Tanz mit der Macht: Erinnerungen an Klaus Höpcke

Er galt als der »Bücherminister« in der DDR. Ein Nachruf auf Klaus Höpcke

  • Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Der »Bücherminister« Klaus Höpcke
Der »Bücherminister« Klaus Höpcke

Als »Blindbewerbung« konnte man den »Kinderbrief« nicht bezeichnen, den ich als 21-Jährige ans »Neue Deutschland« schickte. Mein Slawistik-Professor in Jena hatte mir gesagt, man brauche dort jemanden für sowjetische Literatur, und ich hatte die Idee, nach meiner Promotion dort anzufangen. Wenige Tage später aber stand Klaus Höpcke bei uns in Weimar vor der Tür. »Komm doch gleich mit«, sagte er. Ich war mir nicht sicher. Da kam er eine Woche später noch einmal und versprach, dass ich nichts tun müsse, wozu ich mich nicht in der Lage fühlte, und dass mir die Kollegen alle helfen würden. Wo wäre solches heute noch möglich? So wurde ich Redakteurin für ausländische Literatur und werde Klaus Höpcke immer dankbar sein, wie er fordernd und fördernd meinen Weg begleitete.

Er hatte ja an der Universität Leipzig Journalistik studiert und hat es bis zum Oberassistenten gebracht. Und gar nicht nebenbei ist er in Funktionen der SED und FDJ gewesen. Ein Funktionär, könnte man sagen. Aber einer mit eigenem Kopf. Klaus Höpcke ist ein Beispiel für viele SED-treue Genossen, die sich schöpferisch in die DDR-Wirklichkeit einbringen wollten. Dabei hatten sie es mit einer Hierarchie zu tun, die zu durchschauen war, mit einer Ideologie, der grob zu widersprechen sie vieler Wirkungsmöglichkeiten beraubt hätte, wie sie meinten.

Obwohl mit Anfang 20 nur ein »Nesthäkchen« beim »«nd»«, hatte ich das bald begriffen und sah mit Hochachtung, wie Klaus Höpcke im listigen Clinch mit der Chefredaktion mehr Offenheit im Bereich der Kulturberichterstattung durchzusetzen versuchte. Da könnte man mir widersprechen, auf Texte verweisen, die er später wohl so nicht geschrieben hätte. Auch hinter ihm, am 27. November 1933 in Cuxhafen geboren, lag ja ein Erkenntnisweg. Ich allerdings habe ihn nie als Dogmatiker, sondern als offenen, suchenden Menschen kennengelernt.

An einem Freitagnachmittag kam er mit einem dicken Band in russischer Sprache an: »Die Dämonen« von Fjodor Dostojewski. »Kannst du das bis Montag lesen und mir aufschreiben, warum man das in der DDR verlegen sollte?« Tag- und Nachtarbeit übers Wochenende: Natürlich musste dieser Roman an die deutschen Leser, weil er die eben auch gewaltsame Vorgeschichte der Oktoberrevolution verstehen hilft, den »revolutionären Terror«, der auch später noch wüten würde.

Traurig war es für die Kulturabteilung des »«nd»«, so einen schöpferisch denkenden Chef zu verlieren, der seine Begeisterung weitergeben konnte. Ob es für das Buchwesen in der DDR gut war, dass er im März 1973 zum stellvertretenden Minister für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel berufen wurde, dazu wird es diese oder jene Meinung geben. In dieser Funktion war er ja sozusagen oberster Zensor. Da macht man sich auch Feinde. Denn wenn er »Buchminister« bleiben wollte, konnte er das System der Druckgenehmigungen nicht einfach abschaffen. Um den Bereich des ideologisch Möglichen zu erweitern, war kluges Vorgehen verlangt. Abstimmung mit dem Apparat des Zentralkomitees und dem zuständigen Politbüromitglied Kurt Hager – und trotzdem Eigenständigkeit? Balanceakte immer wieder.

1985 erhielt er ein Disziplinarverfahren, weil er die Druckerlaubnis für Volker Brauns »Hinze-Kunze-Roman« erteilt hatte. Anfang 1989 wurde er wegen seiner Zustimmung zur PEN-Resolution für die Freilassung von Václav Havel erneut gemaßregelt. Zumal er Russisch lesen konnte, hat er sich den Reformbemühungen von Michail Gorbatschow nahe gefühlt, bereit, in staatlicher Funktion den Weg in eine erneuerte DDR zu gehen. Die Volkskammerwahl im März 1990 entlarvte das als Illusion. Von März bis Oktober 1990 war er Abgeordneter der Volkskammer und ab Mai Leiter der Grundsatzkommission beim Parteivorstand der PDS. Danach war er Landtagsabgeordneter in Thüringen, zunächst als Fraktionsvorsitzender der PDS, ab 1994 als wissenschafts- und hochschulpolitischer Sprecher. 1999 schied er aus dem Landtag aus.

Gern hätte er am 27. November noch seinen 90. Geburtstag gefeiert. Doch wie seine Familie mitteilte, ist Klaus Höpcke am Samstag, dem 14. Oktober, gestorben.

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