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Flucht oder Ziel?

»Das Rosen-Experiment« von Jan Böttcher ist ein Roman über Psychologie, Frauenbefreiung und das Berlin vor 100 Jahren

  • Anne Hahn
  • Lesedauer: 4 Min.

Berlin 1928. Jan Böttchers Roman »Das Rosen-Experiment« bietet historische Kulisse mit emanzipatorischem Inhalt und weit mehr als diese Einzelteile. In Raum 700 des Berliner Stadtschlosses ist Zenia Naujas Königin. Die aus Lettland stammende Doktorandin des umschwärmten Psychologen Zadek plant ein Experiment, dessen Grenzen sie mit schmalen Holzleisten auf dem Boden des Saals auslegt. Ihre Versuchspersonen sollen aus dem markierten Bereich heraus eine Rose angeln, an die sie auf den ersten Blick nicht heranreichen. Es soll drei Möglichkeiten der Lösung geben. Ärger vorprogrammiert.

Im Schloss des entthronten Kaisers hatte sich (im Roman wie in der Wirklichkeit) die Fakultät für Psychologie der Friedrich-Wilhelms-Universität eingenistet. Dort wie im nahe gelegenen Schwedischen Café erforschte der Pionier der Psychologie, Kurt Tsadek Lewin, mit seinen Doktorandinnen und Doktoranden seelische Spannungen, innere Bedürfnisse und Affekthandlungen. Im Buch heißt er Leonard Zadek. Er folgt einer bestimmten Technik: »Wir müssen den Ärger schon erzeugen, um ihn zu betrachten, denn sonst verlieren wir zu viel Zeit damit, auf der Straße die Zufälle abzuwarten.«

Für den 1973 in Lüneburg geborenen Romancier Jan Böttcher, der von den US-amerikanischen Schriften Lewins ausgehend auf das Experiment und seine Berliner Protagonistinnen stieß, emanzipierte sich hier nicht nur ein Fach samt den studierenden Frauen – eine wissenschaftliche Gruppe hielt ihrer Zeit den Spiegel vor. Böttcher gestaltet ein Zeitfenster dieses Aufbruchs und füllt das Jahr 1928 mit Leben. Er entfaltet hier sein Panorama der Psychologiegeschichte; die Hauptfiguren sind Frauen: Zenia Naujas, die besessen Forschende, freundet sich mit Helene Lassahn, einer Kellnerin des Schwedischen Cafés, an und macht sie zu ihrer Assistentin.

Mit großem Einfühlungsvermögen gestaltet Jan Böttcher ein Figurengespann, das einen Ausschnitt der Berliner Wirklichkeit vor 100 Jahren imaginiert. Damals gab es in Berlin einen Emanzipationsschub, Berlin »wurde zu einem Laboratorium des Frauenlebens jenseits der bürgerlichen Ehe und mit eigenem Geld aus einer Anstellung«, schreibt Annett Gröschner in ihrem Buch »Berolinas zornige Töchter« über die Berliner Frauenbewegung: »Wer als junge Frau nach Berlin übersiedelt, (…) wird zur Großstädterin. Das ist ihr verbindendes Selbstverständnis, wie der Eigensinn und die Selbstermächtigung.«

Böttchers Figur Helene Lassahn ist eine junge Frau aus der Arbeiterklasse, die eine Ausbildung abgebrochen hat, als Kellnerin und Kindermädchen arbeitet und ihre Chance ergreift, mit Zenia Naujas am Psychologischen Institut zu forschen. Sie hilft bei den Experimenten zum Ärger, erlebt die befreiende Energie der Gemeinschaft, des Studierens im Kolloquium. Das legendäre Kolloquium gab es wirklich. Die Gruppe um den Psychologen forschte zu Übersättigung und entdeckte nebenbei das, was wir heute Burn-out nennen. Oder dass wir uns an unerledigte Handlungen besser erinnern als an erledigte.

Im Seminar schauen sie Buster Keaton: »Warum war der Kerl auf der Leinwand so lustig, wenn er lief? Umtost von Welt und so diszipliniert, so rasend schnell dabei, er flog beinahe, aber mit äußerster Zurückhaltung in den Gliedern. Und die ganze Welt um ihn herum wirkte immer komischer und exorbitanter, weil sein Körper sie nicht kommentierte. Er blieb auf der anderen Seite – allein, laufend, flüchtend vor den weiß gewandeten Frauen. Die überall waren. Die ihn jagten. Er lief und er durfte nicht lachen, es hätte den Zauber gelöst.« Er läuft einen Berg hinunter und gerät in eine Lawine aus Pappmaché-Geröll, bis die Frauengruppe ihm auch dort, am Fuß eines Steilhanges, entgegenkommt und beinahe erwischt.

Die Szene könnte als Sinnbild für den Roman gelesen werden. Sie stammt aus der Stummfilmkomödie »Seven Chances« von Buster Keaton aus dem Jahr 1925. Zenia Naujas, dem Kino lachend entschlüpft, rennt durch halb Berlin. Durch die Stadt, durch die Zeit. Professor Zadek bezeichnet die Fluchtszene Buster Keatons im nächsten Seminar als Handlungsganzes: eine Gestalt, die sich nicht hinreichend durch ihre Einzelteile erklären lässt.

Wohin führt die Freiheit des Denkens und Forschens, das Erzeugen des Ärgers durch unsere beiden Hauptfiguren im konkreten Kontext? Mitgerissen stolpern wir über die Fallstricke des Autors und erschließen manches erst im Nachsinnen. Das Staunen bleibt. Professor Zadek fragt am Ende des Seminars zur Buster-Keaton-Film-Betrachtung: »Ist nun die Fluchtbewegung stärker oder das Zielstreben? (…) Anders gefragt: Denkt der Zuschauer das Ziel überhaupt mit?«.

Jan Böttcher: Das Rosen-Experiment. Aufbau, 367 S., geb., 23 €.

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