Angst vor den Bären

Die 73. Berlinale ging zu Ende. »Sur l’Adamant«, der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb, gewann den Hauptpreis des Festivals

  • Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 7 Min.

Wer hat das nicht schon einmal gemacht? In der Bar oder in der U-Bahn die Menschen um sich herum zu betrachten und sich die Geschichten für diese Gesichter auszudenken: Wer ist mit wem zusammen? Sind sie Geschwister? Vater und Tochter oder ein Paar? Sind sie frisch verliebt? Woher kommen sie?

In einem New Yorker Lokal sitzen drei Menschen: zwei Männer und eine Frau. Ein Mann und eine Frau sehen asiatisch aus. »Sind die ›Asiat*innen‹ ein Paar und der andere nur der Reiseführer?« – »Nee, ein Reiseführer hat um diese Uhrzeit da nichts zu suchen!« – »Sie sind vielleicht Kolleg*innen.« – »Aber wieso reden die beiden ›Asiat*innen‹ nicht mit dem anderen Typen?«

Berlinale-Bären 2023
  • Goldener Bär für den Besten Film: »Sur l’Adamant« von Nicolas Philibert
  • Silberner Bär Großer Preis der Jury: »Roter Himmel« von Christian Petzold
  • Silberner Bär Preis der Jury: »Mal Viver« von João Canijo
  • Silberner Bär für die Beste Regie: Philippe Garrel für »Le grand chariot«
  • Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Sofía Otero in »20 000 Species of Bees« von Estibaliz Urresola Solaguren
  • Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Thea Ehre in »Bis ans Ende der Nacht« von Christoph Hochhäusler
  • Silberner Bär für das Beste Drehbuch: Angela Schanelec für »Music«
  • Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung: Hélène Louvart für die Kamera in »Disco Boy« von Giacomo Abbruzzese

    Es sind die Stimmen zweier Beobachter*innen, die wir hören, während wir die drei Gäste im Lokal sehen, über sie gerade gesprochen wird. So beginnt der Film »Past Lives« der koreanisch-kanadischen Regisseurin Celine Song, der im Wettbewerb der 73. Berlinale lief. Um die Geschichte der drei Lokalbesucher*innen in New York zu erzählen, springt der Film nach dieser Anfangsszene 24 Jahre zurück – nach Südkorea, wo die »asiatisch« Aussehenden 12-jährige Schulkinder sind und schon Gefühle füreinander haben. Doch die Familie des Mädchens ist gerade dabei, nach Kanada auszuwandern. Das Mädchen geht fort, der Junge bleibt.

    Was in den nächsten 24 Jahren geschieht, ist großes erzählerisches Kino, das zu seinem Höhepunkt kommt, wenn sich die Zwei nach 24 Jahren in New York wieder treffen. Wenn sie keine Wörter finden außer »Wow«. Es vergehen ein paar hochemotionale Sekunden ohne Dialog, die die beiden Schauspieler*innen Greta Lee und Teo Yoo großartig spielen. Er zögernd, zurückhaltend, mit einem schüchternen, jederzeit zu flüchten scheinenden Lächeln. Sie neugierig, gelassen, mit einem eindringlichen, ihn begrüßenden Blick.

    Dieser Debütfilm, der schon auf dem diesjährigen Sundance-Festival seine Premiere feierte (das ist immer ein gutes Zeichen), spricht jedem aus dem Herzen, der schon einmal irgendwo etwas zurückgelassen oder sich gefragt hat, was hätte werden können – auch wenn man noch nie ausgewandert ist. »Past Lives« war einer der zahlreichen Beiträge im Wettbewerb der Berlinale, bei denen die Kunst des Storytelling hervorzuheben ist. Auch die meisten deutschen Filme (es gab dieses Jahr fünf Titel aus Deutschland) widmeten sich dem Erzählkino. Dafür gewann Christian Petzold für sein Drama »Roter Himmel« den Großen Preis der Jury und Angela Schanelec für »Music« den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

    Einer der wenigen Wettbewerbsfilme wiederum, die sich durch ihre künstlerische Form auszeichneten und nicht durch die Story, war das portugiesische Drama »Mal Viver« vom Regisseur João Canijo, das von der toxischen Beziehung zwischen Müttern und Töchtern über drei Generationen handelt. Die Geschichte findet in einem alten Hotel statt, das von fünf miteinander verwandten Frauen betrieben wird. Im Mittelpunkt stehen die Leiterin Piedade, ihre Mutter Sara und ihre Tochter Salomé. Dabei ist es für Piedade leichter, ihre Liebe zu ihrer Hündin zu zeigen als zu ihrer Tochter. Mehr braucht man auch nicht zu wissen. Denn der Rest ist Mise en Scène, die hervorragende Bildkomposition, wovon dieser Film lebt.

    Manche Szenen ähneln den Gemälden von Vermeer, manche den von Edward Hopper. Interessanter als dieser Wettbewerbsfilm ist ein anderer Beitrag von João Canijo, der unter dem Titel »Viver Mal« in der Sektion Encounters lief und in der selben Location gedreht wurde. Dieses Mal werden die krankhaften Beziehungen der Hotelgäste zu ihren Müttern thematisiert: Ein Paar wird ständig von den Anrufen der Mutter des Mannes gestört – auch beim Sex ist der Mann nicht in der Lage, den Anruf der Mutter zu ignorieren. Ein lesbisches Paar geht auseinander, weil die Mutter einer der Frauen sich ständig in ihre Beziehung einmischt. Und eine andere Mutter schläft mit dem Mann ihrer Tochter. Doch was auch hier heraussticht, sind eher die malerischen Bildausschnitte. Für den Wettbewerbsbeitrag erhielt Canijo den Preis der Jury.

    Wie der künstlerische Leiter der Berlinale Carlo Chatrian bereits im Vorfeld des Festivals angekündigt hat, zeigte der Wettbewerb dieses Jahr ein breites Spektrum an Genres, filmischen Formen und Erzählweisen. Während etwa in der farbenfrohen japanischen Animation »Suzume« von Makoto Shinkai sogar der Kinosaal vor lauter Geräuschen und Geschehen zitterte, erlebte man im schwarz-weißen Detektiv-Drama »Limbo« von Ivan Sen einen unheimlichen Stillstand zwischen der Opalminen und Felsenhöhlen in Südaustralien. Mal bestand der ganze Film nur aus Dialogen, wie im mexikanischen Werk »Tótem« von Lila Avilés, sodass man gerade noch den Untertitel verfolgen konnte. Mal wurde die Geschichte komplett dialogfrei erzählt, wie in »The Survival of Kindness« des australischen Regisseurs Rolf de Heer, in dem es außer ein paar abstrakten Worten und Tönen keine Sprache mehr brauchte.

    Von all diesen unterschiedlichen 19 Werken ging der Goldene Bär jedoch an den einzigen Dokumentarfilm im Wettbewerb »Sur l’Adamant« des französischen Regisseurs Nicolas Philibert. So wiederholt sich auch auf der 73. Berlinale das, was letztes Jahr in Venedig geschah: Ein Dokumentarfilm gewinnt den Hauptpreis des Festivals. Wobei »Sur l’Adamant« im Vergleich zum langatmigen, großenteils nur noch aus Fotos bestehenden Dokfilm »All the Beauty and the Bloodshed« über die Künstlerin Nan Goldin, die in Venedig lief, tatsächlich überwältigt. Das ist ein warmherziges Porträt einer schwimmenden Psychiatrieklinik auf der Seine in Paris.

    Im Adamant werden die Patient*innen eben nicht als solche behandelt, sondern vielmehr als Menschen, die eine Orientierung brauchen. Jeder, der sich für geistig stabil und fit hält, sieht hier, wie fragil die Grenze zwischen Wahnsinn und Vernunft ist. »Sind Sie verrückt?«, fragte der Regisseur bei der Preisverleihung die Jury, überrascht über seine Auszeichnung, während er seinen Bären entgegennahm. »Die eigentlichen Verrückten sind eben nicht diejenigen, die als solche bezeichnet werden« – so beendete er seine Dankesrede.

    An verrückten Momenten mangelte es bei der Abschlusszeremonie nicht. Als die achtjährige spanische Schauspielerin Sofía Otero ihren Namen als Preisträgerin des Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle hörte, war sie äußerst verblüfft – wie viele im Publikum. Im Drama »20 000 Species of Bees« spielt sie ein achtjähriges Kind, das sich in seinem Körper und mit seinem Jungennamen nicht wohl fühlt. Unter Tränen bedankte sie sich bei ihrer ganzen Familie – Tanten und Onkels inklusive. Sie ist die jüngste Preisträgerin in der Geschichte der Berlinale.

    Auch unvergessliche Worte gab es bei der 73. Berlinale etliche. Als Steven Spielberg den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhielt, sagte er auf der Bühne: »Die Bären machen mir Angst!« Doch es sei gut, Angst zu haben. Als Mitglied der Jury hat die iranisch-französische Schauspielerin Golshifteh Farahani bei der Eröffnungsfeier eine emotionale Rede gehalten und auf die Menschen im Iran aufmerksam gemacht, die die Unterstützung der Welt benötigen: »Wir brauchen Sie alle!« Darauf reagierte das Publikum mit Standing Ovations. Und wie bei dem Cannes- und Venedig-Filmfestival schickte Wolodymyr Selenskyj auch eine Video-Botschaft zur Eröffnungsgala der Berlinale. Es fanden Demos auf dem roten Teppich statt – aus Solidarität mit dem Aufstand im Iran und besonders am 24. Februar, zum Jahrestag des Krieges, mit der Ukraine.

    Ansonsten war alles wie früher: der graue Himmel über Berlin, der ständige Nieselregen, die andauernde Störung der Berliner U-Bahn-Linie 2, sodass man die Station Potsdamer Platz nicht ohne Einschränkung erreichte. Und nach zehntägigem intensivem Kinobesuch spürt die Autorin dieses Textes nun einen leichten Schnupfen und Halsschmerzen. Also ja: Die Normalität scheint zur Berlinale zurückgekehrt!

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