aber flammend wird auch Zukunft beschworen.

Beethovens »Trio B-Dur op. 11« steht in Hermlins kristallinem Prosastück »Abendlicht« für das, was Kunst allem Dasein voraus hat: »ein großer Augenaufschlag, die Welt könnte gut sein, und ihr könnt ertragen, was ihr tragt, ohne zu erblassen, ohne aufzuschreien.« Das ist grandios! Aber immer wachsen die Gründe, aufzuschreien, nach. Hermlin, der neidlose Elegant, wird in der DDR zum Mahner. Er propagiert Form, wo die Vergröberungen zunehmen. Kämpft in Aufsätzen und Auftritten gegen das offizielle Desinteresse am Widerspruch. Ein leiser Dissident. Er zieht keine Fäden, er möchte entwirren. Gordische Knoten will er ohne Schwerthieb lösen. Was er literaturkritisch begleitet, brillant und betörend, ist herzgelenkt, nicht wissenschaftsbefohlen oder gesinnungsbrav.

Hermlin - inmitten der Freundesaura eines Paul Éluard, Louis Aragon oder Pablo Neruda - hat wesentlich die junge Lyrik in der DDR befördert. Als er 1978 auf dem Schriftstellerkongress betont, ein »spätbürgerlicher Schriftsteller« zu sein, ist dies der rhetorische Höhepunkt einer stetig gewachsenen inneren Entfernung von der eigenen Truppe. Die Bürgerlichkeit war ihm Abstoßrampe, sie bleibt aber auch Bezug, der den Dichter im geistlosen Parteigrau immer fremder werden lässt. »Ich fühlte, dass jetzt sehr weit weg irgendwo sich ein leiser, ziehender Schmerz auf den Weg machte, um zu mir zu stoßen. Er hatte eine lange Strecke vor sich und viel Zeit. Aber ich war ruhig. Er würde mich schon erreichen.«

Im Jahr 1979 votiert er gegen jenes bleibend widerwärtige Tribunal, das unter kalter Leitung von Hermann Kant neun Autoren aus dem Schriftstellerverband der DDR ausschließt. Und 1976 hatte er die Initiative zur folgenreichen Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung ergriffen. Ausbürgerung war ihm selbst schon mal angedroht worden, von Otto Gotsche, dem proletarischen Schriftsteller. Hermlin sagte dem Ulbricht-Funktionär und Scharfmacher ins Gesicht: »Wenn ihr das tut, werdet ihr etwas Merkwürdiges erleben. Ihr werdet nämlich zum ersten Mal jemanden von vorn erschießen müssen. Sonst habt ihr ja die Angewohnheit, in den Rücken zu schießen.«

In Hermlins besten Erzählungen bricht sich erschütternde Wahrheit Bahn: Der zum Kampf gezwungene Mensch lebt, als sei er frei. Er ist es nicht. Er muss. Er muss ein Held werden - und rückt so ins Zwielicht. Denn wo der Mensch heroisch wird, ist er es meist auf eine Weise, die ihm nicht gut tut. Aber tut es der Welt gut, wenn der Mensch weniger heroisch ist, als not täte?

Auch wo es um Helden des Widerstands geht, entsteigt dieser Literatur still bohrendes Mitleid: Immer kämpft der Mensch vergeblich um sein Lebensrecht, schwach bleiben zu dürfen (»Der Leutnant Yorck von Wartenburg«, »Die Zeit der Einsamkeit«, »Arkadien«). Der Antifaschist Hermlin (»Die erste Reihe«) erzählt von den Furchtbarkeiten des 20. Jahrhunderts. Aber was in den Blutstürzen fasziniert: Die Verzweiflung in der Sprache ist schön; auch das Grauen in der Sprache ist schön. Makellose, tonpräzise Prosa. Und zeitlose Wahrheit: »Wo einer fragt, werden andere keine Antwort wissen, und wo Antworten gegeben werden, werden Fragen warten.«

Der Sog der Weltvermischungen in Hermlins Texten - Traum oder Realität? - war mit der Zeit größer und größer geworden. So wie sich in bestimmten Momenten des Tages Nebel und Sonnenschein mischen. In den meisten Erzählungen agiert ein Ich, und autobiografische Anleihen sind so selbstverständlich wie das freie Spiel mit allem Verbürgten. »Abendlicht« ist die Perfektion solcher Collage.

Im Jahre 1996 veröffentlicht der Journalist Karl Corino sein Buch »Außen Marmor, innen Gips«. Er deckt bei Hermlin biografische Fehlangaben auf, die vor allem dessen antifaschistische Grundierung betreffen. Es entbrennt eine demütigende Kontroverse in den deutschen Schnapp-zu-Feuilletons. Hermlin: der Jude - und die Angst vor der Vernichtung. Der Dichter - und seine mythische Veranlagung. Der Kommunist - und die schwungvolle Selbsthebung des Geschichtssiegers. All das stürmte auf den Charakter ein, es vereint sich, in stets umdrohter Existenz, zum Gemütstanz zwischen Fakt und Fiktion. Volker Braun, der ihm Freund ist wie Christa und Gerhard Wolf, spricht von der »abenteuerlichen Uniform«, die Hermlin sich anzog, »nicht zur Täuschung, sondern um sich kenntlich zu machen«. Außen Marmor, innen Weichteile.

Eine Gedichtzeile seines gültigen Werks hat er oft zitiert, durchaus mit Anklang, sie sei vielleicht seine einzig gültige Zeile: »Was ich ganz scheine, dessen bin ich bar.« Glaubenskraft, Ideendrama: leben, was man dichtet. Höhenflug und Höllenfluch. Außen Marmor, innen heißes Beben. Stolze Verzweiflung wie verzweifelter Stolz. Das Herz ein Januskopf. Acht Worte für Traum und Trauer eines ganzen Lebens. Stephan Hermlin starb heute vor 25 Jahren.

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