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Union gegen Hertha: Das andere Derby

Die Köpenicker sind schon wieder da, die Charlottenburger suchen das Morgen

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Erfolg und Entsetzen: Unions Sheraldo Becker (r.) trifft zum 2:0, Torwart Oliver Christensen (l.) und Filip Uremovic sind machtlos.
Erfolg und Entsetzen: Unions Sheraldo Becker (r.) trifft zum 2:0, Torwart Oliver Christensen (l.) und Filip Uremovic sind machtlos.

Ein erster Spieltag liefert selten schon belastbare Erkenntnisse. Es sei denn, ein Derby steht an. Der Druck ist größer, Sieg oder Niederlage entwickeln eine ungleich stärkere Wirkung auf Mannschaften, Vereine und Fans. Und so stand Oliver Christensen komplett überwältigt beim Interview. Der Torwart von Hertha BSC war der Beste seines Teams, beim 3:1-Erfolg des 1. FC Union aber ebenso machtlos wie all seine Mitspieler. Die Enttäuschung drückte auf die Stimme des 23-jährigen Dänen. »Morgen ist ein neuer Tag«, hauchte er heraus.

Die Suche nach dem besseren Morgen wird in Charlottenburg aber noch länger dauern. Der neue Trainer ist dabei nicht zu beneiden. Die Niederlage erkannte Sandro Schwarz neidlos an. Ihn belasten tiefer gehende Probleme. »Die Gruppe, das ist das große Thema, das wir haben«, sagte er. Ihm fehlte das Füreinander, »das gegenseitige Unterstützen«. Den Start erschwert der Umstand, dass Schwarz mit einem Team arbeiten muss, das für fünf Trainer zusammengekauft wurde. Abgesehen von Retter Felix Magath sind alle daran gescheitert. Bezeichnenderweise erzielte Dodi Lukebakio Herthas Ehrentreffer zum 1:3, ein Spieler, den der Verein schon verliehen hatte und längst verkaufen wollte.

»Union war in vielen, vielen Bereichen besser«, gestand Schwarz. Hoffnung besteht dennoch. Denn überfordert und hilflos wie beispielsweise beim 1:4 im letzten Derby der vergangenen Saison wirkte das Team nicht. Mit Neuzugang Ivan Sunjic hat Hertha jetzt einen unaufgeregten Ballverteiler im Mittelfeldzentrum, der Lücken in der Defensive erkennt und füllt sowie kluge Pässe in die Offensive spielt. Auch der fleißige Rechtsverteidiger Jonjoe Kenny kann ein Gewinn werden. Wenn dann noch wortstarke und gestenreiche, spielerisch aber komplett wirkungslose Fußballer wie Davie Selke und Kevin-Prince Boateng ersetzt werden, sollte der am Sonnabend harmlose Angriff mehr Schwung und Zielstrebigkeit haben. Ob da Stürmer Wilfried Kanga helfen kann? Zwölf Treffer erzielte er in der vergangenen Saison für den Young Boys Bern. Noch zehn Tore mehr für den Ligadritten in der Schweiz schoss Jordan Siebatcheu. Er traf auch am Sonnabend, für Union, zum 1:0. Es muss sich also erst noch erweisen, ob der wegen seiner Trainer- und Transferentscheidungen ebenfalls in die Kritik geratene Sportchef Fredi Bobic Hertha besser gemacht hat.

So deprimierend die 90 Minuten für die Blau-Weißen im Stadion des Stadtrivalen auch waren, die Mannschaft wurde von den Fans danach wohlwollend verabschiedet. Da gab es vor nicht allzu langer Zeit noch ganz andere Bilder. Das gilt ebenso für die Stimmung in der Alten Försterei. Die extrem aggressive, teils hasserfüllte Atmosphäre vergangener Derbys, als schon mal Leuchtgeschosse auf das Spielfeld und die Tribünen gefeuert wurden, war diesmal nicht zu spüren. Auch das kann Hertha BSC Hoffnung machen, denn die Wut der Fans beruhte hauptsächlich auf dem Versagen des gesamten Vereins. Trainer Felix Magath hatte nach dem Klassenerhalt die »strukturellen Probleme« deutlich kritisiert: »Ich habe fast nirgendwo Unterstützung gespürt.« Der neue Präsident Kay Bernstein scheint den Verein erst einmal befriedet zu haben. Langfristig muss er Vertrauen und Miteinander aufbauen, auch im Konflikt mit Investor Lars Windhorst.

Und Union? Ist schon wieder voll da. Die alten Gesänge vom »Stadtmeister« und »Berlins Nummer eins« wurden wieder lustvoll angestimmt. Nach dem müden Pokalauftritt in Chemnitz habe »das Team gezeigt, was es leisten kann, wenn es bereit dafür ist«, erzählte Urs Fischer zufrieden. »Vom Gefühl her nicht optimal«, hatte der Trainer die Ansetzung des Derbys gleich am ersten Spieltag empfunden. Umso leichter wird ihm nach dem Sieg die Arbeit in den kommenden Wochen fallen.

Einerseits hilft die Gewissheit, ein so spezielles Spiel so souverän gestaltet zu haben: Die Gruppe funktioniert. Andererseits scheinen Abgänge wie die von Angreifer Taiwo Awoniyi oder Mittelfeldmotor Grischa Prömel wieder keine Lücke zu reißen. Siebatcheu ist sogar schon sehr viel weiter, als es Awoniyi in seiner ersten Zeit bei Union war. Der 26-jährige Mittelstürmer erzielte nicht nur sein erstes Bundesligator, sondern überzeugte auch spielerisch. Gleiches gilt für Janik Haberer. Der kluge Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive bereitete das 2:0 von Sheraldo Becker mit einem wunderbarem Lupfer vor. Am Ende stand der erste Auftaktsieg in der Bundesliga in Unions viertem Erstligajahr.

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