Dortmund und Bochum: Nazis und migrantische Jugendliche vereint

Im Ruhrgebiet sorgt eine Gruppe von rechten Gewalttätern für Aufregung. Das Besondere ist ihre Zusammensetzung

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Dortmunder Möllerbrücke ist ein beliebter Treffpunkt bei Jugendlichen aus der Ruhrgebietsstadt. Das angesagte Kreuzviertel ist nah, ebenso der Westpark. Um die Brücke herum gibt es genügend Möglichkeiten, sich mit Alkohol und Snacks einzudecken. Seit einiger Zeit tauchen hier allerdings immer mehr Aufkleber und Schmierereien mit rechten Parolen auf. Eine Schmiererei im Treppenhaus der S-Bahnstation fällt besonders auf: »Sven Kahlin King« steht dort. An diesem Dienstag ist es 18 Jahre her, dass Sven Kahlin den Punk Thomas Schulz in der Dortmunder Innenstadt erstach. Kahlins Gewaltausbruch wurde damals von Neonazis gefeiert. »Antifaschismus ist ein Ritt auf Messers Schneide« stand kurz nach der Tat auf Aufklebern, die von den Rechten verbreitet wurden. Die Hauptakteure der Neonaziszene haben sich durch Wegzüge und Todesfälle gewandelt, doch ihre Bereitschaft zur Gewalt ist geblieben.

Dabei ist in den letzten Monaten eine neue Gruppe entstanden, wie es sie so vorher in Deutschland wohl nicht gab. Rund um den wegen Gewaltdelikten vorbestraften Neonazi Steven Feldmann, der wegen Auftritten bei zahlreichen Youtube-Influencern in den letzten Monaten einige Bekanntheit erlangt hat, und um Serkan B. sammeln sich zahlreiche Jugendliche. Das Besondere: Es sind nicht nur deutsche Jungs, die sich treffen, um Übergriffe zu begehen. Mehrere haben wie Serkan B. einen muslimischen Hintergrund.

Wie gewalttätig die rechte Gang ist, musste die Bochumer Hausbesetzung »Haldi 47« in der vergangenen Woche gleich zweimal erleben. In der Nacht von Montag auf Dienstag attackierte die Gruppe das Haus mit Steinen und sprühte Parolen. Donnerstagnacht folgte ein zweiter Überfall. Menschen aus der Hausbesetzung wurden mit Pfefferspray attackiert, einer Person wurde sogar eine Schusswaffe an den Kopf gehalten. Die Täter brüllten dabei »Allahu akbar« und hinterließen gesprühte SS-Runen am Haus. 

Manfred Pöppe von der »Antifaschistischen Linken Bochum« sieht in dem Angriff auf die Hausbesetzung »eine neue Qualität rechter Brutalität in Bochum«. So etwas habe es in den letzten Jahren nicht gegeben. Bei den Tätern handele es sich um dieselbe Gruppe wie in Dortmund, so Pöppe. Deren Zusammensetzung sei »interessant«, sie reiche vom »Mitte 20-jährigen verurteilten Gewalttäter bis hin zum 16-jährigen Jugendlichen mit sogenanntem Migrationshintergrund«. Als »verbindendes Element« machen die Bochumer Antifaschist*innen »Queerfeindlichkeit und Hass auf Linke« aus. Beides werde von den Rechten auf krude Weise mit Pädophilie in Verbindung gebracht. Was die Tätergruppe eine, sei »ein Gewaltfetisch, toxischer Maskulinismus und ein autoritäres Menschen- und Gesellschaftsbild«, so Pöppe. 

Die »Rechercheplattform zur Identitären Bewegung« sieht bei den Rechten im Ruhrgebiet die Umsetzung einer »Entwicklung, die in der Neuen Rechten bereits vorgedacht und diskutiert wird«. Dort werde derzeit viel über das Verhältnis zum Islam diskutiert. Ein Buch nennt das »Feindbild Islam« im Titel sogar eine »Sackgasse«. Man müsse darüber nachdenken, sich zusammenzuschließen. Erich Nitsche von der Rechercheplattform sieht im Zusammenwirken von »deutschen Neonazis und islamistisch motivierten Gewalttätern« auf den Straßen des Ruhrgebiets die Konkretisierung »einer ideologisch ohnehin bestehenden unheiligen Allianz«. Der Hass auf die liberale Gesellschaft schweiße zusammen. Dass die Dortmunder Neonazis den Schulterschluss mit Migranten suchten, sei dem Mangel an »biodeutschem Nachwuchs« geschuldet. Nitsche warnt: »Wenn diese Öffnung der deutschen extremen Rechten Schule macht, könnte dies eine explosive Mischung ergeben.«

Einschüchtern lassen will man sich in Bochum und Dortmund nicht. Am Samstag nahmen über 200 Menschen an einer Solidaritätsdemonstration für die »Haldi 47« teil. Pöppe berichtet außerdem von einer »neuen Dynamik und Energie« die sich durch die große Solidarität entwickelt habe. Die Zusammenarbeit über die Stadtgrenze hinaus habe sich verstärkt. Es sei klar, dass man rechte Gewalt nur gemeinsam bekämpfen könne. 

Möglichkeiten, Zeichen gegen die Rechten zu setzen, gibt es aktuell in Dortmund. An diesem Dienstag erinnert eine Kundgebung an den Mord an Thomas Schulz vor 18 Jahren. Am Samstag findet eine Kundgebung gegen die rechten Übergriffe im Dortmunder Westen statt. 

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