Mehr Stress am Tagebau

Psychiatrie-Fachverband sieht Handlungsbedarf in Sachen Klimawandel und psychische Gesundheit

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Leben am Tagebau Garzweiler führt bei den Bewohnern der anliegenden Dörfer zu erhöhtem Stress. Eine Studie der RWTH Aachen zeigte in diesem Jahr, dass Stressfaktoren hier siebenmal höher sind als in der Normalbevölkerung: Hier wirkt nicht nur der Kohleabbau in direkter Nachbarschaft; untersucht wurden auch Wirkungen des anstehenden Heimatverlustes und möglicher Umsiedlungen auf die psychische Gesundheit. Das ist nur ein einzelnes Beispiel für ein Forschungsthema, das sich gerade entwickelt. Der Fachbegriff heißt Solastalgie. Benannt werden damit belastende Verlustgefühle, die entstehen, wenn Menschen starke Veränderungen oder gar Zerstörungen des unmittelbaren Lebensraumes direkt miterleben müssen.

Im Klimawandel spielt die Vernichtung von Heimat auch in Deutschland eine nicht mehr übersehbare Rolle: Im Tal der Ahr mussten Menschen eine Sturzflut überstehen, im Berliner Grunewald und in Brandenburger Wäldern brannte es teils tagelang. Diese Ereignisse erscheinen um so gravierender, je näher der eigene Wohnort liegt.

Dass es einen Zusammenhang von Hitze, Trockenheit und Extremwetter mit der Erderwärmung gibt, wird immer weniger bestritten. Das große Problem für den Arzt und Entertainer Eckhart von Hirschhausen ist: »Wir befinden uns hier kollektiv in einer Realitätsverweigerung.« Die Welt wende sich nicht zum Besseren, »aber wir tun viel zu wenig«. Von Hirschhausen, der selbst früher als Kinderpsychiater tätig war, stellte am Mittwoch mit Psychiatern der Fachgesellschaft DGPPN deren Berliner Erklärung vor. Darin werden zum Thema Klimawandel und psychische Gesundheit politische Forderungen gestellt, aber es gibt auch eine Selbstverpflichtung der Psychiatrie.

»Die Klimakrise ist ein Notfall für Körper und Seele«, erklärt von Hirschhausen weiter. »Und der hitzeempfindlichste Teil des menschlichen Körpers ist das Gehirn. Dort wird zudem die Hitzeregulation des Körpers koordiniert.« Im Laufe des Gesprächs wundert sich der Fernsehmoderator darüber, dass es mit Forschung zu diesem Thema in Deutschland recht dünn aussieht. Weder wird der Hitze-Gehirn-Zusammenhang in großen Instituten untersucht noch wird so etwas vom Bund gefördert. »Was aber passiert bei 42 Grad mit Eiweißen? Proteine renaturieren«, antwortet er sich selbst. Wird ein Ei einige Minuten in Wasser von einer Temperatur über 40 Grad gehalten, wird es hart. »Und es bleibt hart. Es besteht aus Wasser, Fetten und Eiweiß. So ist auch unser Gehirn zusammengesetzt.« Mit dem Beispiel will von Hirschhausen zeigen, dass Naturgesetze nicht verhandelbar sind.

Über psychische Folgen von Naturkatastrophen spricht Andreas Heinz von der DGPPN. Nicht nur affektive Erkrankungen, darunter Depressionen, haben zum Beispiel nach dem Wirbelsturm Katrina 2005 in New Orleans zugenommen, sondern ebenso die traumatischen Störungen. Unter den verschiedenen Verschlechterungen der Lebensbedingungen weist der Psychiater vor allem auf die zunehmende soziale Ungleichheit hin. Hier gebe es eine fast lineare Korrelation mit den ähnlich ansteigenden psychischen Folgen. Außerdem weist Heinz, der leitend an der Berliner Charité tätig ist, auf eine aktuelle Meta-Analyse hin, die zeigt, dass mit jedem Grad Temperaturanstieg auf der Erde das Risiko für psychische Erkrankungen um 0,9 Prozent steigt. Wird diese Zahl auf Deutschland übertragen, hieße das: Zu den etwa 17 Millionen psychisch Erkrankten käme noch einmal eine Million Patienten dazu.

Zu versorgen wären aber nicht nur deutlich mehr psychisch Kranke. In einer Hitzwelle wird die Symptomatik auch stärker. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit erklärt, dass die Betroffenen etwa ein dreifach erhöhtes Sterberisiko hätten im Vergleich zu Zeiten mit Durchschnittstemperaturen. Auch Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson oder Demenz geht es in der Hitze schlechter. Was ist also zu tun? Zu den Forderungen der Berliner Erklärung gehört unter anderem, schützende Ressourcen gegen Hitze gerecht zu verteilen: So soll es Parks und Stadtgrün in allen Kiezen geben. Die Bundesregierung sollte auch für neue WHO-Richtwerte zu Luftschadstoffen streiten. Die Vertreter der psychiatrischen Berufe ihrerseits verpflichten sich, über die Zusammenhänge von Klimawandel und psychischer Gesundheit aufzuklären oder auch ihre Behandlungsabläufe klimaneutral zu organisieren.

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