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Film »Orphea in Love« im Kino: Eine Sopranistin im Callcenter

In seinem neuen Film »Orphea in Love« versucht Axel Ranisch, seine Leidenschaft für den Film und die Liebe zur klassischen Musik zu vereinen

Nele (Mirjam Mesak) verliebt sich in den Kleinkriminellen und Tänzer Kolya (Guido Badalamenti).
Nele (Mirjam Mesak) verliebt sich in den Kleinkriminellen und Tänzer Kolya (Guido Badalamenti).

Mit dem Begriff »Wunderkind« sollte man gewiss vorsichtig sein. Den 1983 in Berlin-Lichtenberg geborenen Axel Ranisch als solches zu bezeichnen, liegt angesichts seiner Vita trotzdem nahe, zumindest ein filmisches Naturtalent wird man ihm attestieren dürfen. Fakt ist, dass Ranisch bereits mit 19 seinen ersten Kurzfilm drehte und in den Folgejahren an ungefähr 80 weiteren Kurzfilmen als Regisseur, Autor, Darsteller oder Filmkomponist beteiligt war. Nach einer Ausbildung als Medienpädagoge studierte er an der HFF in Potsdam und war bald Stammgast auf diversen Filmfestivals, bei denen seine Filme reichlich mit Preisen bedacht wurden. Im Kontext des bekannter- und beklagtermaßen risikoarmen deutschen Filmschaffens sorgte Ranisch mit seinen unkonventionellen und herzerwärmenden ersten Kinofilmen für Aufregung bei Kritikern und Publikum, obwohl oder gerade weil deren Hauptmerkmal war, ohne relevantes Budget oder detailliertes Drehbuch entstanden zu sein. Filme wie »Dicke Mädchen« (2011), »Ich fühl mich Disco« (2013) oder »Alki Alki« (2015) verzichteten bewusst auf ein aufwendiges Filmteam und vorgegebene Dialoge. Der damit verbundene spielerische Freiraum erinnerte in seiner Improvisationskunst an Andreas Dresens beste Zeiten, wobei Ranischs Filmen stets auch ein gehöriges Maß an »trashigen« Elementen zu eigen ist.

Nicht zu vergessen Ranischs Leidenschaft für klassische Musik, die er in dem gemeinsam mit seinem Kollegen Devid Striesow erfundenen Podcast »Klassik drastisch« auslebt. In den absolut hörenswerten »Lippenbekenntnisse(n) zweier Musik-Nerds«, die regelmäßig auf Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt werden, räsonieren die beiden nach Herzenslust über ihre Lieblingskomponisten und -stücke, ohne sich groß um die Üblichkeiten gepflegter Klassiksendungen zu scheren. Diese Ignoranz gegenüber herkömmlichen (erzählerischen) Standards zeichnet schließlich auch Ranischs Filme aus. Das gilt auch und besonders für »Orphea in Love«, in dem er versucht, seine Leidenschaft für den Film und die Liebe zur klassischen Musik zu vereinen. Als dritte Ebene kommt der Tanz hinzu. Spätestens beim Versuch der Zusammenfassung des Plots hätte vermutlich jede herkömmliche Filmproduktionsfirma abgewunken; bloß gut, dass Ranisch seine Filme mit der eigenen Firma »Sehr gute Filme« realisiert.

Wie der Titel verrät, greift Ranisch den antiken Orpheus-und-Eurydike-Mythos auf. Aus Orpheus wird bei ihm Orphea, die eigentlich Nele heißt, in einer Studenten-WG lebt und im Callcenter jobbt, davon träumend, dereinst als Sängerin auf der Bühne zu stehen. Gesungen wird von der ersten Szene an; zu hören sind Musik und Arien aus vier Jahrhunderten Operngeschichte, ein Fest für Klassik- und Opernfans. Die Hauptfigur Nele wird von der brillanten estnischen Sopranistin Mirjam Mesak verkörpert, die in ihrer Heimat ein Star ist und an der Bayerischen Staatsoper singt, wo Ranisch, wenn er nicht gerade filmt, regelmäßig Opern inszeniert – wie übrigens auch Andreas Dresen, eine weitere Gemeinsamkeit. Nele/Orphea verliebt sich in den Kleinkriminellen und Tänzer Kolya (Guido Badalamenti von der Ballettkompagnie des Münchner Gärtnerplatztheaters), der die Szenerie mit beeindruckenden Tanzeinlagen bereichert. Leider kommt der Liebste durch einen Unfall ums Leben und bei Orpheas anschließender Höllenfahrt in die Unterwelt, um den Geliebten zu erlösen – sehr frei nach den Motiven der Sage – muss Nele sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen. In einem parallelen Handlungsstrang begegnen wir der Operndiva Adina Nicoletta (Ursina Lardi) und ihrem fiesen Manager Höllbach (Heiko Pinkowski). Als Adina ihre Stimme verliert, schließt Höllbach einen Pakt mit Orphea – ihr glockengleicher Gesang im Tausch für das Leben des Herzensmannes.

Was in dieser knappen Beschreibung etwas wirr anmutet, ist es auch. Eine in sich stimmige lineare Erzählung sollte der Zuschauer nicht erwarten; am ehesten passt das Bild von losen Enden, die im Wind flattern und sich ab und zu treffen. Eine stringente Handlung ist aus den einzelnen Episoden nur mit Mühe herauszulesen, eher setzt Ranisch Assoziationsketten in Gang, die zur nächsten Musik überleiten. Die Kunst des Improvisierens kommt in »Orphea in Love« erkennbar an ihre Grenzen. Dass trotz einiger Längen kaum Langeweile aufkommt, liegt zum einen an der Musik, die über manch Unbeholfenheit hinwegträgt; zum anderen teilt der Zuschauer den Spaß, den das Filmteam erkennbar bei seinem Tun hatte. Allzu ernst nimmt sich hier niemand, und Ranisch scheut sich nicht, dick aufzutragen, sodass die Inszenierung mal bildgewaltig, mal peinlich gerät, letztlich aber stets als Vehikel für die Verschmelzung von Musik, Tanz und der eigentlichen Handlung dient. Oder, wie es Ranisch selbst sagte: »Ich wollte einfach meine Lieblingsmusik und das, was Oper für mich bedeutet, in eine andere Form gießen.«

Ein klassischer Opernfilm ist »Orphea in Love« also keineswegs, wie er überhaupt merkwürdig vorbildlos daherkommt. Am ehesten erinnert manches an französische Legenden wie »Die Mädchen von Rochefort« oder »Die Regenschirme von Cherbourg«, aber auch dieser Vergleich hinkt letztlich, zumal diese beiden Filme dem französischen Chanson und nicht der Oper huldigten, und so bleibt zu konstatieren, dass Ranisch ein Solitär im deutschen Film ist und fürs Erste auch bleibt.

»Orphea in Love«: Deutschland 2022. Regie: Axel Ranisch, Buch: Sönke Andresen, Axel Ranisch, Dennis Pauls. Mit: Mirjam Mesak, Guido Badalamenti, Ursula Werner, Galeano Salas, Heiko Pinkowski, Ursina Lardi. 107 Min. Jetzt im Kino.

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