Verwandlung statt Bestätigung

Zwei Formalisten: Vor 90 Jahren wurde der Schriftsteller Jean Ricardou geboren, vor 40 Jahren starb Georges Perec

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 5 Min.
Die strikte Form wendet sich nicht von der Wirklichkeit ab, sie stellt eine neue her, die sich an der allgemeinen reibt: Georges Perec, 1976
Die strikte Form wendet sich nicht von der Wirklichkeit ab, sie stellt eine neue her, die sich an der allgemeinen reibt: Georges Perec, 1976

Wir müssen noch einmal über den Formalismus sprechen. Sicher, der Formalismus-Streit, über den sich die Linken in den 30er Jahren schier zerfleischten, ist, ungefähr seit 1989, entschieden – zugunsten der biederen Traditionalisten. Und der zufällige Umstand, dass der glänzende Theoretiker des Nouveau Roman, Jean Ricardou, am 17. Juni vor 90 Jahren geboren wurde, wäre kein zwingender Grund dafür, das Fass noch einmal aufzumachen, ebensowenig wie es der Todestag von Georges Perec wäre, der sich am 3. März zum 40. Mal gejährt hat. Aber Ricardou und Perec, beides Formalisten in dem Sinn, dass sich ihr Schreiben von einer präzisen Form treiben lässt, geben doch eine völlig andere Perspektive auf das Problem.

Die strikte Form wendet sich nicht von der Wirklichkeit ab, sie stellt eine neue her, die sich an der allgemeinen reibt: Georges Perec, 1976
Die strikte Form wendet sich nicht von der Wirklichkeit ab, sie stellt eine neue her, die sich an der allgemeinen reibt: Georges Perec, 1976

Bleiben wir zunächst bei Perec, von dem gerade aus dem Nachlass das Werk »Lieux« (Orte) erschienen ist, und zwar zugleich in einer prächtigen Buch- und in einer Netzversion. Den »Zwang« – so heißt das bei Ricardou – des Textes beschreibt Perec so: »Ich habe zwölf Orte in Paris gewählt, Straßen, Plätze, Kreuzungen, die mit meiner Erinnerung verknüpft sind. Jeden Monat beschreibe ich zwei dieser Orte, einmal vor Ort, einmal, aus der Erinnerung, woanders.« Das Ganze, organisiert als griechisch-lateinisches (auch Eulersches) Quadrat, hätte bis 1980 insgesamt 288 Texte produzieren müssen.

Da er nach sechs Jahren aufgab und sein Projekt auch einmal unterbrach, sind insgesamt 138 Texte, genauer gesagt: Dossiers, entstanden, denn er legte Briefe, Telegramme, gekritzelte Lagepläne, Fotos, Café-Quittungen und Fundstücke bei. Die »Lieux« sollten, in Anlehnung an »Locus Solus«, den Roman von Raymond Roussel, der auch Ricardous Modell war, Perec’ »Loci Soli« werden. Eine Spielerei, könnte man denken, aber jeder, der Perecs Erzählung »W« (1975) gelesen hat, weiß, dass dieses Spiel einen grausigen Hintergrund hat.

Wie Stendhals »Leben des Henry Brulard« die größte Autofiktion des 19. Jahrhunderts ist, so ist »W« die größte des 20. – das heißt, hier werden Erinnerungen zu Fiktionen und Fiktionen zu Erinnerungen. Bei Perec geschieht das aus einem einfachen Grund: Die Eltern waren polnische Arbeiter, Juden, der Vater fiel im Krieg gegen Nazi-Deutschland, die Mutter wurde in Auschwitz vergast. Nicht nur hat Perec an diese Menschen nur schwache Erinnerungen, es ist kaum etwas über sie bekannt. Der Regisseur Jean-Marie Straub sagte einmal: »Die Proletarier haben keine Geschichte.« Und exakt das, die völlige Geschichtslosigkeit, ist der Ausgangspunkt von »W« oder »Lieux«. Hier sucht einer, findet wenig oder nichts, und was er nicht findet, erfindet er – stets nach einem strengen Programm, das das Außenskelett seiner Literatur abgibt.

In »W« wechseln zwei Texte einander ab. Der eine gibt wieder, was der Autor über seine Eltern und seine Kindheit herausgefunden hat – fast nichts. Der andere arbeitet systematisch eine fantastische Erzählung aus, von einem Inselstaat namens W, wo alles dem Sport dient. Diese zweite Erzählung erinnert nicht von ungefähr an Roussels »Locus Solus«. Mit unbarmherziger Genauigkeit werden die Regeln und die Regellosigkeit dieses totalitären Sportstaates ausgeführt, der sich am Ende als großes Konzentrationslager erweist.

Hier hat die strikte Form, die in anderen Büchern von Perec noch deutlicher hervortritt, eine andere Funktion als die, die ihr von den Verächtern des Formalismus nachgesagt wird: Sie wendet sich nicht von der Wirklichkeit ab; sie stellt, in Ermangelung einer bestimmten Wirklichkeit, eine neue her, die sich an der allgemeinen reibt. Die Eltern werden nicht wiedergefunden, der Riss wird nicht zugeschüttet, und gerade darin besteht die Literatur. Ricardou erklärt, der alte Roman sei »die Erzählung eines Abenteuers«, der neue aber »das Abenteuer einer Erzählung«.

Das Abenteuer des Erzählens setzt an die Stelle von Theologie Technik, an die von »Schöpfung« eine »Produktion« (übrigens auch der Leserinnen und Leser), und diese Produktion beginnt bei Ricardou mit einem Grundstock von Wörtern (»Basis«), die von »Generatoren« umgeformt werden. Die wichtigsten Generatoren sind Identität, Ähnlichkeit, Wiederholung. Das Prinzip Identität liegt beispielsweise einigen Texten von Meister Roussel zugrunde: Ein erster Satz spiegelt sich in einem genau gleich klingenden letzten.

Die Verfahren, die Ricardou ausbreitet, erinnern an die, die in der Sprache sowieso wirksam sind: Verdopplungen, Projektionen, Flexionen, mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr unbewusste »Affirmation« oder Bestätigung, sondern bewusste »Transformation« oder Verwandlung das Ziel ist. Darin liegt die Störung der herrschenden Ideologie. Ricardou erinnert uns daran, dass wir alle »Produzenten« sind.

1965 veröffentlichte er einen Roman, der auf dem Buchdeckel »La Prise de Constantinople« (Die Eroberung von Konstantinopel) und auf dem Rücken »La Prose de Constantinople« (Die Prosa von Konstantinopel) heißt. Diese Verdopplung oder Aufspaltung (nicht nur) des Titels gehört zu seinen »Techniken der Subversion« (und nicht umsonst spricht sich »W« auf Französisch »double v«). In seinem Roman macht sich Ricardou über Gustave Flaubert lustig, der am 16. Januar 1852 seiner Freundin Louise Colet schrieb, er wünsche sich ein »Buch über nichts«. Ricardou erfüllt diesen Wunsch, indem er den Text mit dem Wort »nichts« anfängt. Er ist, genau betrachtet, eine Widerlegung des Nichts.

Denn, sagt Ricardou, die Vorstellung einer »Schöpfung aus dem Nichts« ist ein romantischer Unsinn. Es ist ja immer etwas da, und sei es nur ein Wort. Wohl kann es sein, dass einer keine Geschichte, keinen Ursprung, keinen Sinn, keinen Auftrag, keinen Ort mehr hat. Die Zerstörungen des Nazismus und des Kapitalismus haben solche Menschen in großer Zahl hervorgebracht. Dass sie aber ganz im Nichts wären, trifft dennoch nicht zu. Sie sind in der gesellschaftlichen Sprache, und die Sprache und ihre »Transformatoren« spinnen unentwegt etwas aus, einfach dank der Regeln, die ihnen programmiert werden. Doch auch wenn sie sich selbst verdoppeln, verdoppeln sie nicht das Gegebene. In ihrer kontrollierten Produktion beharren sie auf dem Abstand von einer Welt, die sich ideologisch reproduziert.

Georges Perec: Lieux. Seuil, 608 S., br., 29 €. Die Internet-Fassung ist abzurufen unter: https://lieux-georges-perec.seuil.com. Von der Werkausgabe »L’intégrale Jean Ricardou« sind im Brüsseler Verlag Impressions Nouvelles bislang sechs Bände erschienen, je ca. 300 S., ca. 30 € pro Band.

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