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Volleyballerinnen mit Olympiatraum: Keine Lust auf Dauerrechnen

In der Nations League wollen die deutschen Volleyballerinnen doch noch ihr Ticket nach Paris lösen

Anna Pogany (r.) und Lena Stigrot glauben noch an ihre letzte Chance auf die Qualifikation zu den Sommerspielen in Paris.
Anna Pogany (r.) und Lena Stigrot glauben noch an ihre letzte Chance auf die Qualifikation zu den Sommerspielen in Paris.

Keine elf Monate ist es her, da träumten die deutschen Volleyballerinnen von ihrer ersten Olympiateilnahme seit 20 Jahren. In der Nations League hatten sie am 27. Juni 2023 gerade ihre direkten Kontrahentinnen aus der Dominikanischen Republik besiegt und waren in der Weltrangliste bis auf Platz neun vorgestoßen. Wahrscheinlich reicht sogar noch Rang zehn für das letzte Ticket zu den Spielen in Paris. Dann aber begann eine Krise, die immer noch andauert. Mittlerweile ist das Team des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) Zwölfter mit großem Rückstand auf jenen zehnten Platz. Um es doch noch zu schaffen, braucht es etwas Glück und einen richtig starken Frühsommer in der Nations League. Und die beginnt für die Deutschen an diesem Mittwoch in Antalya gegen Olympiagastgeber Frankreich.

Bis zum 16. Juni haben Kapitänin Anna Pogany und ihr Team noch Zeit, die fast 60 Punkte Rückstand zu den Niederländerinnen gutzumachen und dabei auch noch die Kanadierinnen zu überholen. Theoretisch ist das möglich, auf beide Teams wird die DVV-Auswahl auch direkt treffen, doch zwei Siege allein werden nicht reichen für Olympia. Es muss auch die eine oder andere Überraschung gegen noch namhaftere Gegnerinnen gelingen, um große Schritte in der Weltrangliste zu machen. Gleichzeitig dürfen die anderen Teams nicht ebenso punkten. So könnte der kommende Monat zu einem der ewigen Rechnerei werden.

Vorausgesetzt natürlich, die deutschen Volleyballerinnen können ihre Krise endlich hinter sich lassen. Sie hatte mit der Heim-EM in Düsseldorf im Herbst 2023 begonnen. Schon im Auftaktspiel verletzte sich die beste deutsche Angreiferin Hanna Orthmann so schwer am Knie, dass sie selbst ein halbes Jahr später noch nicht wieder spielen kann. Der Schock saß damals so tief, dass ihre Kolleginnen gegen die schwächer eingestuften Tschechinnen und Schwedinnen verloren. Eine EM zum Vergessen endete nicht nur früh im Achtelfinale, sondern auch mit einem Ranglistenminus von 23 Punkten, während die EM-Dritten aus den Niederlanden fast 30 Punkte hinzugewannen. Beim Olympiaqualifikationsturnier in Polen schafften es die Deutschen erwartungsgemäß nicht auf einen der beiden ersten Plätze, sodass nur noch der Weg über die Weltrangliste übrig bleibt.

Doch damit nicht genug. Just, als sich das Team auf die neue Saison vorbereiten wollte, folgte der vorerst letzte große Schock: Vital Heynen, der Bundestrainer, der die deutschen Frauen mit seinem eigenwilligen, aber oft erfolgreichen Stil erst wieder in die Weltspitze geführt hatte, warf Mitte April das Handtuch, weil er einen wahrscheinlich viel höher dotierten Job in China annehmen will. Eingesprungen ist der langjährige Coach des Dresdner SC, Alexander Waibl. Auch wenn er die Wunschlösung der Spielerinnen darstellte, war an eine ideale Vorbereitung auf die Nations League nicht mehr zu denken. »Wir hatten nur drei Tage das komplette Team im Training zusammen und spielen jetzt gegen die Topnationen. Man wünscht sich natürlich eine andere Ausgangslage«, fasste Waibl zusammen. »Vielleicht ist das aber das Besondere, das wir brauchen, um noch mehr Energie freizusetzen.«

Einen ähnlichen Optimismus versprühen trotz all der Rückschläge des vergangenen Jahres auch seine Spielerinnen. »Es ist eine unfassbare Vorfreude da. Unser Traum lebt«, sagte Spielführerin Pogany jüngst im Trainingslager in Kienbaum, wo der Fokus noch auf Krafteinheiten gelegt wurde. Weil das ganz schön schlauchte, kam beim Testspiel am Freitag in Potsdam gegen die zweitklassigen Rumäninnen nur ein knapper 3:2-Erfolg heraus, der noch keine Euphorie entfachen konnte.

Es heißt nun, schnell Waibls neue Systeme einzuüben. »Vital Heynen hatte einen sehr männerorientierten Stil des Volleyballs. In ihren Vereinen sind meine Spielerinnen dann aber übers ganze Jahr eher Frauenvolleyball-typische Systeme gewohnt, daher werde ich in manchen Punkten zu denen zurückkehren«, umriss der neue Bundestrainer seine Philosophie, die das Team offenbar teilt. »Ich habe von Anfang an gespürt, dass alle Lust auf Training haben. Die Stimmung ist echt gut«, so Waibl. Auch Lena Stigrot, die in Dresden jahrelang unter ihm gespielt hatte, begrüßte, dass nun wieder der Fokus auf Technik statt vermehrt aufs Taktische gelegt wird. »Das gibt uns mehr Sicherheit, und das mögen wir«, sagte die Außenangreiferin.

Libera Anna Pogany hofft nun auf einen starken Start: »Die erste Woche wird richtungsweisend sein.« Kein Wunder: In der Türkei wird man es nach Frankreich und der Türkei noch mit Japan und den Niederlanden zu tun bekommen. Zwei Nationen also, die man in der Weltrangliste noch einholen könnte. Aufs dauerhafte Rechnen hat aber niemand Lust, besonders da bereits für Olympia qualifizierte Teams mit ungewöhnlich schwachen Leistungen das Ranking noch kräftig durcheinanderbringen können. »Es wird daher wichtig sein, dass wir uns damit gar nicht auseinandersetzen. Wir müssen nur an das anstehende Länderspiel denken. Und danach an das nächste«, mahnte Waibl. Der Rest liege ohnehin in fremden Händen.

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