»Nichts war so wichtig für die Rezeption der Antifa«

Kämpfen, Spielen, Diskutieren: Warum »Antifa – Le Jeu« in Frankreich so erfolgreich ist. Ein Test und ein Gespräch mit den Erfindern

  • Ines Wallrodt und Christof Meueler
  • Lesedauer: 16 Min.
Die Ideen sollen im Vordergrund stehen: Das linke Erfolgsspiel aus Frankreich
Die Ideen sollen im Vordergrund stehen: Das linke Erfolgsspiel aus Frankreich

In Frankreich macht ein linkes Brettspiel Furore: »Antifa – Le Jeu«. Es handelt davon, wie Antifa-Gruppen gebildet werden, um auf Aktionen der extremen Rechten zu reagieren. Dabei geht es vor allem um die Diskussion unter den Mitspielenden: Was muss man tun, um politisch erfolgreich zu sein? Das Spiel, das von dem Autonomen-Kollektiv »La Horde« entwickelt wurde, ist schon sehr erfolgreich. Wir spielten und diskutierten es mit Rita und Eric, zwei Genoss*innen von »La Horde«, die die nd-Redaktion besuchten (ihre Namen haben wir geändert).

Warum kann man jetzt Antifa spielen?

Rita: Weil wir den Leuten erklären wollen, was Antifa-Arbeit ist. Das kann man besser in einem Spiel erfahren, als wenn man Vorträge hält. Das haben wir lange genug gemacht: Eine Person redet ganz viel, und dann werden Fragen gestellt. Das hat uns nicht mehr so gut gefallen. Und da wir privat ganz normale kommerzielle Spiele gespielt haben, dachten wir, das ließe sich mit unserer politischen Arbeit verbinden. So entstand die Idee zu einem Spiel.

Eine Art Schulungsmaterial?

Rita: Ja, das Spiel ist ein Weg, unsere Erfahrungen als langjährige Aktivisten weiterzugeben. Wir hatten anfänglich nicht die Idee, es zu veröffentlichen, sondern wollten damit unsere Seminare besser strukturieren. Wenn jüngere Leute mit der Politik anfangen, tun sie manchmal so, als müssten sie alles neu erfinden, als hätte die antifaschistische Bewegung keine Geschichte. Das stimmt natürlich nicht. Viele Dinge wurden schon ausprobiert. Darüber können Jüngere und Ältere miteinander sprechen. Wir wollen zeigen, dass Antifa-Arbeit sehr vielfältig ist. In den letzten Jahren ist Antifa in den französischen Medien ein Thema geworden, wird aber sehr einseitig dargestellt: Antifa steht da für Gewalt und Chaos. In Deutschland kennt man das seit langem. Für uns war das neu. Wir wollen zeigen, dass die Realität ganz anders ist.

Gibt es ein Vorbild für das Spiel?

Eric: Es funktioniert ein bisschen wie das Brettspiel »Pandemie«. Jeder Spieler wählt eine Rolle und muss mit den anderen zusammenarbeiten. Es ist ein kooperatives Spiel. Die Geschichte spielt innerhalb eines Jahres. Jeden Monat passiert etwas: Man sucht sich Ereignisse aus, gegen die man dann etwas tun muss, zum Beispiel: Ein besetztes Haus soll geräumt werden. Oder eine Demonstration von Royalisten ist angekündigt. Hakenkreuze wurden auf jüdische Gräber geschmiert, oder eine Veranstaltung mit einem Holocaust-Leugner steht bevor.

Rita packt das Spiel aus. Erstaunen: Es ist kein Brettspiel, sondern besteht aus großen und kleineren Karten. Die großen sind die Aktionen, die wir unternehmen wollen: Versammlung, Demo, Konzert, Blockade, Petition … Um sie durchzuführen, braucht man Leute, Ideen und Geld. Aber es gibt auch besondere Umstände: Verhaftungen, schlechte Presse oder schlechtes Wetter. Das sind die kleineren Karten, die werden an die Aktion angedockt. Aber wogegen richtet sie sich überhaupt? Aus einem Stapel ziehen wir zwei Ereignisse: Rechte Ultras machen Terror im Fußballstadion, und ein Jugendlicher im Banlieue wurde von der Polizei getötet.

Rita: Es ist besser, nicht nur ein Ereignis zu wählen, weil sonst Wohl und Wehe der Gruppe an einer einzigen Aktion hängt. Jede Ereigniskarte zählt eine bestimmte Punktzahl, die wir durch unsere Aktionen erreichen müssen. Die Punkte werden auf einer Extrakarte gesetzt: die Moral der Gruppe. Es kann vor und zurück gehen. Bis dahin, dass Leute aussteigen, die Gruppe sich zerstreitet, zerbricht und am Ende tot ist.

Wie habt ihr die Ereignisse ausgesucht?

Rita: Wir haben da konkrete Ereignisse und Personen im Kopf, zum Beispiel Dieudonné, ein extrem antisemitischer Typ, der in Frankreich mit Shows erfolgreich ist. Aber diese Leute werden nicht explizit benannt, damit das Spiel auch in fünf Jahren noch funktioniert, also zeitlos ist. Es gibt nur eine Ausnahme: Clément Méric. Das war ein Freund von uns, der 2013 in Paris von Neonazis ermordet wurde.

Dann gründen wir eine Antifa-Gruppe. Jeder Spieler wählt einen Charakter. Vieles können alle gleich gut, aber jeder hat auch ein paar besondere Fähigkeiten einzubringen: Samia kann die Leute mitreißen, Momo ist sehr sportlich und schnell, Camille hat sehr gute Ideen und weiß immer, wie sie Sachen auftreiben kann, ohne sie bezahlen zu müssen, lehnt aber wegen ihrer antiautoritären Haltung Ordner bei Demos ab. Das könnte ein Problem sein, wenn Faschos die Demos angreifen. Besser, man hat dann den kämpferischen Alex dabei. Aber weil der auch ein Hitzkopf ist, könnte er die Gruppe in Gefahr bringen. Wir sind jetzt: Tina, die Polyglotte, Martine, die Gewerkschafterin, Markus, der Fotograf, und Samia.

Ist eine Rolle besonders stark?

Rita: Nein, die sind gleichwertig. Alle tragen etwas bei. Wir haben auch hier reale Menschen im Kopf, die wir kennengelernt haben in unserer politischen Arbeit. Zuerst wollen alle immer Camille oder Alex sein. Aber er ist eben auch unberechenbar und liebt militante Aktionen. Wenn man mit ihm zusammen ist, wird man schneller verhaftet. Im Laufe des Spiels zeigt sich: Martine, die Gewerkschafterin, kann auch was.

Was versteht ihr unter Militanz?

Rita: Physisch Aktionen der Rechtsextremen verhindern. Die Veranstaltung im Buchladen stören, Bengalos oder Cacatovs.

Cacatovs? Was soll das sein?

Rita: Das ist wie ein Molotovcocktail ohne Benzin, aber mit Scheiße drin. Kommt aus Venezuela. Das ist wirklich ganz schlimm.

Dem Spiel wird vorgeworfen, gewalttätige Aktionen zu verherrlichen.

Eric: Es kommt manchmal zu gewalttätigen Aktionen, aber nur am Rande. Die Hauptsache ist die Politik. Die militanten Aktionen im Spiel, wie Rechtsextreme angreifen, Räume besetzen, sind grundsätzlich die wirksamsten. Aber sie gelingen auch am schwersten. Sie müssen gut vorbereitet werden. Und sind somit auch die riskantesten. Und dann ist es vielleicht keine so gute Idee, die Polizeiwache anzugreifen.

Für jede Aktion sieht das Spiel eine Erfolgsskala vor. Immer geht es um Wirksamkeit und Risiko. Wir diskutieren, was wir gegen rechte Hooligans und Polizeigewalt tun wollen. Wir entscheiden uns für eine Gegendemo und eine öffentliche Veranstaltung und legen diese Aktionskarten auf den Tisch. Jetzt beginnt die zweite Runde, in der die Aktionen vorbereitet werden. Für eine Diskussionsveranstaltung brauchen wir zum Beispiel einen Raum.

Eric: Ha, dafür brauchen wir Martine!

Rita: Sie kann als Gewerkschaftsmitglied Räume nutzen und anmelden. Außerdem rät sie dazu, bei der Demo Ordner einzusetzen.

Wir beraten, was wir gegen die beiden rechten Aktionen tun können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: von der Unterschriftensammlung über Demo, Besetzung bis hin zu offensiven Aktionen, für die wir auf jeden Fall schwarze Kleidung brauchen. Und auch Plakate und Social-Media-Werbung, um die Veranstaltung anzukündigen. Für die Aktion im Stadion brauchen wir Bengalos. Die müssen wir kaufen. Und auch Spraydosen für Graffiti.

Eric: Wir haben zu Beginn eine bestimmte Menge Geld auf einer Karte. Das wird mit jeder Aktion weniger.

Und wenn es alle ist?

Rita: Dann können wir nicht mehr viel machen. Na ja, fast: Man kann dann immer noch eine Karte ziehen für eine Soli-Party. Da kommt immer Geld rein. Und dann ist es auch gut, wenn Luise dabei ist. Denn die findet immer eine Band.

Eric: Genauso wie im echten Leben passieren manchmal unvorhergesehene Dinge, die die Aktion beeinflussen: Auf der Demo werden plötzlich Leute verhaftet. Oder es regnet wie verrückt. Dann kommen weniger Leute. Oder es finden Bündnistreffen statt. Für diese Fälle wird gewürfelt.

Denn Bündnistreffen sind unkalkulierbar?

Eric: Es ist zumindest sehr unsicher, ob sie etwas bringen. Es gibt meist einen Akteur, der die Treffen sprengt. Deshalb muss hier gewürfelt werden.

Rita: Wenn man mit dem Spiel vertrauter ist, kann man auch weitere Karten verwenden, die bestimmte Geschichten erzählen: Da gibt es einen Polizisten, der undercover arbeitet und versucht, jede Aktion zum Scheitern zu bringen. Oder Leute, die mit der Antifa-Arbeit berühmt werden, die ihre Doktorarbeit darüber schreiben; oder Aktivisten, die verliebt sind: Martine will immer mit Samia sein. Alles eigene Erfahrungen!

Und das hält die Aktionen auf.

Rita: Natürlich! (lacht)

Wir sitzen bereits seit anderthalb Stunden und sind gerade bei Phase3 von4.

Dauert das Spiel immer so lange?

Eric: Wenn man es das erste Mal spielt, ungefähr eine Stunde. Aber dann wird es immer schneller. Man kennt die Karten irgendwann. Dann geht das zack, zack, zack.

Für welches Alter ist dieses Spiel gedacht?

Rita: Es ist ab 12. Unsere Kinder haben uns dabei auch sehr geholfen.

Und wie finden sie das Spiel?

Rita: Sie hassen es. (lacht) Am Anfang haben sie es viel gespielt. Sie haben es quasi getestet. Und nun haben sie erst mal genug davon.

Wir haben jetzt alle Aktionen gelegt und zählen durch, ob es reicht. 14Punkte brauchen wir für erfolgreichen Protest gegen Polizeigewalt. Reicht leider nicht. Aber das ist nicht schlimm. Denn jetzt beginnt Phase 4 und die Würfel kommen ins Spiel. Zwei Personen werden jetzt würfeln, wie die Demo gelaufen ist. Wir können wählen zwischen einem unverhofften Radiobeitrag, der über die Demo berichtet – bringt einen Zusatzpunkt oder einer Sympathisantin, die sich der Gruppe anschließt. Das erhöht die Wirksamkeit und bringt zwei weitere Punkte. Auf der anderen Seite gibt es Abzug: Denn Faschos greifen die Saalveranstaltung an. Blöd: Wir hatten zwar Ordner für die Demo, aber keinen Schutz für die Saalveranstaltung. Und eine Person wird verhaftet.

Gibt das Spiel vor, was der richtige Weg ist?

Eric: Es gibt ein paar Strategien. So sollte man nie nur auf eine Aktion setzen. Also nur auf der Straße sein oder nur Diskussionsveranstaltungen machen. Und man sollte das tun, was man am besten kann. Man lernt auch, bestimmte Risiken einzuschätzen. So darf man einmal festgenommen werden, ohne dass es Konsequenzen gibt. Aber beim zweiten Mal folgt ein Verfahren, man muss einen Anwalt bezahlen und Soliarbeit machen; das lähmt die Gruppe auch ein bisschen, weil man weniger Zeit und Geld für anderes hat. Das führt das Spiel vor Augen.

Wie kommt das in der Antifa-Szene selbst an? Wird da gemeckert, das Spiel sei zu wenig radikal oder Antifa in Wahrheit ganz anders?

Rita: Nein, gar nicht. Einige finden aber, dass die Charaktere zu heteronormativ sind. Ein Charakter entzieht sich aber diesen Zuschreibungen. Camille ist männlich und weiblich. Dieser Name wird in Frankreich auch gern als Deckname benutzt.

Und dass eine Antifa-Gruppe wie »La Horde« jetzt kommerziellen Erfolg hat, ist kein Thema?

Rita: Wenn das Spiel von anderen gemacht worden wäre, hätte es sicher Misstrauen gegeben. Wir konnten das Spiel machen, weil wir viele Jahre in unterschiedlichen Gruppen aktiv waren. Wir haben Zeitungen gemacht, Soli-Kampagnen und haben bis heute ganz gute Kontakte zu den aktuellen jungen Antifas. In der Antifa-Szene kennen uns alle. Sie vertrauen darauf, dass wir keinen Mist verzapfen.

Eric: Außerdem haben wir uns das Spiel nicht allein ausgedacht. Das Spiel ist kollektiv entstanden. Vor drei Jahren gab es zuerst einen Prototyp. Der ist quasi in Handarbeit zu Hause gebastelt worden. Den haben wir mit vielen Personen gespielt, und dadurch hat sich das Spiel weiter entwickelt. Viele Gruppen kannten das Projekt also schon, bevor es so eine große Öffentlichkeit bekam.

Rita: Wir sind als Personen mit dem Spiel auch nicht groß öffentlich aufgetreten, sondern im Hintergrund geblieben. Wir wollen uns damit nicht profilieren. Die Ideen sollen im Vordergrund stehen. Am Anfang hatten wir nur zwei Exemplare. Aber dann wollten die Leute das Spiel kaufen. Zuerst haben wir gesagt: Nein, das ist kein kommerzielles Projekt. Aber dann kam Corona – und der Lockdown.

Und euch war langweilig?

Rita: Im Lockdown haben wir neu darüber nachgedacht. Eric hat sich auch ein Buch über Spieleentwicklung gekauft, da war viel Mathe dabei, wenig Diskussion. Und dann haben wir mit Libertalia gesprochen, einem befreundeten Verlag, ob er daran interessiert ist. Dort ist auch schon ein Buch des deutschen Autors Bernd Langer in französischer Übersetzung erschienen: »Antifa. Histoire du mouvement antifasciste allemand«. Das war »Antifa – das Buch«. Es ist vergriffen. Und jetzt kommt: »Antifa – das Spiel«.

Das Spiel ist sehr komplex. Hattet ihr auch professionelle Beratung?

Eric: Den Prototyp haben wir in der Freizeit selbst entwickelt. Aber wir haben auch mit einer Vereinigung für Gesellschaftsspiele zusammengearbeitet, die Spiele testet und auch Messen organisiert. Die wissen genau, wie ein Spiel sein muss, damit es nicht nur eine Idee transportiert, sondern wirklich funktioniert. Es gibt in Frankreich schon Spiele, die von Aktivisten gemacht worden sind, aber die haben keinen Spaß gemacht.

Womit fängt man an, wenn man ein neues Spiel erfindet?

Eric: Am Anfang hatten wir Ereignisse, Aktionen und Vorbereitungen. Der Prototyp sah noch völlig anders aus und war komplizierter. Zum Beispiel hatten wir noch viel stärker Zeitdruck mit eingebaut. Einer der professionellen Spieletester hat uns viele Ratschläge gegeben. Der wichtigste war: Vereinfachen!

Deshalb gibt es auch kein Brett?

Eric: Wir hatten in der ersten Ausgabe sogar ein sehr schönes! Ich wollte eigentlich unbedingt eins haben. Aber der Profi hatte kein Mitleid und hat gesagt: Das kann weg. Er hat leider recht: Es ist einfach unnötig.

Wie viele Spiele sind bislang verkauft worden?

Eric: Von der ersten Ausgabe die ganze Auflage: 4000 Stück. Wir dachten, das sei viel zu viel. Aber innerhalb von vier Monaten waren vor Weihnachten 2021 alle verkauft. Wir haben das Spiel in vielen Buchläden und Antifa-Treffpunkten präsentiert, aber auch in der Schweiz und in Belgien. Und plötzlich hatten wir dann nicht mehr genug Spiele für die politische Arbeit. Wir hatten viele weitere Präsentationen geplant, aber keine Spiele mehr. Da hat der Verlag gesagt: Okay, wir drucken mehr.

Gegen die erste Auflage gab es keinen Proteststurm von rechts?

Eric: Doch, die Kritik kam aus dem Spektrum der Partei von Marine Le Pen, der Rassemblement National. Aber erst im November 2022 stieg eine Polizeigewerkschaft darauf ein und behauptete, das Spiel würde Werbung für die gewalttätige Antifa machen. Das ist keine rechtsextreme Gewerkschaft, sondern eine kleine Berufsgewerkschaft der Kommissare. Daraufhin nahm die große Einzelhandelskette Fnac das Spiel aus dem Programm. Nur die Nazis allein hätten diese Reaktion nicht bewirkt.

Wie kam es dazu, dass ein großes Unternehmen wie Fnac das Spiel überhaupt verkauft hat?

Eric: Die erste Edition gab es auch schon bei Fnac. Das lief ganz normal über den Verlagsvertrieb. Bei der vereinfachten zweiten Ausgabe gingen wir davon aus, dass es Jahre dauern wird, bis wir die alle verkauft haben. Doch dann kam die rechte Kampagne auf Twitter gegen das Spiel. Wir können Fnac danken, dass es auch von diesen 4000 keine Exemplare mehr gibt. Denn als Fnac am 27. November ankündigte, das Spiel nicht mehr zu verkaufen, waren am 28. November sämtliche Exemplare der zweiten Auflage verkauft.

Warum ist Fnac dann wieder eingeschwenkt?

Rita: Zum einen aus Sorge vor dem Imageschaden. Dem Unternehmen wurde vorgehalten, Schriften von Holocaust-Leugnern zu vertreiben, aber nun ein antifaschistisches Spiel auszusortieren. Zum anderen hat Fnac immer gern mit Toleranz und Menschenrechten für sich Werbung gemacht. Damit ist es ja nun offenkundig nicht weit her. Die verkaufen, was die Leute wollen. Und als sich das Spiel so gut verkauft hat, haben sie gemerkt, dass es vielleicht ein Fehler war, das Spiel auszulisten. Vor Weihnachten war die nächste Auflage vergriffen. Inzwischen wurden 12 000 Exemplare verkauft.

Jeder Antifa in Frankreich hat jetzt wohl eins?

Eric: Es gibt gar nicht so viele Antifas in Frankreich. In ganz Frankreich vielleicht 15 Gruppen, die richtig aktiv sind, mit in der Regel 10 bis 15 Leuten. Viel weniger als in Deutschland also. Der Verlag hat gemeint: 2000 für die Aktivisten, 2000 für Leute, die neugierig sind. Schon die ersten 4000 haben also die Szene-Bubble verlassen.

Wer bekommt die Einnahmen?

Rita: »La Horde« bekommt natürlich nicht das ganze Geld. Aber einiges, womit wir Projekte finanzieren. Für den Verlag ist die Situation gar nicht so einfach. Er ist längst nicht so groß wie linke Verlage in Deutschland. Und 12 000 Spiele sind für ihn eine echte Herausforderung. Die schaffen es kaum, die Bestellungen zu bearbeiten.

Wegen der Erfolge von Le Pen denkt man, dass die extreme Rechte in Frankreich viel stärker ist als die in Deutschland.

Eric: Wir haben nicht so viele Neonazis, nicht so viel Gewalt. Neonazistische Gruppen sind winzig. Rechtsextremisten gibt es allerdings jede Menge, doch sie sind keine Nazis. Le Pens Partei ist extrem rassistisch, aber von deren Abgeordneten im Parlament hat fast keiner eine rechtsextremistische Vergangenheit.

Und haben Leute nach dem Spiel zu euch gesagt: Jetzt habe ich verstanden, was Antifa ist?

Rita: So direkt funktioniert das natürlich nicht. Aber es regt Diskussionen an. Man kommt tatsächlich ins Gespräch über echte Aktionen. Und wenn man jetzt in der Realität irgendwas vorbereitet, müssen die Leute immer lachen, weil sie meinen: Lasst uns mal Martine fragen, vielleicht kriegen wir über sie ja kostenlose Kopien.

Eric: Das Spiel ist zum Symbol geworden. Zum Beispiel hat Medine, ein bekannter Rapper in Frankreich, das Spiel für seine Kinder gekauft und auf seinem letzten Album getextet: »De retour dans les bacs, comme le jeu Antifa à la Fnac« (Meine Musik ist wieder da, zu kaufen wie das Spiel Antifa bei der Fnac).

Es hat sich popkulturell verselbstständigt. Findet ihr das gut?

Eric: Wir sind damit sehr zufrieden. Ich kann mich an nichts erinnern, das so wichtig gewesen wäre für die breite Rezeption der Antifa in Frankreich. Aber wir wissen auch, das Spiel zu kaufen und es spielen, ist nicht dasselbe. Für uns ist wichtig, dass die Menschen es wirklich spielen. Nicht alle werden jetzt plötzlich bei der Antifa mitmachen. Auch Medine ist kein Antifa. Noch gibt es das Spiel nur auf Französisch. Aber wir träumen davon, andere Versionen des Spiels in anderen Ländern zu sehen. Und wir können uns das Spiel auch für andere Kämpfe vorstellen, zum Beispiel für ökologische oder feministische.

Habt ihr Lieblingskarten im Spiel?

Rita: Ich mag die Karte »Wir werden abgehört«. Das heißt, dass wir in diesem Spielabschnitt nicht laut miteinander sprechen dürfen. Ich hab das mal mit Männern gespielt, die immer ganz viel reden bei den Treffen. Und dann war das ganz lustig, weil die immer wieder anfingen: Rita, du musst das jetzt machen … Und ich dann: Psst! Finger vor den Mund.

Eric: Antifa-Arbeit ist oft sehr anstrengend. Aber man lacht auch viel. Deshalb sollte das Spiel auch lustig sein und Spaß machen. Ich mag all diese persönlichen Umstände, die im Alltag eben auch eine Rolle spielen: Es gibt Karten, da hat man ’nen Kater, ist heiser oder man hat Angst. Das kann allen passieren.

Rita: Nur nicht Alex.

Wir dürfen das Spiel behalten. Merci beaucoup!

»Antifa – Le Jeu«, 25 Euro. www.editionslibertalia.com

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