Endstation Leipzig, Vorort

Jérôme Leroy und Max Annas erzählen in ihrem französisch-deutschen Politkrimi »Terminus Leipzig« vom europäischen Naziterror

Am Leipziger Stadtrand kann es sehr gefährlich werden, vor allem nachts.
Am Leipziger Stadtrand kann es sehr gefährlich werden, vor allem nachts.

Die Angst davor, dass Polizisten, Bundeswehrsoldaten oder andere Mitarbeiter staatlicher Sicherheitsapparate mit Nazis gemeinsame Sache machen und Terroranschläge verüben könnten, ist nach diversen Skandalen mittlerweile recht groß. Wie so eine rechte Terrorserie von Nazis und Polizisten aussehen könnte, loten fiktional die beiden gestandenen Politkrimi-Autoren Jérôme Leroy und Max Annas in ihrem ersten gemeinsamen Romanprojekt »Terminus Leipzig« aus.

Der in Frankreich und Deutschland angesiedelte dystopische Krimi dreht sich dabei um Motive, die im Werk beider Autoren immer wieder vorkommen: Es geht um die Neue Rechte, die mitunter politisch prekäre Rolle der Polizei und um die Bedeutung linker und linksradikaler Geschichte. Hierzulande bekannt wurde Leroy mit seinem Roman »Der Block« über den Aufstieg einer französischen Nazipartei, die sehr der Transformation des Front National unter Marine Le Pen ähnelte, während sich Annas mit seinen Krimis über die jüngere Geschichte Südafrikas als wichtiger Kriminalautor etablierte.

Beide Autoren sind ungefähr gleich alt. Der in Lille lebende Leroy ist Jahrgang 1964, der in Berlin ansässige Annas Jahrgang 1963. Der Kontakt für ihr gemeinsames Buchprojekt kam beim seit 2005 jährlich in Lyon stattfindenden Krimifestival »Quais du polar« zustande. Wegen Corona haben sich die beiden aber nie getroffen – das geschah erstmals im März bei einer gemeinsamen Lesung im Institut français in Berlin.

Die einzelnen Kapitel ihres gerade mal 128 Seiten langen Romans wurden von Leroy und Annas abwechselnd in einer dann doch sehr ergiebigen literarischen Fernbeziehung geschrieben. Dabei herausgekommen ist ein wirklich rasant erzählter Politkrimi, in dessen Zentrum die französische Kommissarin Christine Steiner (mit deutschen Wurzeln), die einer Anti-Terroreinheit angehört, und Wolfgang Sonne, ein in die Jahre gekommener linksradikaler Polit-Aktivist aus Deutschland mit militanter Vergangenheit, stehen.

Nachdem sie erfolgreich eine neofaschistische Terrorzelle ausgehoben hat, befindet sich die Polizistin im Kurzurlaub, als zu einem Fall in Lyon gerufen wird: Ein älterer deutscher Ex-Terrorist, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebte, wird ermordet aufgefunden. Und in der Wohnung des Toten findet die Kommissarin ein Foto, auf dem sie als Kleinkind mit ihrer Mutter und einem weiteren, unbekannten Mann abgebildet ist. Was hatte ihre mittlerweile verstorbene, vor Jahrzehnten nach Frankreich migrierte Mutter mit linken Terroristen aus den 1970er Jahren zu tun? Wer ist der Mann auf dem Foto? Schon bald liegt die Vermutung nahe, dass rechte Terroristen die ehemalige linke Ikone ermordet haben und diese Tat nur der Auftakt einer ganzen Anschlagsserie sein könnte.

Jérôme Leroy und Max Annas werfen sich quasi die Bälle zu in diesem temporeichen Krimi, in dem Christine Steiner schließlich auf eigene Faust die ganze Nacht durchfährt, um in Leipzig einer Spur zu folgen. Polizeiliche Ermittlungen und das Graben in der eigenen Familiengeschichte sind plötzlich eng miteinander verwoben. In der sächsischen Pampa ist ihr vermeintlicher Vater Wolfgang Sonne gerade damit beschäftigt, im Schutz der nächtlichen Dunkelheit mit seiner Lebensgefährtin und Ex-Genossin Elke ein Waffenlager aufzulösen, denn zwecks Tagebau-Inwertsetzung wird der Leipziger Vorort demnächst weggefräst.

Aber nicht nur Christine Steiner ist auf dem Weg in den kleinen sächsischen Ort, wie sich bald herausstellt. Das actionreiche und stellenweise wirklich brutale Finale ebendort ist dann weitaus heftiger als der Roman anfangs vermuten lässt. Wobei die beiden Autoren hier in die Vollen gehen und wie in ihren bisherigen Noir-Krimis auch die explizite Schilderung von Gewalt einbauen. Dabei unterscheiden sich die Schreibstile der beiden Autoren durchaus. Max Annas’ Prosa ist etwas handlungsorientierter und sehr dialogreich, bei Jérôme Leroy wird immer wieder reichlich reflektiert.

Diese beiden unterschiedlichen Erzählweisen passen aber verblüffend gut zusammen und verleihen diesem Roman einen ungemein schnellen Beat, der zum Ende hin in ein regelrechtes Stakkato mündet, wenn der linksradikale Rentner Wolfgang aus allen Rohren feuert, Nazis Mollis werfen, während aus dem Autoradio France Gall dröhnt, deutsche Polizisten sich an der mörderischen Jagd gegen Antifaschisten beteiligen und Christine Steiner irgendwann ziemlich genau weiß, dass sie wahrscheinlich nie mehr als Polizistin arbeiten kann. »Terminus Leipzig« ist ein ziemlich düsterer Polit-Noir-Krimi, an dem sich eigentlich nur kritisieren lässt, dass er schon nach 128 Seiten zu Ende ist. Es wäre wirklich spannend, zu erfahren, wie diese dann doch etwas in der Luft hängende Geschichte weitergeht.

Die Autoren verknüpfen Privates, Historisches und Politisches zu einem faszinierenden fiktionalen Stück deutsch-französischer Zeit- und Familiengeschichte. Dabei thematisiert »Terminus Leipzig« wirklich brandgefährliche und sehr beunruhigende Bedrohungen unserer Zeit durch rechten Terror, was dem Roman hohe Aktualität verleiht, die Lektüre stellenweise aber auch zu einem regelrecht beklemmenden Erlebnis macht.

Jérôme Leroy und Max Annas: Terminus Leipzig. A.d. Franz. v. Cornelia Wend. Nautilus-Verlag, 128S., br., 16€.

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