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Zum Wohl des ganzen Menschengeschlechts

Die Vision einer Welt ohne Krieg des italienischen Philosophen Domenico Losurdo

  • Sabine Kebir
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Traum vom Ewigen Frieden – ihn träumten und propagierten unter anderem die deutschen Philosophen Immanuel Kant und Johann G. Fichte. Sie begrüßten die Französische Revolution in der Hoffnung, diese würde ihn realisieren. Denn als Verursacher der Kriege sahen sie zu ihrer Zeit die untereinander konkurrierenden Feudalregime an. Der universalistische Gedanke der Aufklärung, die Vereinigung des Menschengeschlechts in »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« schien sich durchzusetzen. Die 1792 in Hamburg ins Leben gerufene, bildungsbürgerliche Zeitschrift »Minerva« beispielsweise dokumentierte die Selbstbefreiung der 500 000 Sklaven der Kolonie Saint Domingue, die sich 1804 als Republik Haiti unabhängig erklärte. 1801 wurde dort die erste Verfassung der Geschichte verabschiedet, die allen Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft, gleiche Bürgerrechte verlieh.

Wegen zunehmender Geistesschwäche konnte Kant den weiteren Verlauf nicht mehr reflektieren. Fichte wurde zum Verfechter von bis heute im politischen Denken debattierten Theoremen wie der »Permanenten Revolution« und des Exports der Revolution. Seine hehren Illusionen brachen zusammen, als Napoleon Bonaparte, der Haiti zwar nicht zurückerobern konnte, die Sklaverei aber auf den anderen französischen Inseln in der Karibik wieder einführte, Europa mit opferreichen Kriegen überzog und die von ihm gestürzten Fürsten durch Familienangehörige und andere Günstlinge ersetzte. Fichte engagierte sich im antinapoleonischen Befreiungskrieg. Frieden schien nun nur noch als von den Völkern auch durch Waffen zu verteidigendes Gut. Und da zwischenstaatliche Konflikte nicht auszuschließen waren, entwickelte er die Idee einer friedliche Koexistenz fördernden Institution namens Völkerbund.

Georg Lukács und Ernst Bloch diagnostizierten beim späten Fichte »reaktionäre Mystik« und nationalistischen Chauvinismus. Für den italienischen Philosophen Domenico Losurdo ist der sich mehrfach korrigierende Deutsche jedoch ein »großer Theoretiker der nationalen Unabhängigkeitskämpfe« geblieben. Er schließt sich Georg Wilhelm Hegel an, der schließlich erkannte, dass sich der idealistische Universalismus der Revolutionsjahre in eine universalistisch daherkommende Despotie verwandelt hatte. Zugleich aber hielt jener die im Verlauf der Befreiungskriege nach dem Vorbild des vom französischen Imperator verfügten Gesetzeswerkes, dem »Code Napoleon«, durchgesetzten bürgerlichen Reformen für einen Fortschritt, der auch Preußen erfasste.

Dieser von Losurdo in seiner zwei Jahre vor seinem Tod verfassten Vision einer Welt ohne Krieg spannend nachgezeichnete philosophische Bogen enthält Begriffe und Grundlinien, die nach wie vor aktuell sind. Das Ideal der unter einheitlichen Prinzipien endgültig befriedeten Menschheit ist lebendig wie eh und je und grundiert Regierungsprogramme. Allerdings haben sich im Verlauf des Ersten Weltkriegs zwei bis heute konkurrierende Strömungen herausgebildet. In Fortsetzung der sich im 19. Jahrhundert, insbesondere im britischen und US-amerikanischen Raum, herausbildenden Theorie und Praxis des auf ökonomischem Liberalismus basierenden Welthandels, verkündete US-Präsident Woodrow Wilson, dass dessen Ausbreitung, verbunden mit repräsentativer parlamentarischer Demokratie, die Welt zunehmend einen und friedlicher machen werde. Dafür beanspruchten die USA allerdings auch schon damals die weltweite Führungsrolle.

Der russische Theoretiker und Revolutionär Wladimir I. Lenin hielt Kapitalismus und Imperialismus für die Ursache von Kriegen, die nur eine solidarische sozialistische Wirtschaftsordnung beseitigen könnte. Daraus entwickelte sich in der III. Internationale die universalistische Idee der Weltrevolution, geführt von der Sowjetunion. Mit den der Oktoberrevolution folgenden Interventionskriegen Deutschlands, der Entente und der USA wiederholte sich jene Etappe der Französischen Revolution, in der die europäischen Mächte des Ancien Régime nach Frankreich eingefallen waren, um den Umsturz rückgängig zu machen. Unter großen, auch territorialen Verlusten gelang es der jungen Sowjetunion, die damaligen Invasoren wie später die deutschen Faschisten zu vertreiben und eine das ganze 20. Jahrhundert prägende Ära globaler antikolonialer Befreiungsbewegungen zu fördern, die jedoch von schwerwiegenden Konflikten durchgerüttelt wurden. Der zunächst vom Kreml, vor allem von Leo Trotzki verfochtene Export der Revolution wurde dann zwar abgeblasen zugunsten einer Politik der friedlichen Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichen Systemen. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg schimmerte dieser wieder durch beim Versuch Moskaus, sich einen Cordon Sanitaire mit den ebenfalls sozialistisch ausgerichteten osteuropäischen Staaten zu schaffen. Den Hauptgrund für den schließlichen Zerfall des sozialistischen Lagers sieht Losurdo in der Unterschätzung und Missachtung nationaler Belange, bis hin zu kriegerischen Konflikten. Dazu zählt der Italiener auch die Interventionen in Ungarn und der ČSSR 1956 und 1968.

Das Ende des Ostblocks schien das von Francis Fukuyama prophezeite »Ende der Geschichte« einzuläuten, weil sich nun Wilsons Paradigma der liberalen Wirtschaftsdemokratie global zu realisieren schien. Auch China und Russland passten sich dem weitgehend an. Aber viele Staaten des Südens erkannten bald, dass die vom IWF und der Weltbank aufgezwungene Privatisierung, Liberalisierung und Verschuldung sie in ihrer Entwicklung zurückwarfen und wieder in koloniale Abhängigkeit führten. Wer sich widersetzte – zunächst waren es öl- und gasreiche Länder des Nahen Ostens –, wurde von Kriegen und Stellvertreterkriegen überzogen oder mit Sanktionen unter Druck gesetzt. Diese führten nirgendwo zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Ihre Wirkung ist mit der von Kriegen vergleichbar.

Durch die Konsolidierung Chinas und Russlands meinte ein Teil des Südens, mit jenen für sie vorteilhaftere Austauschbeziehungen eingehen zu können. Der Westen büßte Hegemonie ein, es kam zu einer neuen Blockkonfrontation, die sich – so Losurdos Befürchtung – zu einem neuen Weltkrieg auswachsen könne. Er geißelt Kriege, die als »humanitäre Friedenseinsätze« bezeichnet werden. Er entlarvt das selektive historische Narrativ, dass die Stammländer der liberalen Demokratie nach innen und außen besonders friedlich gewesen seien. Diese Behauptung blende den bis heute fortbestehenden Rassismus aus, der den Genozid an amerikanischen Ureinwohnern, Sklaverei und Sklavenhandel rechtfertigt hatte. Sie blende zudem die blutigen Interventionen der USA, etwa gegen Mexiko und die Philippinen, wie auch die Kolonialverbrechen Frankreichs, Großbritanniens und der Niederlande oder die Opiumkriege gegen China aus.

Ohne das Ideal einer friedlichen Welt aufzugeben, ist Losurdo Hegel gleich überzeugt, dass diese niemals widerspruchsfrei sein werde. Gewaltkonflikte wären nur vermeidbar, wenn die Weltgemeinschaft Formen der Kooperation, in denen die unterschiedlichen Entwicklungswege großer und kleiner Staaten gleichermaßen respektiert werden, ohne vom Systemexport eines Hegemons bedroht zu werden. Dass Dominico Losurdo weder das baldige Absterben des Staates noch die Verfestigung nationaler Souveränitäten sieht, bringt ihn in Konfrontation mit historischen und aktuellen Konzepten vieler Linker.

Domenico Losurdo: Eine Welt ohne Krieg.
Die Friedensidee von den Verheißungen der
Vergangenheit bis zu den Tragödien der
Gegenwart. A. d. Ital. v. Christel Buchinger. Papyrossa, 462 S., br., 28 €.

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