Komplexitätsverweigerung

Das große Ärgernis: Robert Misik hat ein geschwätziges und eitles Buch über 200 Jahre linke Kunst geschrieben

Widersprüche lieber aussparen? Die italienischen Futuristen um den Faschisten Marinetti bleiben in Robert Misiks Buch »Das große Beginnergefühl« unerwähnt.
Widersprüche lieber aussparen? Die italienischen Futuristen um den Faschisten Marinetti bleiben in Robert Misiks Buch »Das große Beginnergefühl« unerwähnt.

»Dieses Buch beschreibt die Wechselwirkung von revolutionären Ideen, neuen Wahrnehmungsformen und Avantgarde und zeichnet die, im Doppelsinn, ›rote Linie‹ der Moderne. Es ist eine linke Geschichte von 200 Jahren moderner Kunst.« So heißt es etwas großspurig auf dem Klappentext zu dem Büchlein »Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution« von Vielschreiber Robert Misik. Um es vorwegzunehmen: Ihm ist mit seinen 250 Seiten keine neue »Ästhetik des Widerstands« gelungen, sondern er hat nur ein oberflächliches und etwas selbstverliebtes Traktat veröffentlicht.

In einzelnen Kapiteln widmet sich der Autor bestimmten Künstlern oder künstlerischen Strömungen. Den Auftakt macht er mit einigen Seiten zu Honoré de Balzac und erklärt mit Marx, dass, einfach gesagt, auch reaktionäre Schriftsteller fortschrittliche Kunst produzieren können. Es ist ein Gedanke, den Misik zwar zitiert, der aber auf den restlichen Seiten keine Rolle mehr spielt. Richtigerweise stellt er fest, dass Realismus vielleicht das zentrale Schlagwort ist, wenn es um linke Kunst geht. Ein paar Seiten weiter stellt er aber bereits unter Beweis, dass er einen unterkomplexen Begriff von realistischer Kunst hat, die er wohl mit naturalistischen Abbildungen der Wirklichkeit verwechselt. So wird man an den Grund der zentralen Fragen allerdings nicht vordringen.

Einzeldarstellungen erfahren auch Heine, Flaubert und Baudelaire, der Fin de Siècle und der Kubismus, Giacometti wie Jackson Pollock. Und damit sind noch gar nicht alle erwähnt. »Das große Beginnergefühl« ist unterhaltsam und einnehmend geschrieben, wenn auch die Oberflächlichkeit zu Ungenauigkeiten verleitet. Bei dieser Materialfülle, der Misik gern Herr geworden wäre, wenn er denn gekonnt hätte, geht dann auch mal das eine oder andere durcheinander. Und die Brüder John Heartfield und Wieland Herzfelde verschmelzen etwa fast zu einer Person.

Eines der Übel dieses Buches besteht darin, dass Misik über alle Künstler in Superlativen schreibt. Sie sind ihm allesamt Helden. Da man es hier nicht mit einer sachlichen Kulturgeschichtsschreibung zu tun hat, wundert man sich über dieses salomonische Vorgehen. Und – es kommt noch schlimmer – Misik stellt sie alle in eine Reihe, sie alle haben auf ihre Art an und mit linker Kunst gewirkt, und sie alle haben irgendwie Recht. Sie alle wollten ja doch irgendwie dasselbe. Diese unzulässige Vereinfachung hilft niemandem – außer dem Autor, der gerne eine runde Geschichte erzählen möchte. Schon die Konstruktion, es gäbe so etwas wie eine klar abzugrenzende Geschichte linker Kunst und sie ließe sich als 200-jährige Erfolgsgeschichte erzählen, ist äußerst fragil. Sie trägt nicht, weil sie nicht stimmt. Und nein, Pablo Picasso, Walter Gropius und Erwin Piscator haben nicht gemeinsam an der einen großen Sache gearbeitet. Ihre Kunst ist schwerlich überhaupt zu vergleichen. Und wahrscheinlich ist, dass nicht zwei von ihnen hinter derselben Barrikade Platz gefunden hätten.

So wie Misik sehr unterschiedliche Künstler unter einem diffusen Linkssein summiert, so entschieden geht er den wirklich interessanten Fragen, nämlich solchen, die Widersprüche sichtbar machen, aus dem Weg. Wie verhält es sich denn mit den politischen, ja antipolitischen Avantgarden? Was ist mit dem italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti, den es zum Faschismus zog? Ist die Kriegsbegeisterung der deutschen Frühexpressionisten keiner Erwähung wert? Was ist mit den linken Avantgardisten, die sich unter Goebbels’ Künstlerdach einrichteten?

Abgesehen von der Neigung, alles mit allem in Zusammenhang stellen zu wollen, vollkommen undialektisch Geschichte zu schreiben, vermittelt dieses Buch keine originären Gedanken. Es ist ein zusammengestelltes Sammelsurium aus Enzyklopädiewissen und recht amüsanten Anekdoten. Man wird das Gefühl nicht los, man bekomme mehr Einblick in die private Lektüreliste des Autors als in den eigentlichen Gegenstand von »Das große Beginnergefühl«.

Auch eine andere Lücke klafft. Joseph Brodsky und – immerhin! – Welimir Chlebnikow werden zwar erwähnt. Auch an Kandinsky, Rothko, Tatlin und Malewitsch kommt Misik nicht vorbei, wenn auch nur als Randnotiz. Erstaunlich ist es dennoch, mit welchem Desinteresse er russischer und sowjetischer Kunst begegnet, obwohl sie so bedeutungsreich für seinen Gegenstand ist. Er tut so, als hätte es vor 105 Jahren keinen Oktober in Russland gegeben. Haben Sergej Eisenstein und Dziga Vertov nicht gemeinsam mit anderen die junge Filmkunst revolutioniert? Darf man über Wladimir Majakowski schweigen, wenn man über linke Avantgarde zu schreiben gedenkt? Darf man die Proletkult-Bewegung ignorieren? Haben Meyerhold und Tairow nicht das Theater erneuert? Hat Bulgakow nicht die Literatur auf seine Art verändert? Diese Ignoranz gegenüber russischer Kultur mag dem Zeitgeist entsprechen, aber sie ist auch eine ärgerliche Fahrlässigkeit, insbesondere dann, wenn man liest, wie der Autor sonst eher nicht zur Beschränkung neigt.

Zur zeitgenössischen Bühnenkunst hingegen äußert sich Misik. Die Ausführungen lesen sich, als wären sie direkt den Presseaussendungen der Theater entnommen. Und so wird dann auch das banale Unterhaltungstheater eines Falk Richter zur avantgardistischen Bühnenkunst der Gegenwart hochgejubelt. Misik findet im ganzen Buch kaum ein negatives Wort.

Auch Bertolt Brecht ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Ihm versucht Misik auf ein paar Seiten gerecht zu werden. Statt sich seinem Gegenstand exemplarisch zu widmen, will er wieder alles abhandeln. Und so sind das wilde Frühwerk, das große epische Theater des späten Brecht und die Formexperimente durch die Lehrstücke wieder nur Ausdruck des einen Brecht, der aber doch selbst eine komplexe und widersprüchliche Person mit einem komplexen und widersprüchlichen Werk war. Im Ton des gutmütigen Erkläronkels merkt Misik über den wichtigsten Erneuerer des Theaters im 20. Jahrhundert an: »Wenn alles ins Rutschen gerät, ist das interessant, besonders für junge Leute.« Um diese Binse reicher, kann man das Buch dann auch zur Seite legen.

Robert Misik: Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution. Suhrkamp, 284 S., br., 18 €.

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