Keine Straße für Kurt Goldstein in Dortmund?

Nach AfD-Intervention: Straßenbenennung in Erinnerung an Holocaust-Überlebenden vertagt

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.
Kurt Goldstein im Frühjahr 2001, damals setzte er sich für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeiter*innen ein.
Kurt Goldstein im Frühjahr 2001, damals setzte er sich für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeiter*innen ein.

Wer nicht mehr ganz jung ist, wird sich an Kurt Julius Goldstein erinnern. Gerade in den 1990er Jahren und um die Jahrtausendwende war der damals schon hochbetagte Mann unermüdlich aktiv, gegen die neuen Nazis, die auf Straßen marschierten und Menschen ermordeten. Kurt Goldstein besuchte Schulen und Kundgebungen und berichtete aus seinem Leben. Selbst im Jahr 2005, in dem Goldstein schon über 90 Jahre alt war, sprach er bei 70, 80 Veranstaltungen in 42 Orten, wie es in einem nd-Artikel heißt, in dem über die Ehrung von Kurt Goldstein mit dem Bundesverdienstkreuz berichtet wurde.

Das Bundesverdienstkreuz bekam Kurt Goldstein um einen »der letzten lebenden und sich aktiv einbringenden Zeitzeugen des größten Verbrechens der deutschen Geschichte« zu ehren. Der Geehrte selbst gab sich damals überrascht, als »Deutscher, Jude und Kommunist« werde man gewöhnlich nicht geehrt, so seine Einschätzung.

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Nun, 16 Jahre nach seinem Tod, ist eine Ehrung für Kurt Goldstein umstritten. In seiner Heimatstadt Dortmund soll eigentlich eine winzige, neu entstehende Straße nach Goldstein benannt werden. Beschlossen werden sollte die Benennung am Dienstagabend in der Bezirksvertretung Dortmund-Scharnhorst. Die »Ruhrnachrichten« berichten, dass die Benennung vertagt wurde. Der Grund dafür, Kritik von der AfD. Die wies darauf hin, dass Goldstein »in der DDR auch hohe Ämter im SED-Regime bekleidet« habe. Ein Hinweis, der offenbar bei der CDU zum Nachdenken führte, sie beantragte die Benennung der Straße zu vertagen. Der Antrag hatte Erfolg.

Einige Lokalpolitiker*innen aus Dortmund werden sich nun also mit dem Lebenslauf von Kurt Goldstein auseinandersetzen. Sicherlich eine lohnenswerte Angelegenheit, denn sein Leben bietet viel Stoff zum Nachdenken. Geboren wurde Kurt Julius Goldstein 1914 als Sohn einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie im heutigen Dortmunder Stadtteil Scharnhorst. In seiner Jugend schloss er sich erst einer linken, jüdischen Gruppe und der SPD-Jugend an. Ab 1928 war er Anhänger der KPD-Jugend. 1933, am Tag der Reichstagsbrandverordnung wurde Goldstein gewarnt, dass seine Festnahme drohte. Er tauchte unter und floh, im Untergrund schloss er sich einer zionistischen Organisation an und ging nach Palästina. Dort blieb er allerdings nur ein knappes Jahr, um sich ab 1936 als Interbrigadist am Krieg gegen Franco in Spanien zu beteiligen. Nach der Niederlage im Bürgerkrieg wurde Goldstein erst in Frankreich interniert und 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Er überlebte das Außenlager Jawischowitz und auch den Todesmarsch nach Buchenwald, wo er am 19. April 1945 den Schwur von Buchenwald ablegte.

Nach dem Nationalsozialismus entschied sich Kurt Goldstein für die DDR. Er arbeitete als Journalist, bis in die späten 1970er Jahre war er Intendant der »Stimme der DDR«. Sein Leben lang setzte sich Goldstein, etwa als Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, gegen den Faschismus und für Aufklärung ein.

Ob man so ein Leben ehren kann, hält man in der Dortmunder Lokalpolitik für fraglich. Derjenige, der die Frage aufgeworfen hat, ist kein Unbekannter. Matthias Helferich sitzt für die AfD in der Bezirksvertretung Scharnhorst. Der AfD-Politiker, der sich selbst, angeblich ironisch, als »das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus« bezeichnet hat. Nach Helferichs Wahl in den Bundestag 2021 erhielt die AfD-Fraktion anonyme Warnungen vor dem Dortmunder. Deswegen und weil seine Nähe zur extremen Rechten zu offensichtlich ist, nahm die Bundestagsfraktion Helferich nicht auf. In der Partei gab es außerdem eine Ämtersperre für ihn.

Die Trennung im Bundestag und die Ämtersperre gegenüber Helferich bleiben allerdings rein formelle Akte. Helferich ist in der AfD tief verankert und ein fleißiger Netzwerker für den völkisch-nationalistischen Flügel der Partei. Seine Machtbasis hat er in der »Jungen Alternative«. Helferichs Büro in Dortmund bezeichnen Antifaschist*innen als »Treffpunkt und Organisationszentrum der Neuen Rechten in NRW«. Im August demonstrierten 400 Menschen gegen das Wahlkreisbüro.

Matthias Helferich ist also kein Unbekannter, er ist auch niemand, der sich einen gemäßigten Anstrich gibt. Wer Helferichs öffentliche Äußerungen verfolgt, sieht, worum es ihm geht: ungefilterte, extrem rechte Propaganda. Die Agitation gegen einen linken, jüdischen Holocaust-Überlebenden gehört dazu.

Das könnte man auch in der CDU wissen, trotzdem hörte man auf die Bedenken Helferichs und sorgte dafür, dass es erst mal keine Kurt-Goldstein-Straße in Dortmund gibt. Brandmauern gegen Nazis und Antisemiten sehen anders aus.

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