Die DDR durfte keine Mitgift einbringen

Die DDR nach der DDR – zwei Französinnen haben sich unter die Ostdeutschen gemischt

  • Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.
Nicht von vorvorgestern, sondern frisch. Brötchen nach DDR-Rezept schmecken vielen Ostdeutschen heute noch besser als andere; Werbung in Freiberg.
Nicht von vorvorgestern, sondern frisch. Brötchen nach DDR-Rezept schmecken vielen Ostdeutschen heute noch besser als andere; Werbung in Freiberg.

»Solange die Hasen keine Historiker haben, wird die Geschichte von den Jägern erzählt«, schrieb der US-amerikanische Historiker Howad Zinn in seiner 1980 erschienenen »Geschichte des amerikanischen Volkes«, in der er vor allem über das schwere Los und die opferreichen Kämpfe der Sklaven, aber auch von Arbeitern und Einwanderern erzählte. Die Ostdeutschen hätten eigentlich ihre Historiker haben können, doch die waren rasch von ihren universitären Lehrstühlen und anderen Institutionen abgewickelt und konnten ihre Publikationen nur in kleinen Verlagen oder im Selbstdruck publizieren. Und so ist die Geschichte der DDR und ihrer Bürger bislang vornehmlich von mit reichlich öffentlichen Fördergeldern ausgestatteten westdeutschen Geschichtswissenschaftlern und Publizisten nachgezeichnet worden, in einer Weise, in der sich die von ihnen Beäugten, Analysierten, Be- oder Verurteilten nicht wiedererkannten.

Es scheint in Frankreich eine besondere Affinität für die DDR zu geben, was gewiss auch daran lag, dass sie in dem zweiten deutschen Staat einen antiarchistischen erkannten, der konsequenter als das westdeutsche Pendent mit unheilvoller deutscher Vergangenheit gebrochen hatte. Mehrere Autoren in unserem Nachbarland wandten sich dem verschwundenen ostelbischen »Arbeiter- und Bauernstaat« zu. Jetzt auch die französischen Historikerinnen Agnès Arp und Élisa Goudin-Steinmann, die eruieren wollten, wie die DDR im Leben der Ostdeutschen bis heute nachwirkt. Dafür haben sie 30 ehemalige DDR-Bürger interviewt – bis auf zwei Männer, einen früheren Mitarbeiter des MfS sowie ein Stasi-Opfer, ganz »normale« Menschen, weder Oppositionelle noch Funktionäre, die sich mit dem Staat identifiziert oder arrangiert hatten, durchaus kritisch eingestellt waren und sich bis heute »Eigen-Sinn« (Alf Lüdtke) bewahrt haben. Das von den beiden Französinnen für eine breitere, außerakademische Leserschaft verfasste Buch hat in ihrer Heimat große Aufmerksamkeit gefunden. Es dürfte nicht überraschen, wenn dieser Erfolg in ostdeutschen (hoffentlich auch westdeutschen) Landen noch getoppt wird.

Eingangs rekapitulieren die Autorinnen die Gründung der DDR als ein Projekt engagierter Kommunisten, die in der Weimarer Republik politisiert worden waren und gegen Hitler gekämpft hatten. »Sie träumten davon, der Welt zu zeigen, dass Deutschland nicht nur das Land der NSDAP und der Shoah war, sondern auch der erste westeuropäische (eigentlich mitteleuropäische, K.V.) Staat, in dem der Sozialismus und die klassenlose Gesellschat triumphieren würden. Im Zeitraum von nur drei Generationen hat sich diese Sehnsucht jedoch verbraucht.« Was nicht heißt, dass man nicht über progressive gesellschaftliche Alternativen nachgedacht hat, im Gegenteil, ein reformierter, demokratischer Sozialismus mit menschlichem Antlitz war das Motiv, das im Herbst 89 die Menschen auf die Straßen trieb und die lebhaften Debatten in Kirchenräumen, in Hinterhöfen und später an den »Runden Tischen« in allen Städten und Gemeinden der DDR bestimmte. Der Suche nach einem »dritten Weg« war jedoch keine ausreichende Zeit gegönnt. Sie wurde durch den überstürzten Anschluss abgewürgt und sollte auch rasch vergessen werden. Symptomatisch, so die Autorinnen, seien die harschen Kritiken westdeutscher Provenienz an Christa Wolfs Werk »Was bleibt« gewesen, in der die Schriftstellerin ins Bewusstsein rief, dass Opposition zur DDR nicht unbedingt Zustimmung zur Bundesrepublik bedeutet habe.

Dazu passt eine Beobachtung von Christoph Hein. In ihrem Kapitel »Entwertung(en)« zitieren die Autorinnen aus dessen Anekdotenband »Gegenlauschangriff« eine Episode, die eine Freundin des Schriftstellers bei einer Kur erlebte. Sie hatte die Bekanntschaft von zwei Damen aus Baden-Württemberg gemacht, die sich als Buchhändlerin und Leiterin eines Lesekreises vorstellten. Auf die Frage, ob sie ostdeutsche Autoren lesen würden, schüttelten jene den Kopf, »so etwas« interessiere sie nicht. »Während die DDR-Literatur internationale Anerkennung genießt und mehrere Autoren, die in zahlreichen Sprachen übersetzt wurden, internationale Literaturpreise erhalten haben, kennen Westdeutsche, die sich als Literaturhaberinnen vorstellen, keinen einzigen ostdeutschen Autor.« Sic.

Obwohl die Logik dieses Staates für einen sehr großen Teil der Bevölkerung nach 40 Jahren ihren Sinn verloren habe, so Agnès Arp und Élisa Goudin-Steinmann, habe niemand mit einem so schnellen Zusammenbruch gerechnet. Das gilt allerdings nicht nur für Ost, sondern auch West. Kanzler Helmut Kohl indes witterte die Chance einer gekippten Stimmung und diktierte seinen Kurs auf einen schnellen Beitritt der DDR, ohne Rücksicht auf Verluste.

Viele ehemalige DDR-Bürger, so der Befund der Autorinnen, beschreiben das Gefühl eines Abgrunds, der sich unter ihren Füßen auftat, sprechen von Angst angesichts der sich überstürzenden Ereignisse und der Unvorhersehbarkeit ihrer Zukunft. Die erbarmungslose Radikalität des Umbruchs, der ihr Leben auf den Kopf stellte, nährte »eine gewisse DDR-Nostalgie«, die in den 90er und Anfang der 2000er Jahren sehr stark ausgeprägt gewesen sei und inzwischen allmählich abnehme.

In den Erzählungen ihrer Interviewpartner wird die DDR nicht nur als ein Staat der politischen Unterdrückung erinnert, registrieren Agnès Arp und Élisa Goudin-Steinmann und fügen hier hinzu: »Wollte man die Geschichte der Bundesrepublik nur als Geschichte der Bonner Regierung, des Bundesgerichtshofes, der Polizei und der Verfolgung der Roten Armee Fraktion (RAF) erzählen, wäre die Empörung groß. Der Bruch zwischen Ost und West ist kein Ergebnis der Trennung der beiden deutschen Staaten, er erfolgte nach der Vereinigung.«

Um diesen Bruch zu verstehen, muss man die ungeheure Enteignung und Entrechtung der ehemaligen DDR-Bürger, die Massenarbeitslosigkeit, das Wegbrechen sozialer Sicherheiten sehen. Die 70-jährige Erika Horn, die mit ihrem Mann in einem großen Kombinat gearbeitet hat, berichtet, wie dieser tagelang weinte, als er den Betrieb, den er mit aufgebaut hatte, abreißen musste. Sie selbst hat mehrere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) absolviert, alles für die Katz. Arbeitslosigkeit bedeutete für die Ostdeutschen, so die Autorinnen, nicht nur Verlust der Arbeit, sondern auch sozialen Leben. Ebenso berührend die Geschichte von Dolly, 1970 geboren, die in einem Kinderheim aufwuchs, weil sie vor elterlichem Missbrauch geschützt werden musste, mit 16 eine Ausbildung als Zoofacharbeiterin absolvierte, dann in einer LPG arbeitete, mit 17 erstmals Mutter wurde und vom Staat eine Wohnung erhielt. »Dank« Treuhand war sie bis 2006 arbeitslos, hangelt sich als alleinerziehende Mutter zweier Kinder mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. »Dolly gehört zu den Menschen, die besonders unter der Vereinigung gelitten haben«, merken die Autorinnen an. Beeindruckend, wie einfühlsam und sachkundig die beiden Französinnen ihre Interviews in eine kritische Reflexion der letzten drei deutschen Jahrzehnte einflochten.

»Wenn die Bürger beschlossen hätten, gemeinsam eine neue Verfassung zu schreiben, hätten sie sich mit den Unterschieden zwischen den beiden Systemen auseinandersetzen müssen und das Nationalitätenrecht (Abstammungsprinzip wie in der Bundesrepublik oder Geburtsortprinzip wie in der DDR), das im Osten liberalere Abtreibungsrecht oder das in der DDR gesetzlich garantierte Recht auf Wohnung und Arbeit angleichen müssen. Vielleicht hätte sich so die Möglichkeit eröffnet, positive Aspekte der Sozialpolitik der DDR zu übernehmen. Das ist nicht geschehen, die DDR durfte nichts als Mitgift einbringen«, beanstanden die Autorinnen.

Ehemalige DDR-Bürger mussten sich nicht nur mit einer weitreichenden Diskreditierung ihres einstigen Staates auseinandersetzen, »in dem sie aufgewachsen waren, gearbeitet und gelebt hatten«, sondern auch mit der Entwertung ihrer Biografien und Lebensleistungen. Besonders deutlich wird dies im kulturellen Bereich mit der schlagartigen Abwertung des künstlerischen Gehalts von Werken aus der DDR. 1983 begrüßte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, noch euphorisch die Gründung des Ludwig-Instituts für DDR-Kunst in Oberhausen. Nach dem Mauerfall änderte sich der Tonfall brutal, wie der Maler Johannes Heisig bemerkte. Erst mit der ersten Retrospektive zur DDR-Kunst 2003 schien der Bann allmählich aufzubrechen. Ähnliches registrieren die Autorinnen auch in der Geschichtswissenschaft. Seit den Nullerjahren werde die DDR differenzierter gesehen, die realen Erfahrungen der Menschen einbezogen.

Chapeau! Ein hochinteressantes, sorgfältig recherchiertes und erkenntnisbringendes Buch mit einem weisen Schlusssatz: »Die Entwicklung war nicht naturgegeben, die Geschichte der DDR hätte anders enden können, die Vereinigung hätte die Gründung eines neuen Staates ermöglichen können.«

Agnès Arp/Élisa Goudin-Steinmann: Die DDR nach der DDR. Ostdeutsche Lebenserzählungen. A. d. Franz. v. Claudia Steinitz. Psychosozial-Verlag, 314 S., br., 32,90 €. Die Autorinnen präsentieren ihr Buch am 24.11. in der Hellen Panke (15 Uhr, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin).

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