»Malte ist ein queerer Held«

Tausende trauern um einen am Rande des CSD in Münster getöteten trans Mann.

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist gleichermaßen traurig wie beeindruckend: Tausende Menschen stehen am Freitagabend vor dem historischen Rathaus von Münster. Über ihnen wehen Regenbogenfahnen, die progressive Pride-Flagge und die trans-Fahne. Viele Menschen haben Blumen dabei oder halten Schilder hoch. »Hass tötet!« oder »Wir wollen leben!« steht auf den Schildern.

Sie wollten ein Zeichen setzen gegen queerfeindliche Gewalt. Am Freitagmittag wurde klar, dass es nicht nur um Gewalt geht, sondern dass Malte C. getötet worden war. Der 25-jährige transgeschlechtliche Mann hatte beim CSD am letzten Augustwochenende eingegriffen, als Frauen als »lesbische Huren«, die sich »verpissen« sollten, beleidigt wurden. Malte C. hatte die Aggressoren gebeten aufzuhören. Dafür wurde er unvermittelt niedergeschlagen. Malte C. blieb bewusstlos liegen, nach fast einer Woche im Krankenhaus starb er.

Bei der Kundgebung vor dem Rathaus von Münster mischen sich Fassungslosigkeit und das Bewusstsein über die Alltäglichkeit von queerfeindlicher Gewalt. Als ein Redner aus dem Organisationsteam des CSD alle, die schonmal queerfeindlich beleidigt wurden, bittet, ihre Hände zu heben, sind rund um die Bühne fast nur erhobene Hände zu sehen. Viele Redner*innen, die das offene Mikrofon der Kundgebung nutzen, berichten aus ihrem eigenen Alltag. Sie erzählen von Pöbeleien, Attacken oder der Angst, mit dem Bus zum CSD zu fahren. Und sie kontrastieren diese Erfahrungen mit dem, was ihnen aus der Mehrheitsgesellschaft entgegenschlägt. Ein junger Mann berichtet von den Betreuern aus seiner Wohngruppe, die ihm gesagt hätten, ein CSD sei doch gar nicht mehr nötig. Ein Redner vom Verein »Trans*-Inter*-Münster« erzählt über Malte, den er seit mehreren Jahren kennt und der froh war, beim CSD das Transparent des Vereins zu tragen. Er spricht auch über den Umgang mit queeren, ganz besonders transgeschlechtlichen Menschen in den Medien. Über den CSD als große, bunte Party werde gern berichtet. Der dreißigste Geburtstag einer Selbsthilfegruppe für transgeschlechtliche Menschen interessiere dagegen genauso wenig wie Alltagsprobleme.

Immerhin eine positive Nachricht gibt es auf der Kundgebung. Zeitgleich zu ihrem Beginn gibt die Polizei bekannt, dass sie den mutmaßlichen Täter am Nachmittag im Hauptbahnhof festgenommen hat. Eine Polizistin habe ihn erkannt. Am Samstag wurde der 20-jährige Tatverdächtige in Untersuchungshaft genommen. Zu den Tatvorwürfen soll er bislang keine Angaben gemacht haben. Ein Begleiter wird noch gesucht. Die »Bild« wusste zu berichten, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einen abgelehnten Asylsuchenden aus Russland handele, der mehrfach vorbestraft sei und nur wegen des russischen Kriegs in der Ukraine nicht abgeschoben worden sei. Im Netz wurde diese Meldung begeistert von zahlreichen Rechten aufgegriffen, die sich direkt bemühten, rassistische Stimmungsmache zu betreiben.

Worüber niemand von den rechten Hetzern im Netz spricht, was von ihnen aber angeheizt wird, ist die Stimmungsmache gegen transgeschlechtliche Menschen. Claudia Kemper vom Münsteraner Verein »Livas« fand dazu bei der Kundgebung vor dem historischen Rathaus deutliche Worte. Gewalt sei nur die Spitze eines Eisbergs und unter dieser Spitze gehe schon seit Jahren »der heftigste Hass ab«. Dieser werde »immer mehr« und viele erlebten das. »Der Hass wird wie jeder Hass zuerst im Netz ausgeschüttet. Rechte, Transfeinde, radikale Abtreibungsgegner*innen, Coronaleugner*innen und sogenannte radikale Feministinnen, die es ablehnen, trans Frauen als Frauen anzuerkennen, überschütten uns alle mit Hass.« Das kotze sie an, so Kemper. Das Problem sei nicht die queere Community, sondern die heteronormative Gesellschaft.

Belege für Kempers Ausführungen gab es am Samstag gleich bei zwei weiteren CSD-Demonstrationen in deutschen Städten. Im thüringischen Gotha, wo zum ersten Mal ein CSD stattfand, riefen Neonazis zu Gegendemonstrationen auf. Im Vorfeld wurde befürchtet, dass es zu Angriffen kommen könnte. Die Teilnehmer*innenzahl bei den Neonazis blieb allerdings gering, dennoch kam es zu verbalen Attacken, während der CSD mit über 700 Menschen durch Gotha zog. In Dortmund wiederum warfen Rechte Eier und eine Flüßigkeit auf die CSD-Parade. Von der neonazistischen Kleinstpartei »Die Rechte« hieß es außerdem, dass »rechte Journalisten« die Parade begleitet hätten und dass eine »ausführliche Fotostrecke« folgen werde. Eine Ankündigung, die wohl nichts anderes sein soll als eine Feindmarkierung durch die Neonazis.

Der Tod von Malte C., der bei der Kundgebung in Münster als »queerer Held« bezeichnet wurde, mag der bisherige Höhepunkt einer Hasswelle gegen queere Menschen sein. Doch die Hetze gehört für viele Menschen zum Alltag, im Netz wie auch auf der Straße.

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