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Lust auf doppelte Revanche

Deutschlands nächster Gegner Slowenien will bei der Basketball-EM Wiedergutmachung

  • Von Oliver Kern, Köln
  • Lesedauer: 5 Min.
Luka Dončić fand zuletzt beim 71:90 in der WM-Qualifikation kaum einen Weg durch die deutsche Abwehr. Bei der EM sinnt er nun auf Revanche.
Luka Dončić fand zuletzt beim 71:90 in der WM-Qualifikation kaum einen Weg durch die deutsche Abwehr. Bei der EM sinnt er nun auf Revanche.

Luka Dončić stapfte fast wortlos durch die Interviewzone vorbei an Dutzenden Journalisten aus seiner Heimat Slowenien und vielen anderen aus ganz Europa. »Pressekonferenz«, sagte er nur, als wollte er die wartenden Medienvertreter nur ein wenig vertrösten, bevor er ihnen später alle Fragen beantworten würde. Doch dorthin kam der Superstar der Dallas Mavericks später am Sonntagabend auch nicht mehr. Ihm war nicht nach Reden zumute, denn dieser Sommer und diese Basketball-Europameisterschaft läuft so gar nicht nach seinem Geschmack.

An diesem Dienstag trifft Titelverteidiger Slowenien im vierten Vorrundenspiel der Gruppe B in Köln auf Gastgeber Deutschland. Spätestens jetzt wollten Dončić und Co. mit einem weiteren Sieg den Gruppensieg perfekt machen, doch die Favoritenrolle sind sie längst los. Stattdessen schwimmen ihre Gegner auf einer unerwarteten Erfolgswelle. Das Team des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) hat seine drei Auftaktpartien gewonnen, während die Slowenen am Sonntag mit dem 93:97 gegen Bosnien-Herzegowina die erste Turnierniederlage einstecken mussten. Selbst die Qualifikation fürs Achtelfinale ist noch nicht sicher.

Der eingebürgerte Center Mike Tobey war nicht ganz so wortkarg wie der Überspieler seines Teams und gab zu Protokoll, dass »wir mit zu wenig Energie spielen und zu selten den Korb attackieren. Aber es heißt doch, dass man mehr aus Niederlagen lernt als aus Siegen. Insofern ist es nun wichtig, wie wir darauf reagieren. Wir müssen als Team zusammenhalten und zurückschlagen.«

Im Grunde sinnt die slowenische Mannschaft sogar doppelt auf Wiedergutmachung. Nicht nur das verlorene Spiel gegen Bosnien tat offensichtlich weh. In der WM-Qualifikation war man Ende August sogar mit 71:90 noch heftiger unter die Räder geraten – gegen Deutschland. »Na klar: Die Niederlage von München macht dieses Spiel jetzt noch bedeutender. Wenn man gegen eine Mannschaft verliert, will man sie beim nächsten Mal umso mehr schlagen«, so Tobey.

Fragt sich nur: Wie? Denn bei aller Qualität der Slowenen im Angriff haben sie ihre Schwächen während dieser EM noch immer nicht abstellen können. Da wäre zunächst die fehlende Intensität. Nach vorn geht immer alles schnell, doch danach wird lustlos nach hinten getrabt, was den Gegnern immer wieder leichte Punkte ermöglicht. Mehr als 90 Punkte geben die Titelverteidiger bei dieser EM im Schnitt ab, zu viel für einen Favoriten.

»Vom Start weg haben wir zu wenig Druck auf die Bosnier ausgeübt. Die haben dann plötzlich von überall getroffen«, analysierte Sloweniens Trainer Aleksander Sekulić die jüngste Pleite. »Noch schlimmer war, dass wir wieder zu viele Rebounds abgegeben haben. Wenn wir den Gegner in der Verteidigung schon mal zu Fehlwürfen zwingen, müssen wir die Abpraller einsammeln und ihm keine zweite Chance geben zu punkten.« Dasselbe hätte Sekulić auch nach dem Spiel gegen Deutschland vor gut einer Woche sagen können, als man das Duell um die Rebounds mit 27:56 verlor. Auf Weltniveau bedeutet eine solche Diskrepanz immer, dass man das Spiel verliert.

»Wir müssen einiges besser machen als damals. Und die Deutschen sind bei der EM jetzt sogar noch besser in ihren Rhythmus gekommen. Im Zweifel wird es also noch schwieriger zu gewinnen«, prognostizierte Aufbauspieler Aleksej Nikolić, der einst in Bamberg an der Seite der deutschen Nationalspieler Daniel Theis und Maodo Lô gespielt hatte. Tatsächlich haben die Deutschen seit ihrem Sieg gegen die Slowenen nicht mehr verloren und alle Erwartungen an diese EM übertroffen. »Wenn man bedenkt, wie viel vorher darüber geredet wurde, wie schwer unsere Gruppe sei, ist es schon besonders, nach drei Spielen das Achtelfinale sicher zu haben«, zeigte sich der deutsche Flügelspieler Johannes Thiemann sehr froh über den perfekten Start ins Heimturnier.

Ausruhen wolle man sich darauf aber nicht. Stattdessen ist der Gruppensieg das neu formulierte Nahziel. Mit einem Sieg gegen die Slowenen wäre dieser fast schon sicher. »Das würde uns für den weiteren Verlauf des Turniers weiterhelfen«, weiß Thiemann, denn im Achtel- und Viertelfinale könnte man dann voraussichtlich den starken Serben und Griechen aus dem Weg gehen.

Dass man aber die Slowenen erneut recht einfach besiegen kann, glaubt Thiemann nicht: »Das wird ein anderes Spiel. Die Slowenen haben ihre Schlüsse gezogen und werden mit Sicherheit etwas verändern.« Und dann ist da ja noch Luka Dončić, der Superstar, dem selbst Bundestrainer Gordon Herbert so gern zuschaut, dass er »unter anderen Umständen Tickets kaufen würde, um ihn live zu sehen«. Auch Thiemann weiß, wie der NBA-Star ein Spiel an sich reißen und wenn nötig allein entscheiden kann: »Luka kann alles auf dem Feld, er ist sehr vielseitig und unglaublich schwer zu verteidigen.«

»Wir werden ihn nicht stoppen können, vielleicht können wir ihn aber kontrollieren«, sagte Bundestrainer Herbert am Montag. Soll heißen, mit 20 oder sogar mehr Punkten des gegnerischen Spielmachers könnte man leben – wenn gleichzeitig verhindert wird, dass Dončić zudem auch seinen Mitspielern zu vielen leichten Punkten verhilft. In München war dem deutschen Team genau das gelungen. Nun gilt es, diese Leistung erneut abzurufen.

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