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Dagestan: Antisemitischer Mob legt Flughafen lahm

Antijüdische Stimmung im Nordkaukasus wird durch Fake-News auf Telegram angeheizt

  • Daniel Säwert
  • Lesedauer: 3 Min.

Auf der Suche nach »israelischen Flüchtlingen« hat eine Menschenmenge den Flughafen der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala am Sonntagabend über mehrere Stunden lahmgelegt. Über Telegram hatte sich zuvor die Nachricht verbreitet, dass an Bord einer Maschine aus Tel Aviv Schutzsuchende israelische Staatsbürger sein sollen. Videos zeigen, wie der wütende Mob, der nach Polizeiangaben aus bis zu 1500 Personen bestanden haben soll, Autos und sogar Flugzeugturbinen durchsuchen und Menschen bedrängen, die angeblich jüdisch aussehen. Bei den gewaltsamen Übergriffen waren Behörden zufolge 20 Menschen verletzt worden, darunter auch mehrere Polizisten. Nach Angaben des Innenministeriums wurden etwa 60 Menschen vorübergehend festgenommen. Um die Situation unter Kontrolle zu bringen, waren in der Nacht bis zu 500 Polizisten und schwere Technik aus der gesamten Nordkaukasus-Republik zusammengezogen worden. Der internationale Teil des Flughafens wurde wegen der Zerstörungen an der Infrastruktur vorübergehend stillgelegt, er soll in der Nacht zum Dienstag wieder geöffnet werden.

Moskauer Spur oder Kiewer Spur?

Bereits am Sonntagabend begann die Suche nach den Schuldigen, die wahlweise in Moskau oder Kiew sitzen. Alexander Werchowskij, Leiter des Analysezentrums Sowa sieht in der pro-palästinensischen Propaganda des russischen Staatsfernsehens einen der Gründe. Die eindeutige Unterstützung für Palästina habe die Menschen dazu gebracht, einen Schritt weiterzugehen, so Werchowskij.  

Die Journalistin Xenija Sobtschak zeigte sich verwundert über den »plötzlichen« Antisemitismus, der zuvor von den Behörden zumindest unter dem Tisch gehalten wurde. Als in den vergangenen Tagen immer mehr Aufrufe zu Demonstrationen und Judenverteibungen auf Telegram auftauchten, habe der Staat »zufällig oder bewusst« nicht hingeschaut, beklagte Sobtschak.

Dagestans Republikchef Sergej Melikow sprach bei einem Besuch auf dem Flughafen von einem gezielten Versuch, die Lage in Dagestan destabilisieren zu wollen. »Russlands Feinde«, so Melikow, wollen im Land Spannungen schüren und nannte explizit die Ukraine, die mit Hilfe von Telegram Unruhen im Nordkaukasus entfachen will. Einen Beweis für die »ukrainische Spur« gibt es nicht. Auffällig ist jedoch die aktive Rolle des Telegram-Kanals Utro Dagestana des ehemaligen Duma-Abgeordneten Ilja Ponomarjow, der immer wieder zu Demonstrationen und Gewalt gegen Polizisten aufgerufen hat. Ponomarjow, der seit Jahren in der Ukraine lebt, hatte sich zuletzt vom Kanal, den er selbst gegründet hatte, distanziert. Das sei aber wenig glaubwürdig, meinen Experten, die eine Verbindung zwischen dem Kanal und ukrainischen Medien sehen.

Am Montag erklärte der Chef des Russischen Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, Ermittlungen aufzunehmen. Bastrykin ist ein enger vertrauter von Präsident Wladimir Putin. Dass die wahren Verantwortlichen gefunden werden, darf dennoch bezweifelt werden. Beobachter glauben, dass man die Sache in Moskau nicht großartig weiterverfolgen möchte. Putin hat zunächst für Montagabend eine Sitzung einberufen, um über die Lage in Dagestan zu sprechen.

Mehrere Zwischenfälle in den vergangenen Tagen

Direkt nach dem Angriff der Hamas auf Israel hatten sich bedeutende Personen des muslimisch geprägten Nordkaukasus, wie Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow und mehrere bekannte MMA-Kämpfer, mit den Palästinensern solidarisiert. Anschließend kam es zu einer Reihe antisemitischer Vorfälle in der Region. So versammelten sich am 28. Oktober Demonstranten vor einem Hotel in der dagestanischen Großstadt Chassawjurt, nachdem die Nachricht die Runde machte, dort seien jüdische Geflüchtete untergekommen. Verbreitet hatte die Fake News Ponomarjows Telegram-Kanal Utro Dagestana. Erst nachdem die Polizei einigen Demonstranten Zutritt zum Hotel gewährte, damit diese sich überzeugen konnten, dass dort keine Israelis wohnen, konnte der Mob beruhigt werden.

Am selben Abend fanden in Machatschkala und Tscherkessk, der Hauptstadt der Republik Karatschai-Tscherkessien zu antijüdischen Demos. In Tscherkessk forderten die Demonstranten »keine jüdischen Flüchtlinge zuzulassen« und Juden aus der Gegen »auszusiedeln«. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben 34 Personen fest und leitete gegen sie Verfahren ein. Am Morgen des 29. Oktober wurde in der Hauptstadt der Republik Kabardina-Balkarien, Naltschik, ein Brandschlag auf die Baustelle eines jüdischen Kulturzentrums verübt.

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