Wo ist die dritte Position?

In Berlin wurden »Die Troika« von Markus Wolf und der Ukraine-Krieg diskutiert

  • Christof Meueler
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Land kaputtschießen: Das zerstörte Dorf Borodjanka nahe Kiew, nach dem Abzug der Russen im Frühjahr 2022.
Das Land kaputtschießen: Das zerstörte Dorf Borodjanka nahe Kiew, nach dem Abzug der Russen im Frühjahr 2022.

Zum 100. Geburtstag von Markus Wolf ist sein berühmtes Buch »Die Troika« wieder aufgelegt worden, nicht im großen Aufbau-Verklag (weil die Vertreter es nicht wollten), sondern in der kleinen Edition Bodoni. Aus diesem Anlass gab es am Montagabend im Berliner FMP1-Gebäude am Ostbahnhof eine Veranstaltung der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, unterstützt von »nd« und Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Großer Andrang, der Münzenberg-Saal war voll besetzt. Es gab fast zu wenige Sitzplätze. Auf dem Podium die Schrifstellerin Daniela Dahn, der Philosoph Michael Brie, die Linke-Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch, der Autor und Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel und als Moderator Paul Werner Wagner. Zwischendurch stand Brie zweimal auf, um ebendieses Podium mit dem Smartphone zu fotografieren.

Vor der Folie der »Troika« wurde hauptsächlich über den Ukraine-Krieg Russlands gesprochen. Im Buch hatte Wolf als Mann des Apparats den Apparat kritisiert. Das hatte in der Endphase der DDR viel Aufmerksamkeit bekommen. Der ehemalige Chef des Ausland-Geheimdienstes berührte darin ein »unberührbares Tabu: die Verbrechen des Stalinismus«, wie Wenzel in seinem halbstündigen Eingangsreferat sagte.

Das Buch handelt von Wolfs jüngerem Bruder Konrad und dessen zwei Freunden im Moskauer Exil der 30er Jahre und davon, wie diese Freundschaft im Stalinismus zerbricht: Der eine, Vitja Fischer, geht mit seiner Familie zurück in die USA, der andere, Lothar Wloch, geht mit seiner Mutter zurück nach Hitlerdeutschland, nachdem sein Vater, ein Mitarbeiter der Komintern, verhaftet wurde und im Lager umkommt. Im Zweiten Weltkrieg kämpft die Troika für drei Armeen: Lothar für die Wehrmacht, Vitja für die USA und Konrad für die Rote Armee. Sie treffen sich erst 1975 wieder, in New York, organisiert von Lothar, der in Westdeutschland Bauunternehmer geworden ist. Aus dieser Story wollte Konrad, der zu einem der wichtigsten Regisseure der DDR wurde, gerne einen Film machen, allein, er wusste nicht so richtig wie. Als er todkrank war, übergab er seinem Bruder Markus seine Notizen, als eine Art Testament, der damit dann die »Geschichte eines nicht gedrehten Films« erzählte.

Das Treffen der Troika in New York – wäre das nicht eine gute Vorlage für Verhandlungen im Ukraine-Krieg, statt dort immer mehr Waffen reinzupumpen, überlegte man auf dem Podium. »Verhandler sind Feindversteher«, hatte Wenzel gesagt. Doch die werden zurzeit anscheinend nicht gebraucht. Gesine Lötzsch erzählte von einer Reise in die USA, die sie im Sommer mit dem Haushaltsausschuss des Bundestages gemacht hatte. Sie sei die Einzige in der Delegation gewesen, die nach Diplomatie gefragt habe. Doch die US-Amerikaner redeten lieber vom Schlachtfeld als vom Verhandlungstisch, erst komme der Kampf gegen Russland, dann der gegen China.

Lötzsch war auch die Einzige auf dem Podium im FMP1, die vorschlug, vom Kapitalismus zu sprechen, davon, dass dies ein Krieg von russischen Oligarchen gegen ukrainische Oligarchen sei. Bei den anderen schien es, als hätte die Ukraine im Februar 2022 Russland angegriffen und nicht umgekehrt. Für Daniela Dahn ist die Ukraine seit »dem Maidan-Putsch« 2014 so etwas wie ein »De-facto-Nato-Mitglied«, das aufgerüstet wurde, um »ein Fehlverhalten auf russischer Seite zu provozieren«.

Die russische Propaganda, nach der die Ukraine keine Existenzberechtigung haben soll, war an diesem Abend kein Thema. Und auch nicht die Tragik der Ukraine, die sich nicht ihr Land kaputtschießen lassen will und es kaputtschießt, zusammen mit den Russen und der Nato. Ebenso wenig wurde der Autoritarismus des Putin-Regimes erwähnt, der zunehmend an den klassischen Stalinismus erinnert – was verwundert, war Letzterer doch das eigentliche Thema des Buches »Troika«. Doch die mittlerweile berühmte Phrase von der »Zeitenwende« scheint auch für ihre Kritiker zu gelten. Während die einen die Geschichte der Nato, der Rüstungsindustrie und der chaotischen Interventionspolitik des Westens vergessen wollen, als wären die Uhren im Februar 2022 auf magische Weise auf null gestellt worden, behandeln die anderen das heutige Russland so kritiklos wie früher die Sowjetunion.

Denken hieße aber, nicht die Fronten zu wählen, sagte Wenzel. Damit müsste man mal anfangen. Der Liedermacher hatte eingangs Hans Magnus Enzensberger zitiert: »Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.«

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