Nach Pokal-Aus: Der VfB Stuttgart fährt trotzdem nach Berlin

Stuttgart verspielt gegen Eintracht Frankfurt den Einzug ins DFB-Pokalfinale

  • Christoph Ruf, Stuttgart
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Nummer zu groß: Silas (l.) und Stuttgart schafften gegen Eintracht Frankfurt und Sebastian Rode nicht den Finaleinzug.
Eine Nummer zu groß: Silas (l.) und Stuttgart schafften gegen Eintracht Frankfurt und Sebastian Rode nicht den Finaleinzug.

Nach dem 3:2-Sieg im DFB-Pokal-Halbfinale beim VfB Stuttgart bedankten sich die Frankfurter Spieler bei ihren 5000 Anhängern. Die dürften dabei ebenso erleichtert gewesen sein wie die Spieler selbst, denn lange hatte nicht viel darauf hingedeutet, dass die Hessen diese Partie für sich würden entscheiden können. Doch letztlich reichte der Eintracht eine Leistungssteigerung im zweiten Durchgang, um nach Toren von Evan Ndicka, Daichi Kamada und Kolo Muani ins Pokalfinale einzuziehen. Dort treffen sie am 3. Juni auf RB Leipzig, das sich am Dienstag mit 5:1 in Freiburg durchgesetzt hatte. Kein Wunder also, dass Eintracht-Coach Oliver Glasner, der intern angezählt ist, sein Team über den grünen Klee lobte und »noch mittendrin im Kampf um Europa« sah.

Doch auch am Mittwoch hatte die Partie gut für die Frankfurter Gegner begonnen. Der VfB hatte die Partie lange völlig im Griff, während die Eintracht in den ersten 45 Minuten nie den Eindruck erweckte, als wolle sie mit aller Macht ins Finale. Die Stuttgarter Pausenführung nach dem Treffer von Tiago Tomás war also mehr als verdient. Was dann passierte, dürfte Hoeneß indes mehr zu denken gegeben haben, als er nach dem Spiel zugeben wollte. Denn natürlich hätte seine Mannschaft, die durch Enzo Millot noch auf 2:3 herankam, auch noch die Verlängerung erreichen können, wenn der Schiedsrichter in der Nachspielzeit nicht das x-te Kapitel in der Endlos-Diskussion um die Sinnhaftigkeit eines Videobeweises angefügt hätte, der nichts beweist. Daniel Schlager blieb jedenfalls nach Ansicht der TV-Bilder bei seiner ursprünglichen Meinung, dass bei der Aktion von Aurélio Buta kein strafbares Handspiel vorlag, was Hoeneß (»schwer zu akzeptieren«) naturgemäß anders sah.

Inakzeptabel waren indes auch einige Szenen seiner eigenen Mannschaft, die mit etwas mehr Cleverness zwei Frankfurter Tore hätte verhindern können: Der 18-Meter-Schuss von Daichi Kamada zum 1:2 war alles andere als unhaltbar. Und die Situation bei Weitem nicht die erste, bei der klar wurde, dass der VfB ein veritables Torwart-Problem hat. Weder Florian Müller noch Fabian Bredlow, der ihn Ende Februar ablöste, sind rückhaltlos erstligataugliche Torhüter. Mit den beiden in diese schwierige Saison gegangen zu sein, gehört zu den Punkten, die sich der geschasste Sportdirektor Sven Mislintat ankreiden lassen muss. Dilettantisch auch das Abwehrverhalten vor dem Elfmeter-Tor von Kolo Muani zum 1:3, als Offensivmann Tanguy Coulibaly die einzige (!) Absicherung darstellte – und sich spektakulär von Kamada überlaufen ließ. Dass eine Bundesligamannschaft wenige Sekunden nach eigenem Freistoß einen Elfmeter gegen sich gepfiffen bekommt, sieht man auf diesem Niveau auch nicht jeden Tag.

Besorgniserregend – und ebenfalls kein Kompliment für die Kaderplanung – ist auch die Abhängigkeit von Serhou Guirassy, dem mit acht Ligatreffern mit Abstand treffsichersten Stuttgarter. Ohne ihn fehlt vor allem im Strafraum das Durchsetzungsvermögen. Hoeneß ist es indes in den vergangenen Wochen gelungen, dieses nicht mehr zu korrigierende Manko durch eine veränderte Spielweise zumindest ein wenig zu kompensieren: Gegen die Eintracht gelangen am Mittwoch immer wieder schnelle Zuspiele durchs Zentrum in die Spitze, sodass die Schnelligkeit der vielen jungen Spieler zum Tragen kam. Allen voran Tiago Tomás scheint unter Hoeneß aufzublühen und zeigte am Mittwoch eine überzeugende Vorstellung. Dass die Mannschaft trotz des späten Platzverweises für Borna Sosa (86.) bis zuletzt um den Ausgleich rang, spricht zudem für die Moral der Mannschaft.

Nach vier Ligaspielen ohne Niederlage in Folge und acht gewonnenen Punkten unter Hoeneß tritt das Team selbstbewusster auf. Und glaubt man dem Coach, wird sich daran auch durch das Ausscheiden im Pokal nichts ändern: »Wir haben die Jungs darauf vorbereitet, dass es zwei Szenarien gibt: Entweder es herrscht Euphorie, weil wir ins Finale gekommen sind. Oder wir verlieren, dann ist die Enttäuschung groß. In beiden Fällen ist es wichtig, dass wir sofort wieder den Fokus auf Berlin setzen.«

Dort, im Olympiastadion, will Hoeneß »den nächsten großen Schritt machen« – es ist die branchenübliche Umschreibung für weit pathetischere Ausdrücke. Denn de facto kann das Spiel der Stuttgarter am Samstag gegen Hertha schon eine Vorentscheidung im Abstiegskampf bringen. Bei einem Sieg stünde der VfB neun Punkte vor der Hertha und hätte angesichts des schweren Schalker Restprogramms fast schon die Gewissheit, zumindest nicht mehr direkt absteigen zu können.

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