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  • Fußball: Fanprotest in der Bundesliga

Fußballfans zeigen ungewöhnliche Einigkeit im Protest gegen DFL

Fangruppen sehen mit geplantem Investoren-Einstieg eine rote Linie in Sachen Kommerzialisierung überschritten

  • Frank Hellmann, Mainz
  • Lesedauer: 4 Min.
Ungewöhnlicher Protest: Fußballfans stören neuerdings die Spiele durch das Werfen von Tennisbällen auf den Rasen.
Ungewöhnlicher Protest: Fußballfans stören neuerdings die Spiele durch das Werfen von Tennisbällen auf den Rasen.

Es kommt nicht so oft vor, dass sich Fangruppen so gut verstehen wie am dritten Adventswochenende 2023. Die organisierte Szene spielte Doppelpässe, die an manchen Standorten auf den Rängen deutlich besser abgestimmt wirkten als die Spielzüge auf dem Rasen. So in Mainz, wo der Fanblock der Null-Fünfer bereits eine Stunde vor Anpfiff mit dem Gästeanhang des 1. FC Heidenheim im Wechselgesang die Schmähungen auf DFB und DFL einübte. Und natürlich hing in der Arena ein Banner, das auch an Zweitliga-Schauplätzen wie in Nürnberg oder Berlin zu besichtigen war: »Wir werden kein Teil eures Deals sein – scheiß DFL«.

Im Mainzer Fanblock gingen Spruchbänder in die Höhe, mit denen auch der Klubchef Stefan Hofmann frontal attackiert wurde. Offenbar haben die 36 Lizenzvereine unterschätzt, was der beabsichtigte Einstieg eines Investors an der Basis auslöst. Mit dem Deal, der einem Finanzpartner für die nächsten 20 Jahre eine Beteiligung an den Medienerlösen zusichert, scheint eine rote Linie bei der Kommerzialisierung des Profibetriebs überschritten. Aus Protest schwiegen die Kurven vielerorts die ersten zwölf Minuten, womit sich der Zuschauer als »zwölfter Mann« doch recht geschickt Gehör verschaffte.

Profis wie Leonardo Bittencourt von Werder Bremen fühlten sich in die eigenartige Atmosphäre der Geisterspiele zu Corona-Zeiten zurückversetzt. Im Februar und März 2020 hatten sich ähnlich heftige Proteste gegen die Kollektivstrafen gerichtet; zudem schwappten nach der Verunglimpfung des Hoffenheimer Mäzens Dietmar Hopp weitere Gegenreaktionen in die Stadien, ehe das Virus den Spielbetrieb lahmlegte.

Dreieinhalb Jahre später steht eigentlich eher die Deutsche Fußball-Liga (DFL) als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Pranger. Im Namen der »Fanszenen Deutschlands« ist von einem »Dammbruch für die Bundesliga« die Rede: »Unsere Ressourcen im Kampf gegen die Profitgier und Willkür der DFL werden wir kollektiv bündeln. Noch könnten die Geschäftsführer der Liga das verhängnisvolle Investmentprojekt stoppen!« Man sei nicht bereit, »beim Ausverkauf des deutschen Fußballs tatenlos zuzusehen«.

Hoffenheims Geschäftsführer Alexander Rosen hat um Verständnis gebeten, dass 20 Profiklubs den DFL-Plan befürwortet haben. »Grundsätzlich ist es das gute Recht der aktiven Fanszene, einen Gegenpart ganz demonstrativ in den Stadien zu zeigen. Auf der anderen Seite muss man in einem gewissen Rahmen auch akzeptieren, dass sich die Liga entwickeln muss«, sagte er am Sonntag dem TV-Sender Bild. »Ich glaube, das Problem ist die Kommunikation.«

In der Tat ist es der öffentlich nur selten sichtbaren Liga-Geschäftsführung mit Marc Lenz und Steffen Merkel nicht gelungen, eine nicht leicht verständliche Entscheidung den Fans plausibel zu erklären. Vielleicht sind aber auch die Ziele von Private-Equity-Unternehmen mit den von der Fankultur vertretenen Werten gar nicht in Einklang zu bringen.

Was nicht geht, sind Gewaltausbrüche wie am Freitag in Paderborn. Ausgelöst von den fast berüchtigten Krawallmachern von Hansa Rostock. »Sie haben volle Gewalt gezeigt«, sagte Paderborns Geschäftsführer Martin Hornberge. Man müsse sich bei DFL und DFB überlegen, »ob man Vereine, die Fans haben, die zu solcher Gewalt neigen, überhaupt noch in andere Stadien lässt«.

Dann ist es schon besser, dass Anhänger wie in Mönchengladbach Goldtaler mit süßem Inhalt in den Strafraum werfen, die Helfer mit riesigen Beuteln einsammeln mussten. Auch beim VfL Bochum flogen tags darauf reichlich Schokoladenmünzen, von denen Takuma Asano eine auspackte und aufaß, um dermaßen gestärkt gleich das Führungstor gegen den VfL Wolfsburg zu erzielen. In Nürnberg kamen Tennisbälle zum Einsatz, denn im Max-Morlock-Stadion stehen die Fans nicht so nah am Spielfeldrand wie tief im Westen.

Für die Verantwortlichen war es nicht ganz einfach, in dieser vertrackten Gemengelage die richtige Tonart zu finden. Am besten gelang das vielleicht dem Spanier Xabi Alonso, der als ehemaliger Spieler des FC Bayern und aktueller Trainer von Bayer Leverkusen mehrere Sichtweisen kennt: »Wir haben Fans in Leverkusen, aber auch in Spanien, Argentinien und in Japan. Wir müssen eine Perspektive haben, die Tradition zu halten, aber auch eine Vision zu entwickeln, weil wir in einem Fußball-Dschungel kämpfen, mit La Liga, Premier League und der Serie A.«

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