Regionalliga: Der BFC Dynamo kickt in traurigen Gewerbegebieten

BallHaus Ost: Die kontemplative Befreiung der Wochenendseele in der Regionalliga Nordost

  • Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
In Jena ist Trainer Dirk Kunert am Standort gescheitert, beim BFC Dynamo hilft ihm der heimatliche Dung.
In Jena ist Trainer Dirk Kunert am Standort gescheitert, beim BFC Dynamo hilft ihm der heimatliche Dung.

Hallo ihr da draußen. Während ein Brandherd in unserer beschissenen Menschenwelt den nächsten jagt, beschäftigen wir uns jetzt mit sportiver Abwechslung. Hier soll nicht die Rede sein vom erstaunlichen Absturz des 1. FC Union Berlins von Everybody’s Darling zum gefühlten Absteiger aus der Bundesliga. Am Dienstagabend folgte im DFB-Pokal beim VfB Stuttgart die elfte Niederlage in Folge.

Die in schweren Schlingerkurs geratenen ostdeutschen Zweitligavereine aus Rostock und Magdeburg sind es heute auch nicht, die unser Herz schwer machen (obwohl sie es tun). Die kontemplative Befreiung der Wochenendseele übernimmt die Regionalliga Nordost.

Ballhaus Ost
Fussball, Herren, 2. Bundesliga, Saison 2014/2015 (10. Spieltag)...

Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana.

Dirk Kunert ist seit ein paar Wochen Trainer des BFC Dynamo. Er war nach seiner Entlassung in Jena zwei Jahre arbeitslos. Eine lange Zeit für einen Coach in den besten Jahren, die nicht selten zu einer beruflichen Umorientierung führt. Kunert blieb stur und schubste seinen Traum vom Drittligajob nicht von der Bettkante. Obgleich ihm bei seiner Jenenser Beschäftigung fehlende Leidenschaft und eine gewisse Behäbigkeit attestiert wurden, waren das möglicherweise temporäre Eigenschaften, die am Ende etwas mit dem Standort Jena zu tun hatten, wo man beim FC Carl Zeiss trotz anhaltender Erfolgslosigkeit in der 4. Liga tief im Inneren der Meinung ist, zu Höherem berufen zu sein.

In seinem Herzen ist Kunert Berliner. Er braucht den heimatlichen Dung, er braucht Lärm, Schmutz und ausuferndes Remmidemmi nach, vor und während der Arbeit, um auf Touren zu kommen. Darin unterscheidet er sich nicht von uns Berlinliebenden, die wir uns freudig dem Moloch zuwenden, unsere tägliche Ration Abfuck einsaugen, als wäre es Manna aus Jesus’ wiederverwertbarem Fläschchen. Beim BFC fand er all dies und noch viel mehr: eine mittelgroße Schar kritischer Sympathisanten, die noch nie Drittligaduft geschnuppert haben. Und eine gut aufgestellte Mannschaft, die von seinem Vorgänger Backhaus schmählich im Stich gelassen wurde, als Alemannia Aachen mit Kleingeld nach ihm warf.

Kunert übernahm die Zügel und setzte zur Punktlandung an. Das hatte zur Folge, dass der BFC nach dem letzten Kick kurzzeitig vom Gipfel der Tabelle grüßte. Davor sahen 2000 Menschen ein rasantes Regenspiel. Dynamo lag Anfang der zweiten Halbzeit mit 1:3 hinten, kämpfte sich auf 3:3 heran und hatte den Sieg auf der Pike. Ein leidenschaftlicher Kunert bekam kurz vor Schluss die gelbrote Karte zu sehen, am Ende war die Freude groß beim regennassen Anhang. Genau das will man in Hohenschönhausen haben, mit Leidenschaft zur Meisterschaft.

Viktoria Berlin erschien auswärts ohne Fans. Neben dem Geschäftsführer Sport und ein paar nicht eingesetzten Spielern war einfach kein Interessent auszumachen. Traurig, doch Viktoria liebt fast keiner. Das verbindet den Verein mit der VSG Altglienicke, die auch nur in der Regionalliga existiert, weil ein Waldschrat mit zu viel Geld merkwürdigen Spaß daraus zieht, den Klub im Mittelfeld der Tabelle dümpeln zu sehen. Bei ihren trostlosen Heimspielen finden sich ein paar Rentner und Spielerfrauen ein, die mit elf Hoppern die Schwermut des Herbstes verkünden.

Weil am vergangenen Wochenende noch Spitzenreiter Greifswald gegen Cottbus unentschieden spielte, geht es eng zu an der Tabellenspitze, der BFC lauert auf Platz zwei. Uns stehen regennasse Spieltage ohne schützende Tribünendächer bevor: Ach, wird das schön, wenn wir uns bibbernd aneinanderschmiegen, um in coolen Viertligabuden in menschenfeindlichen Gewerbegebieten unseren geliebten Sport zu verfolgen.

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