Sexualmoral: »Auf den Müllhaufen der Kirchengeschichte!«

Segnung gleichgeschlechtlicher Paare als Widerstandsakt

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wir sehen uns Montag bei der Probe«, sagt ein lesbisches Pärchen zu einem Bekannten. Zum Abschied umarmen sich die drei noch einmal. Es wird langsam dunkel auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz an diesem Mittwochabend. Aber viele wollen noch nicht gehen. Im Kerzenschein stehen sie beieinander, mancher mit einem Becher Wein oder einem Kölsch. In den letzten zwei Stunden haben sie einen Gottesdienst und eine politische Kundgebung gefeiert.

Köln ist eine Hochburg der queeren Kultur in Deutschland. Köln ist auch die Hauptstadt des rheinischen Katholizismus. Klar ist also, in der Stadt gibt es viele schwule und lesbische Katholik*innen. Sie haben ein Problem, denn an der Spitze des Erzbistums steht seit genau neun Jahren ein Geistlicher, der nicht viel von der Öffnung der Kirche oder einer Reform ihrer Sexualmoral hält.

Kardinal Rainer Maria Woelki hatte einen Pfarrer aus Mettmann abgemahnt, weil der im Mai eine Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare abgehalten hatte. In Kirchenkreisen stieß Woelkis Vorgehen auf harsche Ablehnung. Beim Reformprozess Synodaler Weg, hatte sich eine Mehrheit, auch der Bischöfe, für solche Feiern ab dem Jahr 2026 ausgesprochen. Woelki verteidigt sich, er wolle die im Oktober beginnende Weltsynode abwarten, erfahren, ob die Weltkirche ihre ablehnende Position gegenüber homosexuellen Paaren aufgibt.

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Woelkis Haltung ist auch in der katholischen Amtskirche längst nicht mehr normal. Wolfgang Rothe, einer der Initiatoren der Segensfeier, ist Priester in München. Dort hat er auch schon solche Feiern durchgeführt. Sein Chef Kardinal Reinhard Marx hatte in der Vergangenheit schon erklärt, dass er auch Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durchführen werde, wenn er gefragt werden sollte. Zwischen Dom und Hauptbahnhof übernahmen dann auch viele Geistliche, die nicht aus dem Erzbistum Köln kommen, die Segnungen. Gegen sie kann Woelki nichts unternehmen.

Viele Paare machen an diesem Abend Gebrauch von dem Angebot, sich segnen zu lassen. Ein schwules Paar erzählt, dass es ein besonderes Ereignis sei. Klar, es gäbe Pfarrer, die auch so Segnungen vornähmen. Im kleinen Kreis. Quasi »Segnungen unter der Hand«, wie einer der beiden Männer erzählt. Hier mitten in der Stadt, mit Blick auf den Dom, Hunderten Menschen, Gebet und Gesang, sei es größer und feierlicher. So eine Feier im Dom, das wäre ein Fest, ist sich das Pärchen einig.

Der Dom ist an diesem Tag von anderen Katholik*innen besetzt. Das kircheneigene Domradio berichtet, »Gebetsgruppen« hätten vor dem Hintergrund der Segnungsfeier dazu aufgerufen, für Kardinal Woelki und das Erzbistum zu beten. Beim Domradio heißt es, die Abendmesse sei sehr gut besucht gewesen. Weniger subtil als mit einem Gebet machte die katholische Studentengruppe TFP (Tradition, Familie, Privateigentum) ihre Ablehnung der Segnungsfeier deutlich.

TFP hatte eine Kundgebung gegen die »Pseudosegnung« und für Solidarität mit dem Kardinal angemeldet. Etwa 20 Personen erschienen und wurden von Gegendemonstrant*innen mit Regenbogenfarben eingekreist. Auch Ausrufe, der »Dämon« solle weichen und wiederholt gebetete Rosenkränze halfen der Gruppe nicht, der Gegenprotest blieb und machte sich über die kleine reaktionäre Truppe lustig. Im Rheinland treten die TFP-Studenten erst seit Kurzem in Erscheinung. Beim »Marsch für das Leben« waren sie mit Mitgliedern einer neonazistischen Gruppe zu sehen. Es bestehen auch Kontakte zur AfD. Als Ziel der Gruppe sieht die Expertin Lina Dahm, die Welt »zurück ins Mittelalter zu bugsieren«.

Auf dem großen Bahnhofsplatz blieben die selbst ernannten Kreuzritter eine skurrile Randerscheinung. Prägender waren die Eindrücke von der Segnungsfeier, die sich zum Ende hin in eine politische Kundgebung verwandelte. Maria Mesrian, die in verschiedenen Gruppen aktiv ist, die für eine kirchliche Erneuerung streiten, nannte die Abmahnung des Pfarrers aus Mettmann »erbärmlich«. »Angst« sei der letzte Kitt gewesen, der die Mitarbeiter*innen im Erzbistum Köln ruhig gehalten habe. Die Angst schwinde aber immer mehr, und Kirchenmitarbeiter*innen würden sich zu ihrer Sexualität bekennen. Mesrian mahnte auch, dass sich die offizielle Kirchenlinie endlich ändern müsse. Aktuell sei es so, dass die Kirche »mit ihrer homophoben Lehre« dazu beitrage, dass »queere Menschen sich weltweit nicht sicher fühlen können«.

Wolfgang Rothe wurde in seiner Meinung über die Sexualmoral sehr deutlich, sie gehöre »auf den Müllhaufen« der Kirchengeschichte. Die deutschen Bischöfe, die an der Weltsynode teilnehmen, forderte er auf, die Sexualmoral offen anzusprechen und auf eine Veränderung hinzuarbeiten. Dass sich die Amtskirche dabei wirklich bewegt, scheint er nicht zu glauben. Zumindest forderte er die Anwesenden bei der Segnung auf, wenn diejenigen an der Spitze sich nicht bewegen, solle man »einfach machen«. So wie an diesem warmen Spätsommerabend vor Deutschlands berühmtester Kirche.

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