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  • Ausstellung: Videokunst von Delphine Seyrig

Am besten den Kiefer brechen lassen

Der Württembergische Kunstverein Stuttgart erinnert an die feministische Videokünstlerin Delphine Seyrig. Dabei gibt die materialreiche Schau auch Impulse für heutige Debatten

  • Georg Leisten
  • Lesedauer: 5 Min.
Delphine Seyrig (r.) und die Schauspielerin Viva bei den Dreharbeiten zu »Sois belle ettais-toi!«
Delphine Seyrig (r.) und die Schauspielerin Viva bei den Dreharbeiten zu »Sois belle ettais-toi!«

Kühler als Catherine Deneuve, eleganter als Audrey Hepburn – so wurde sie berühmt. Wie eine zum Leben erwachte Statue wandelt Delphine Seyrig durch die stuck- und marmorverzierten Räume von Alain Resnais’ »Letztes Jahr in Marienbad«. Vor allem wegen der unnahbaren Präsenz ihrer weiblichen Hauptfigur gilt die verwunschene Dreiecksgeschichte von 1961 als Meisterwerk des französischen Nachkriegsfilms. So viel makellose Rätselhaftigkeit hatte das Kino noch nie zuvor gesehen: wenig Worte, vornehmste Kleider und beziehungsreiche Körpersprache. Stumme Gesten waren charakteristisch für Seyrigs Spiel. Doch stumm wollte sie nicht bleiben.

Das Frauenbild der Nouvelle Vague war weniger emanzipiert, als mitunter behauptet wird. Nach rund eineinhalb erfolgreichen Jahrzehnten im Filmgeschäft begann Seyrig, gegen das Klischee der heruntertemperierten Grazie, die am Ende doch dem Verehrer nachgibt, aufzubegehren. »Sois belle et tais-toi«, frei übersetzt »Sei schön und halt die Klappe«, hieß eine ihrer ersten Arbeiten, nachdem sie hinter die Kamera gewechselt war, um sich für Frauenrechte insbesondere in der Filmindustrie zu engagieren. Und vermutlich genau wegen dieser Kritik an der eigenen Branche zählt Seyrig, die 1990 viel zu jung starb, heute nicht zu den ikonischsten Leinwandgesichtern ihrer Generation, trotz der Leistung in Resnais’ epochemachendem »Marienbad«-Drama.

Nun erinnert der Württembergische Kunstverein (WKV) in Stuttgart an die Schauspielerin, Regisseurin und Frauenrechtsaktivistin. Ohne Zweifel besaß sie auch das Zeug zur Diva. Wer sonst hätte in jenes schwarze Kleid mit dem überbetonten Revers schlüpfen können, ohne unfreiwillig komisch zu wirken? Das gespenstisch leere Kostüm empfängt den Besucher im Eintrittsbereich der materialreichen Schau. Seyrig trug es in Ulrike Ottingers »Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse« von 1984.

Wer war Delphine Seyrig? 1932 kommt die Tochter eines Archäologen in Beirut zur Welt. Sie studiert Schauspiel, unter anderem am renommierten Actors Studio in New York, wo das Method Acting gelehrt wird. Ihre erste Filmrolle bekommt Seyrig 1959 in dem Kurzfilm »Pull my Daisy« nach einem Script von Beat-Autor Jack Kerouac. Zurück in Europa gelingt ihr der Durchbruch. Auf die fruchtbare Zusammenarbeit mit Resnais folgen Engagements bei François Truffaut und Luis Buñuel. In den 70ern ist sie in populären Thrillern wie »Der Schakal« und »Die schwarze Windmühle« (an der Seite von Michael Caine) zu sehen.

Ihre zahlreichen glamourösen Filmauftritte finden in der Stuttgarter Präsentation indes nur am Rande Erwähnung. Hier steht die Feministin Seyrig im Fokus. Der Beruf der Schauspielerin animierte sie, über eine viel grundlegendere Rolle nachzudenken: die der Frau in der Gesellschaft. Irgendwann in den 70ern hörte Seyrig auf, das zu tun, was in männlichen Drehbüchern stand, und schuf eigene Filme, meist dokumentarisch, meist im Kollektiv mit Gleichgesinnten wie der Regisseurin Carole Roussopoulos oder der gelernten Übersetzerin Ioana Wieder. »Les Insoumuses« nannte sich die Gruppe – ein Wortspiel mit »insoumis« (aufsässig) und »muses«(Musen), aus dem sich der Ausstellungstitel »Widerständige Musen« ableitet. Basis für ihr Schaffen war eine technische Revolution. Ende der 60er Jahre hatte Sony ein preisgünstiges Videosystem auf den Markt gebracht. Damit war die absolute Macht der großen Sender und Studios ein Stück weit gebrochen. »Für mich«, verriet Seyrig später, »ergab sich durch das Medium Video die Gelegenheit, Filme zu machen, ohne jemanden um etwas bitten zu müssen.«

Mit der feministischen Videoguerilla lebt im WKV die bunte Debattenkultur der 70er und 80er Jahre auf. Es geht um Abtreibung, Antipsychiatrie, die Akzeptanz von Homosexualität und den Kampf für politische Häftlinge. Das Dokudrama »Inês« zum Beispiel ergriff für die von der brasilianischen Militärdiktatur gefolterte Sozialistin Inês Etienne Romeu Partei. Seyrig reiste auch nach Stuttgart-Stammheim, um sich über die Lage der deutschen RAF-Häftlinge zu informieren. Auf der Basis ihres Besuchs am Neckar entstand später der von zwei Kolleginnen realisierte Kurzfilm »Ulrike«.

Der Parcours fasst die verschiedenen Interessengebiete der rebellischen Musen gut zusammen. Neben Filmen und Fotos liegt das WKV-typische Überangebot an Begleittexten aus. Zeugnisse wie Seyrigs Korrespondenz mit der Radikalfeministin und Andy-Warhol-Attentäterin Valerie Solanas erhellen das komplexe Netzwerk, in dem die Graswurzelfilmerinnen agierten. Eng war auch ihr Kontakt mit Simone de Beauvoir, der führenden feministischen Theoretikerin der Zeit. Auf Initiative von Seyrig entstand 1982 das Pariser Centre audiovisuel Simone de Beauvoir. Das Kulturzentrum, das sich der Archivierung von Film- und Tonmaterial aus dem Umkreis der Frauenbewegung widmet, ist wichtigster Kooperationspartner der Schau.

Handwerklich sind die in Stuttgart gezeigten Arbeiten trotz der (aus heutiger Sicht) bescheidenen Mittel gut gemacht. Selbst wenn sich nicht jeder Kontext erschließt, können Besuchende aus der Schau viele Impulse für die Gegenwart mitnehmen. Seyrig und ihre Mitstreiterinnen entwickelten kreative Strategien in Konflikten, die bis heute andauern oder wieder aufflackern. Man denke nur an jüngste Entscheidungen zu Schwangerschaftsabbrüchen in den USA oder Polen.

Seyrigs freche Videoschwesternschaft verfolgte ihre Anliegen zwar stets rigoros, aber niemals ohne Humor. Mit satirischen Zwischenkommentaren entlarvt die kurzweilige Filmcollage »Maso und Miso fahren Boot« (1976) die verinnerlichte Misogynie von Frauen. Ausgerechnet Françoise Giroud, damals französische Staatssekretärin für Frauenfragen, lacht vor laufender Fernsehkamera über die verschwitzten Macho-Witze ihres Gegenübers.

Bevorzugtes Genre bei all dem ist das Interview. Die Musen im Widerstand begegneten jeder und jedem auf Augenhöhe, einem Hollywood-Star ebenso wie den Sexarbeiterinnen vom Straßenstrich. Seyrig wollte dabei weniger selbst im Mittelpunkt stehen, als vielmehr zuhören, insbesondere bei dem Thema, das sie am meisten umtrieb: dem strukturellen Sexismus im Filmgeschäft. Der zweistündige Redemarathon »Sois belle et tais-toi« gewährt einen Einblick in die Archäologie der »Me-too«-Debatte. Prominente Schauspielerinnen berichten von persönlichen Ausbeutungserlebnissen. Immer wieder offenbart sich dabei die nicht nur in Hollywood verbreitete Mentalität, den weiblichen Körper dem ästhetisch-erotischen Interesse des Mannes unterzuordnen. Jane Fonda zum Beispiel erzählt, dass man ihr in einem großen Studio geraten habe, sich den Kiefer brechen zu lassen. Das sorge für hohle Wangen und wirke attraktiver.

Und Seyrig? Parallel zu den geschlechterkritischen Projekten hielt sie auch dem Kino die Treue, ließ sich aber nur noch engagieren, wenn Frauen Regie führten. Sie wird gewusst haben, wieso.

»Widerständige Musen. Delphine Seyrig und die feministischen Videokollektive im Frankreich der 1970er und 1980er Jahre«, bis zum 7. Mai, Württembergischer Kunstverein Stuttgart

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