Die ausgefallene Krise

Trotz Energieknappheit, Inflation und Lohnverlusten: Deutschland erlebt weder Rezession noch steigende Arbeitslosigkeit oder Schuldenlast. Wie kann das sein?

  • Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Absturz findet nicht statt. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und den westlichen Wirtschaftssanktionen gegen Russland hatten Ökonom*innen Deutschland mindestens eine kurze Rezession, schlimmstenfalls einen tiefen Einbruch vorhergesagt. Doch inzwischen ist klar: Deutschland steckt die Abkopplung von einem großen Handelspartner und seinem wichtigsten Energielieferanten gut weg. Wirtschaftsminister Robert Habeck nannte das diese Woche eine »große Gemeinschaftsleistung«, Deutschland habe »gezeigt, was es kann, wenn alle gemeinsam und konsequent handeln«. Bei aller Gemeinsamkeit – die Kosten der Krise verteilen sich sehr unterschiedlich.

Noch vor sechs Monaten wurde der deutschen Wirtschaft eine im Vergleich zu anderen Ländern extrem schlechte Prognose erstellt. Doch die befürchtete Winter-Rezession ist ausgefallen. Im ersten Quartal des laufenden Jahres blieb die Wirtschaftsleistung zwar nur stabil, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Sie lag damit aber immer noch leicht über dem Stand von vor einem Jahr. Bei den Unternehmen wächst inzwischen der Optimismus: Das wichtigste Stimmungsbarometer, der Ifo-Geschäftsklimaindex, kletterte diese Woche das sechste Mal in Folge. »Man kann es nicht oft genug sagen«, kommentierte die VP Bank, »gemessen an dem, was ursprünglich zu befürchten war, schlägt sich die deutsche Wirtschaft äußerst solide.« Wie ist das gelungen?

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Nach den westlichen Sanktionen insbesondere auf russische Energielieferungen drohte die größte Gefahr vor einem Jahr durch einen physischen Mangel an Gas, der zu Produktionsausfällen geführt hätte. Vermieden wurde dies einerseits durch drastische Einsparungen des Verbrauchs, zum anderen durch den stark steigenden Import von Flüssiggas (LNG) aus anderen Teilen der Welt. Die europäischen Einfuhren von LNG verdreifachten sich 2022 fast. Diese Zusatznachfrage ließ die Preise für Flüssiggas in Europa auf Rekordhöhen steigen. In der Folge gingen Lieferungen beispielsweise nach Lateinamerika oder Südasien zurück, was in Ländern wie Pakistan zur Energieknappheit führte. Einen Teil seiner Krise wälzte Europa also auf den Globalen Süden ab.

Inzwischen hat sich Energie wieder deutlich verbilligt, was zeigt, dass ein großer Teil des Preishochs vom Sommer 2022 der Börsenspekulation geschuldet war. Profiteure waren die Energieproduzenten und -händler, die zum Teil extreme Extraprofite einfahren konnten. Trotz des Preisrückgangs sind Gas und Strom allerdings weiterhin deutlich teurer als zuvor.

Steigende Gewinne, sinkende Löhne

Der Großteil der Krisenlast entfiel damit auf die privaten Haushalte, die mit steigenden Preisen zu kämpfen hatten. Angefeuert wurde die Inflation nicht nur durch teurere Energie, sondern vor allem durch die Tatsache, dass die Unternehmen die höheren Kosten auf ihre Güterpreise umlegten. Da die Löhne nicht entsprechend mitstiegen, schrumpften die realen Bruttomonatslöhne in Deutschland im zweiten Halbjahr 2022 mit Raten um die 5,5 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt diese Woche mit. Bereits in den beiden Vorjahren waren sie gesunken, da die Unternehmen im Post-Corona-Boom ihre Preise deutlich angehoben hatten.

Dennoch hielt sich der private Konsum relativ gut. Zu verdanken war dies zum einen den staatlichen Hilfen wie Heizkostenzuschüssen, Senkung von Energiesteuern, Transferzahlungen sowie Gas- und Strompreisbremsen. Zum anderen kompensierten die Haushalte ihre sinkenden Einkommen, indem sie Ersparnisse auflösten. Diese Ersparnisse waren während der Corona-Pandemie stark angestiegen, da die Haushalte staatliche Unterstützungen erhalten hatten und zudem ihre Konsummöglichkeiten eingeschränkt waren. »Mit dem Nachlassen der pandemiebedingten Einschränkungen sorgte dies für eine lebhafte Nachfrage und eine recht hohe Zahlungsbereitschaft der privaten Haushalte«, erklären die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer jüngsten Gemeinschaftsdiagnose.

Inzwischen aber sind diese Reserven wohl weitgehend aufgebraucht. »Die Zusatzersparnisse existieren nur noch auf dem Papier«, kommentiert Allianz Research. »Der Anstieg der Inflation hat alle Zugewinne aus der Pandemie ausradiert.« Dieser Verlust trifft die privaten Haushalte je nach sozialer Lage sehr unterschiedlich, da die Vermögen stark ungleich verteilt sind. Das zeigt eine Analyse der Nettovermögen im Jahr 2021, die die Deutsche Bundesbank diese Woche veröffentlichte. Demnach besitzen die zehn Prozent der vermögendsten Haushalte – zu ihnen gehört, wer über mindestens 726 000 Euro verfügt – 56 Prozent des gesamten Nettovermögens. Der ärmeren Hälfte der Deutschen wiederum gehören nur etwa drei Prozent des Gesamtvermögens.

Überdurchschnittlich hohe Vermögen haben laut Bundesbank die Eigentümer*innen von Unternehmen. Sie dürften auch im schwierigen Jahr 2022 von verschiedenen Entwicklungen profitiert haben: So nahmen die noch aus der Pandemie resultierenden globalen Lieferengpässe ab – zuletzt lagen die Container-Frachtkosten 85 Prozent unter ihrem Niveau aus der Corona-Zeit. Vor allem aber blieb die Nachfrage der privaten Haushalte relativ stark, zudem wuchs die Nachfrage aus dem Ausland, insbesondere aus China und den USA. Und schließlich sind in der Industrie und der Bauwirtschaft »die Auftragsbücher prall gefüllt«, so die Gemeinschaftsdiagnose. Der Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe, der sich seit dem Beginn der Pandemie aufgrund der Lieferengpässe aufgetürmt hatte, sei bisher kaum abgebaut und lag zuletzt immer noch etwa 30 Prozent oberhalb des Vorkrisenniveaus.

All das führte dazu, dass die verfügbaren Produktionskapazitäten der Unternehmen bis zuletzt deutlich überausgelastet waren. Zudem bescherte die hohe Nachfrage den Unternehmen die Möglichkeit zu deutlichen Preiserhöhungen, die die Gewinnspannen steigen ließen – auch weil die Inflation die realen Lohnstückkosten sinken ließ. »Das Verhältnis der Lohnkosten zu Produktivität und Preisen erreichte in der Folge ein Niveau, das zuletzt während der Phase der Lohnmoderation Mitte der 2000er Jahre verzeichnet worden war«, vermerkt die Gemeinschaftsidagnose. Inzwischen gelten die steigenden Gewinne als einer der Haupttreiber der Inflation.

Fazit: Die Unternehmen sind im Durchschnitt gut durch die drohende Krise gekommen. Die hohe Nachfrage und Lieferengpässe ermöglichten ihnen Preissteigerungen, die die Gewinnspannen ausweiteten, gleichzeitig gingen die Lohnkosten real zurück. Dies führte auch dazu, dass die Arbeitslosigkeit nicht anstieg. »Die relativ niedrigen Lohnkosten haben für sich genommen die Nachfrage nach Arbeitskräften im zuletzt schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld gestützt«, so die Gemeinschaftsdiagnose. Im vergangenen März stieg laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland weiter an und liegt ein Prozent höher als vor einem Jahr.

Die Arbeitnehmer*innen wiederum erlitten Verluste ihrer Kaufkraft, die sie mit sinkenden Ersparnissen ausglichen – diese Entwicklung kommt allerdings inzwischen an ein Ende. Ein Teil der Kosten entfällt auf die öffentliche Hand: Die Abwendung der Krise ließ die staatlichen Defizite stark steigen, die Schulden nahmen zu. Die Schuldenquote – das Verhältnis von Wirtschaftsleistung zu Gesamtschulden – ging allerdings von 69 auf 66 Prozent zurück. Dies lag daran, dass die gestiegenen Güterpreise das Wachstum des nominalen Bruttoinlandsproduktes 2022 auf über sieben Prozent aufblähte und die Steuereinnahmen um acht Prozent steigen ließ. Auch die öffentlichen Finanzen profitierten damit von der hohen Inflation.

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