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Starkes Miteinander

Mit besonderer Hinwendung hilft der Verein LiSA sozial benachteiligten jungen Menschen beim Start ins Berufsleben im Bootsbau oder in der Tischlerei

  • Peter Steiniger
  • Lesedauer: 10 Min.
Randy Rohde mit Ausbilder Holger Kühn beim Hobeln mit der Raubank.
Randy Rohde mit Ausbilder Holger Kühn beim Hobeln mit der Raubank.

Mitten im Berliner Ortsteil Tempelhof ist sie noch sehr präsent, die Welt der Arbeit jenseits der Dienstleistungsgesellschaft. Neben Märkten für Baustoffe oder Fliesen haben sich auf den alten Industrieflächen am Ufer des Teltowkanals Speditionen, diverse Handwerksbetriebe und Schrauberbuden für Autos und Zweiräder niedergelassen. Mittags sieht man hier Menschen im Arbeitskittel oder Blaumann zu Kantinen strömen. Ein Bild – fast wie aus alter Zeit.

Tischlermeisterin Michaela Hoffmann leitet das Projekt und vermittelt auch Theorie.
Tischlermeisterin Michaela Hoffmann leitet das Projekt und vermittelt auch Theorie.

Dass die Zeit nicht stehengeblieben ist, wird spätestens am Hafen Tempelhof deutlich, wo seit Ewigkeiten keine Güter mehr umgeschlagen werden. Vor mehr als einem Jahrzehnt haben sich dessen Speicherhäuser in eines der vielen Einkaufszentren in der Hauptstadt verwandelt. Im ehemaligen Funkwerk am Südufer neben der Colditzbrücke hat sich eine private Fachhochschule für Pflege und Medizin niedergelassen, gegenüber befindet sich eine Gemeinschaftsunterkunft für Hunderte Flüchtlinge.

Lisja Boysen bei der Arbeit an der Formatkreissäge.
Lisja Boysen bei der Arbeit an der Formatkreissäge.

Das weitläufige Firmengelände nebenan fällt in die Rubrik Vermischtes. Der zweistöckige »Bau 6« mit Blick auf den Kanal beherbergt eine besondere Ausbildungseinrichtung, die sich »Land in Sicht – Ausbildungsprojekte e.V.« und kurz LiSA nennt. Der gemeinnützige Verein betreibt hier an der Colditzstraße mit acht bis zehn Angestellten eine Mischung aus Werkstatt, Schule und sozialpädagogischer Einrichtung, hilft jungen Menschen bei der beruflichen Orientierung und verschafft ihnen mit einer Ausbildung in der Tischlerei oder im Bootsbau einen Weg aus prekären Lebenslagen. Die Zukunft des Projekts selbst ist an diesem Standort nur noch bis August 2023 gesichert. Angesichts der Immobilienlage in Berlin wird es schwer, einen bezahlbaren Ersatz zu finden.

Alina Eilenstein ölt Leisten für eine Holzhandtasche.  Mit ihr im Werkstattraum arbeiten Bootsbau-Azubi Kalipha Keita mit der CNC-Fräse und Mirwais Ahmadzai an einem Hängeschrank.
Alina Eilenstein ölt Leisten für eine Holzhandtasche. Mit ihr im Werkstattraum arbeiten Bootsbau-Azubi Kalipha Keita mit der CNC-Fräse und Mirwais Ahmadzai an einem Hängeschrank.

Den Hut bei LiSA e.V. hat Projektleiterin Michaela Hoffmann auf. Die resolut-freundliche 53-Jährige berlinert los, wie man es eher vom Umland der Stadt kennt. Ursprünglich stammt sie aus dem Dörfchen Gottberg bei Neuruppin im Land Brandenburg. »Da reden wir alle so!« Ihre eigene Tischlerlehre hat sie zu DDR-Zeiten in einem Fertighauswerk in Werder gemacht. Weibliche Lehrlinge waren in diesem Beruf keine Ausnahme, berichtet sie. »Das war ganz normal, da wurde nicht so ein Bohei drum gemacht.«

Neben der Arbeit machte die Mutter einer Tochter von 1999 bis 2000 in Walzleben ihre Tischlermeisterin. 2008 stieg sie dann aus ihrem Job bei einer kleinen Tischlerei in Tempelhof aus und bei LiSA e.V. ein, arbeitete zunächst als Ausbilderin in der Werkstatt. Im Umgang mit ihren Schützlingen wird schnell spürbar, dass die Chefin diesen nicht nur fachliche Orientierung gibt, sondern auch gemocht und respektiert wird. Michaela Hoffmann betont, wie wichtig es sei, dass die Teilnehmenden auf ihrem Weg in den Beruf auch menschlich gestärkt würden. »Und die Kombi kriegen sie hier.«

»Wir sind wie eine Familie!«, sagt Lisja Boysen und ihre Augen lächeln mit. Sie steht am Anfang ihres dritten Lehrjahres in der Tischlerei und hat gerade konzentriert mit der Formatkreissäge gearbeitet. Die 19-Jährige stammt von der Nordseeinsel Sylt und erzählt, dass sie schon immer zum Handwerk wollte. Ihr Gesellenstück soll ein Schreibtisch werden: »Natürlich mit Geheimfach«, verrät sie. Mirwais Ahmadzai (22), der als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland kam, ist mit der Gestellsäge beschäftigt. Ausbilder Holger Kühn gibt ihm ein paar Hinweise. Mirwais weiß genau, warum er Tischler werden will: »Man kann alles bauen, was man will«, erklärt er selbstbewusst.

Das Projekt verfolgt ein klares Ziel. Michaela Hoffmann: »Alle, die hier eine Ausbildung machen, sollen in Lohn und Brot kommen, Steuerzahler werden.« Das gelingt fast immer. Auch wenn es nicht immer Tischlereien sind, wo die jungen Leute unterkommen. Der Tischlerberuf sei sehr vielfältig, betont die Ausbilderin. »Der eine kann in den Treppenbau gehen, der andere Fußböden machen, die nächste Bautischlerei, Möbeltischlerei oder arbeitet ausschließlich in der Arbeitsplanung am Computer.« Eine weitere Option sind Baumärkte. Gerade für alleinerziehende Mütter sei es schwierig, auf Baustellen zu arbeiten. »Aber jede Tischlerei freut sich, wenn sie eine ausgebildete Dame im Büro hat – die wissen nämlich, welchen Beschlag sie da bestellen.«

Mit der Ausbildung im Bootsbau finden sich feste Arbeitsplätze auf Werften, im Flugzeugbau, mit Windkrafträdern oder bei der Marine. Der Um- und Ausbau von Wohnschiffen bietet dafür weitere Chancen. Kurz vor Abschluss der Lehre (»Nicht zu früh, damit sie nicht wieder vergessen werden.«) schickt der Verein seine Azubis als Praktikanten in Firmen, mit denen das Projekt kooperiert. »Die wollen die dann auch gern behalten«, versichert Hoffmann.

Die Corona-Zeit war für alle Beteiligten bei LiSA ein harter Schlag. Habe man vorher oft beklagt, meint Hoffmann, dass die heutigen Jugendlichen zu viel Zeit mit ihrer Elektronik verbringen, sei auf einmal nur noch Online-Unterricht möglich gewesen. Für ihre Teilnehmenden, die einen »doch ziemlich schwierigen sozialen Hintergrund« und nicht selten Lernschwierigkeiten hätten, war das eine deutliche Überforderung. Da die meisten in Wohneinrichtungen oder anderswo in engen Verhältnissen leben, haben sie auch die Ausgangsbeschränkungen während der Pandemie besonders getroffen.

LiSA hat für alle Laptops angeschafft und separate Lernräume eingerichtet, doch wirklich kompensieren ließen sich die Erschwernisse beim Lernen nicht. Und die Prüfungen waren trotz der besonderen Umstände nicht weniger hart. »Wir haben es geschafft, dass niemand abbricht, dass niemand wegrutscht«, betont die Projektleiterin nicht ohne Stolz. Dennoch: »Die Auswirkungen spüren wir bis heute, sowohl im schulischen Bereich als auch im Sozialverhalten. Da sind wirklich Ängste da.«

Besonders bezahlt machte sich in der schwierigen Phase für die diakonische Einrichtung LiSA ein klobiger Lastkahn aus dem schönen Jahr 1927. An Deck des Ausbildungsschiffes, das am Treptower Park liegt, gegenüber der Insel der Jugend, konnte die Arbeit schließlich regelmäßig fortgesetzt werden – »mit Abstand und Maske an der frischen Luft«, berichtet die Projektleiterin. Der Finow-Maßkahn für die Binnenschifffahrt, der auf den wunderlichen Namen »Horst-Günther« hört, war einmal das Pilotprojekt des Vereins, der 1993 aus der Jugendarbeit der Evangelischen Kirche heraus mit einem mädchen-spezifischen und speziell auf junge Mütter ausgerichteten Ansatz gegründet wurde.

Zunächst in Berlin-Köpenick beheimatet, erhalten seitdem junge Frauen bei »Land in Sicht« eine Ausbildung als Bootsbauerin, erobern sich einen traditionellen Männerberuf. Aus dem schrottreifen Kahn machten die jungen Leute und ihre Ausbilder Stück für Stück ein Jugendbildungsschiff mit Tagungsraum, sanitären Einrichtungen und Übernachtungsplätzen in Kabinen, das ebenso für Seminare, Klassenfahrten und Feiern genutzt werden kann. Männliche Auszubildende sind bei LiSA seit 2004 mit an Bord, zwei Jahre später wurde die Ausbildungspalette um die Tischlerei erweitert. Anfang 2007 erfolgte der Umzug an den heutigen Standort in Tempelhof.

Hier findet sich nicht nur alles, was nötig ist, um die beiden handwerklichen Berufe von der Pike auf praktisch zu erlernen. Denn das LiSA-Bildungsprogramm ist speziell auf sozial benachteiligte und individuell beeinträchtigte junge Menschen zugeschnitten. Dazu zählen etwa Probleme mit dem Lernen und der Schule oder Unstimmigkeiten im familiären Umfeld. Daher gibt es zusätzlich zu dem, was die Azubis im Rahmen der dualen Ausbildung am Oberstufenzentrum Planen – Bauen – Gestalten Max-Bill-Schule im Bezirk Pankow-Weißensee an Theorie vermittelt bekommen, noch Stütz- und Förderunterricht. Die Bootsbau-Azubis pendeln zwischen Berlin und Travemünde an der Ostsee. Partner dort ist die Schule der Handwerkskammer Lübeck. Auf dem Weg zum Berufsabschluss ist eine Zwischenprüfung zu absolvieren. Und vor der Prüfung vor dem Prüfungsausschuss der Innung steht eine sehr fordernde Gesellenstück-Bauphase.

Das Ausbildungsprojekt schließt auch da Lücken, wo Systeme überfordert oder Eltern vom eigenen Job ausgebrannt sind, etwa indem es junge Erwachsene auf den Schulabschluss und damit den Erwerb der Berufsbildungsreife vorbereitetet. Im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe bietet es zwischen drei und zwölf Monaten dauernde Maßnahmen zur Berufsorientierung sowie -vorbereitung an. Dabei werden – mit Lernen in kleinen Gruppen und individuell angepasst – Wissenslücken geschlossen, Betriebspraktika absolviert und junge Menschen an die handwerkliche Arbeit und besonders an den Werkstoff Holz herangeführt. Auch mit Personen, die transgender sind, hat LiSA bereits Erfahrung und sie sind hier ausdrücklich willkommen.

Unterstützung erhalten die Azubis auch bei Schwierigkeiten mit den Ämtern und der Korrespondenz sowie bei der Bewältigung von persönlichen Krisen oder solchen des beruflichen Alltags. Sozialpädagoginnen sind fester Teil des Sonderprojekts, das darüber hinaus mit einer psychotherapeutischen Praxis kooperiert, die bei LiSA regelmäßig Beratungsstunden und Workshops anbietet. Dazu kommen künstlerische Aktivitäten, die Freude bereiten sollen und die dabei helfen, Hemmschwellen zu überwinden – wie beim Trommeln. Dafür wurden während der Pandemie extra 200-Liter-Fässer angeschafft und ein Kurs gebucht. In einer großen Halle konnte man endlich wieder etwas gemeinsam machen. Immer mittwochs für eine Stunde wird laut Dampf abgelassen. Die Teilnahme ist freiwillig, doch irgendwann trauen sich auch die Schüchternsten. »So etwas schweißt wirklich zusammen«, berichtet Susanne Schaller, die sich aus der Immobilienbranche verabschiedet hat, um bei dem sozialen Verein zu arbeiten, und bei der hier viele Fäden zusammenlaufen. Sie zeigt Videos, die beweisen, wie viel Freude Azubis und Beschäftigte am Trommeln haben.

Eine Lehre in den Tempelhofer Lehr- und Werkstatträumen können junge Menschen über die Jugendhilfe oder Arbeitsförderung beginnen. Drei Jahre dauert die Ausbildung in Vollzeit zur Tischlerin oder zum Tischler, Bootsbauer lernen dreieinhalb Jahre bis zu ihrer Gesellenprüfung. Neben Holz wird auch mit Kunststoff gearbeitet sowie lackiert. In Teilzeit verlängert sich die Ausbildung jeweils um ein halbes Jahr.

Für jeden Einzelnen nimmt man sich bei LiSA die Zeit, die ein gewöhnlicher Betrieb für seine Auszubildenden nicht aufbringen kann. Diese stammen nicht nur aus Berlin – aus dem ganzen Bundesgebiet stoßen junge Frauen und Männer mit Interesse am Handwerk auf das Projekt oder werden dorthin vermittelt. Die Akzeptanz und individuelle Begleitung, die ihnen das LiSA-Kollektiv gibt, stärkt die Motivation und schafft ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl unter den angehenden Bootsbauerinnen und Tischlern, die auf den Besucher wie ein verschworenes Team wirken.

Gelernt wird der Umgang mit Maschinen mit modernster Steuerungstechnik, aber auch ein ganz klassischer Drechselkurs steht auf dem Programm. Michaela Hoffmann geht es um das Gleichgewicht von Innovation und Tradition: »Man kann ganz viel per CNC fräsen, aber mir ist auch wichtig, dass die angehenden Handwerker auch den Gegenpart beherrschen.« Zu den Älteren unter den Auszubildenden bei LiSA gehört Alina Eilenstein, die im vierten Bootsbau-Lehrjahr ist. Die 28-Jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von sechs und neun Jahren. Sie berichtet, dass sie über das Jobcenter in diese Maßnahme gelangt ist, bei der man auf ihre besondere Situation Rücksicht nimmt.

Obwohl nur wenige Dutzend vorhanden sind, gibt es noch freie Plätze. Doch junge Menschen zu aktivieren ist gar nicht so einfach. Das ist auch eine Nachwirkung der Corona-Zeit: »Weil die, die nicht aufgefangen wurden, immer noch zu Hause sitzen«, schätzt Projektleiterin Hoffmann ein. Um das zu ändern, möchte LiSA eine Brücke zwischen Schulen und Ämtern bauen. Außerdem habe es das Handwerk mit der Gewinnung von Nachwuchs grundsätzlich schwer. Denn alle, die irgendwie den Bogen geschafft hätten, wollten jetzt unbedingt irgendetwas mit Informationstechnik machen oder studieren.

Der Zweckbetrieb von LiSA e.V. erzeugt keine Produkte für den Markt, sondern ist allein der Förderung der beruflichen Bildung verpflichtet. Er ist ein Dienstleister, bei dem staatliche Ämter dafür Maßnahmen einkaufen. Um an einer solchen teilzunehmen, sind einige Hürden zu überwinden, erklärt Chefin Hoffmann Schritt für Schritt den Weg ins Projekt. Interessenten müssen dafür eigenständig zum Jugendamt gehen, damit es »pädagogischen Bedarf« bescheinigt. Um eine Zuweisung zu erhalten, sei auch etwas Beharrlichkeit nötig. Zu viele würden da auf halbem Weg stehenbleiben.

Manchmal sind es Berufsschulen, die dem Verein jemanden empfehlen. Auch Eltern, die im Internet (lisa-ev.de) auf das Projekt gestoßen sind, werden aktiv. »Wir hatten sogar eine Oma, die für ihren Enkel angefragt hat«, berichtet Susanne Schaller. Nicht nur Schulabbrecher oder Beeinträchtigte kämen in Frage, sondern alle, die einer Ausbildung in der freien Wirtschaft nicht gewachsen sind. Entsprechend beraten lassen kann man sich auch bei der Jugendberufsagentur. Oder man vereinbart direkt einen Termin bei LiSA für ein erstes Gespräch, dem meist ein Probetag folgt. Um dann sagen zu können: »Ja, da will ich hin.«

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