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Kirche für andere

Zum Ende des evangelischen Kirchenbunds der DDR vor 30 Jahren.

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 9 Min.

Ohne Kenntnis der Geschichte des Protestantismus ist die Geschichte der Deutschen nicht wirklich zu verstehen. Schon gar nicht die Geschichte der DDR, die bei ihrer Gründung der einzige realsozialistische Staat war, in dem es die Partei mit einer evangelischen Mehrheitskirche zu tun bekam.

Aber hat es die DDR-Kirche überhaupt gegeben? Den BEK, den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR?

Zumindest kirchenrechtlich wurde diese Frage mit der Einheit aufgeworfen: Im Auftrag des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) legte im August 1990 der Tübinger Kirchenrechtler Martin Heckel ein Gutachten vor: Die EKD-Mitgliedschaft der DDR-Landeskirchen habe lediglich geruht. Aus theologischer Sicht war eine Trennung ohnehin nie infrage gekommen. Ein solches Schisma hätte vorausgesetzt - ähnlich der Kirchenspaltung 1934 zwischen der Reichskirche und der Bekennenden Kirche -, dass die ostdeutschen EKD-Gliedkirchen den westdeutschen Häresie vorgeworfen hätten oder umgekehrt.

So hat es in den Jahren der Teilung immer eine Evangelische Kirche in Deutschland gegeben, deren Landeskirchen sich aber seit 1969 in zwei Kirchenbünden organisierten, jeweils hinter ihrer Staatsgrenze. Eben diese organisatorische Trennung wurde in besagtem Gutachten für nicht rechtens erklärt, wenn auch kirchenjuristisch verbrämt, um den einstigen BEK-Vorsitzenden Albrecht Schönherr und die anderen DDR-Bischöfe nicht zu desavouieren.

Auf die Frage, ob die Gründung des DDR-Kirchenbunds denn richtig gewesen sei, sagte Reinhard Steinlein - über viele Jahre konservativer »Gegenspieler« Schönherrs in der brandenburgischen Kirchenleitung - Ende der 1990er Jahre: Er habe es nicht für richtig gehalten, »aber durch Gottes Güte ist auch aus dieser Missgeburt einigermaßen was geworden«. Immerhin habe der DDR-Kirchenbund versucht, eine gewisse Linie zu halten. Artikel 4.4. der BEK-Ordnung betonte eine besondere Gemeinschaft mit der EKD. Da sei ein Anker gewesen, an dem man sich festhalten konnte.

In der Ökumene genoss der BEK weltweite Anerkennung: Eine Kirche, die sich dem Kontrollanspruch der SED zu entziehen versuchte. Eine »Lern- und Dienstgemeinschaft« in der ideologischen Diaspora und zugleich im Kernland der Reformation. An der Reaktivierung der EKD-Mitgliedschaft schien kein Weg vorbeizuführen. Vor 30 Jahren, vom 22. bis 24. Februar 1991, tagten die BEK- und die EKD-Synode parallel in Berlin, am letzten Tag erstmals gemeinsam. Ende Juni stellte der Kirchenbund der einstigen DDR offiziell seine Arbeit ein. Die Vereinigung mit der EKD war, wie die staatliche Vereinigung, nichts weiter als ein Beitritt - nur dass die ehemaligen DDR-Pfarrer über Nacht das Fünffache an Gehalt bezogen. Die Ost-Pastoren waren Gewinner der Einheit. Die Kirche aber hat verloren.

Ein ausgeschlagenes Erbe

Das Erbe der evangelischen DDR-Kirchen nimmt die EKD bis heute nicht an. Erwähnt sei nur das langjährige - und erfolgreiche! - Friedensengagement des BEK. Als sich der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1979 zum vierzigsten Mal jährte, verabschiedeten EKD und BEK eine gemeinsame Erklärung. Das international beachtete »Wort zum Frieden« ging auf eine Initiative des DDR-Kirchenbundes zurück. In diesem ersten gesamtdeutschen Kirchenpapier seit zehn Jahren hieß es: »Lange bevor ein Krieg ausbricht, hat er in den Gedanken und Herzen der Menschen schon begonnen. Misstrauen und Angst und das Gefühl der Bedrohung löschen alle anderen Hoffnungen aus.«

Die Bedrohungen mögen heute andere sein, aber die Welt ist nicht friedlicher geworden. Deutschland ist ein führender Waffenexporteur. Es fehlt eine mahnende Stimme, wie sie einst der BEK war. Die Erinnerung lohnt: Die DDR-Kirchen standen der unabhängigen Friedensbewegung näher als die EKD, die bis zur Aussetzung der Wehrpflicht 2011 den Dienst an der Waffe theologisch und ethisch auf eine Stufe mit der Wehrdienstverweigerung setzte. In der Kanzelabkündigung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings hingegen klagte die Berlin-Brandenburgische Landeskirche darüber, »dass noch immer militärische Mittel eingesetzt werden, um politische Fragen zu lösen«. Ein solcher Protest dürfte einmalig sein in der Geschichte des deutschen Protestantismus.

Auch im Verhältnis zum Judentum setzten die DDR-Kirchen eigene Akzente. 1975 konterkarierten sie die Außenpolitik des SED-Staates, als sie gegen die UN-Resolution protestierten, welche Zionismus und Rassismus gleichsetzte. Kirchenbundchef Albrecht Schönherr erklärte damals dem Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser, dass das Volk Israel von Christen nicht wie jedes andere Volk angesehen werden könne. Man müsse sehen, was ihnen durch Christen und besonders Deutsche angetan worden ist.

Die Kirchen in »Gottes geliebter Ostzone« - Karl Barth - waren ein eigenartiges Phänomen: Obwohl ihre Schrumpfung stets anhielt, nahm ihr gesellschaftliches Gewicht jährlich zu. Anders als die katholischen standen die evangelischen Türen weit offen für die Mühseligen und Beladenen - für Behinderte, Punks, »Gammler«, Homosexuelle und auch Ausreisewillige. Im Sinne Dietrich Bonhoeffers waren sie »Kirche für andere«.

Die evangelischen Kirchen bildeten einen Sonderraum für unabhängige Diskurse. Synoden, Kirchentage und Gottesdienste waren die einzigen öffentlichen Veranstaltungen, auf deren Tagesordnung der SED-Staat keinen direkten Einfluss nahm. Daher sind für Historiker heute die evangelischen Kirchen, um ein Wort des früheren Magdeburger Bischofs Werner Krusche zu verwenden, ein wichtiger »Seismograf für die Rechte des Einzelnen« in der DDR. Wie unter einem Brennglas bündelten sich hier die politischen Probleme eines ganzen Landes: Mauerbau, Ausreiseverbot, Umweltverschmutzung, das nukleare Wettrüsten und freilich auch die Herausbildung einer unabhängigen Umwelt- und Friedensbewegung.

Bremsklotz und Ersatzmotor

Paradox ist die Bedeutung der Kirchen für die Entwicklung der DDR-Opposition. Die »Kirche im Sozialismus« wollte selbst nie Opposition sein, war aber die einzige relevante Institution, die sich dem Allmachtsanspruch der Partei entzog. Immer wieder meldete sie sich zu Wort und rief in bedeutenden Fragen zu Resistenz auf. Man wollte, wie es seinerzeit Oberkirchenrat Manfred Stolpe formulierte, weder »Transmissionsriemen der Partei noch ein Trojanisches Pferd der Konterrevolution« sein.

Die acht selbstständigen evangelischen Landeskirchen, die sich 1969 im Bund der Evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik zusammengeschlossen hatten, waren ein Bremsklotz am Wagen des SED-Staats - aber zugleich auch eine Art Ersatzmotor: Zwischen 1957 und 1990 wurden über Kirchenkonten geschätzte 8,5 Milliarden D-Mark in die DDR transferiert. Die evangelische Kirche war für den Staat eine wichtige Devisenquelle. Etwa 50 Prozent des kirchlichen Gesamthaushalts wurde von den Westkirchen finanziert. Auch kirchliche Transfergeschäfte versetzten die DDR in die Lage, auf dem Weltmarkt einzukaufen.

Aus Sicht der Parteiführung war die Kirche nicht nur ein Fremdkörper in der sogenannten entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Sie hatte auch eine Scharnierfunktion: Ohne ihre Vermittlung hätte es Häftlingsfreikäufe seitens der Bundesrepublik in diesem Umfang nicht geben können. Zwischen 1964 und 1990 verdiente die DDR mit dieser Art des Menschenhandels 3,4 Milliarden D-Mark, etwa 33 000 Häftlinge kamen frei und konnten gemeinsam mit etwa 250 000 nicht inhaftierten Ausreisewilligen übersiedeln. Als Umschlagplatz für die Freikäufe fungierte in der DDR das Diakonische Werk, das auch die Garantie bot, dass von dem Geld keine Embargo-Waren, Waffen und ähnliches gekauft wurden.

Eine solche Valutaquelle hatte kein anderer Ostblockstaat. Für einen Kopfpreis von erst 40 000 und gegen Ende knapp 100 000 D-Mark sparte sich die DDR die Resozialisierung Tausender Krimineller, entledigte sich eines großen Teils der Opposition und sorgte für sozialen Frieden – das rechnete sich, auch wenn teuer ausgebildete und dringend benötigte Fachkräfte verloren gingen, etwa Mediziner.

Dennoch betrieb der Staat stets eine Politik, die zum Ziel hatte, die Kirche sozial zurückzudrängen und als Risikofaktor zu kontrollieren. Parallel aber verfolgten Partei und MfS – und mit ihnen die Räte der Bezirke und Kreise – den Versuch einer Bündnispolitik wie bei den Blockparteien. Christen sollten gewonnen werden für die aktive Mitarbeit in der sozialistischen Gesellschaft. Dieses Dilemma – Kampf gegen den Glauben bei Werbung um die Gläubigen – charakterisierte die Kirchenpolitik der SED. Der Thüringer Bischof Mitzenheim bekam 1961 den Vaterländischen Verdienstordnen in Gold, während man im selben Jahr dem Berliner »Bischofverweser« die Staatsbürgerschaft aberkannte – dabei war Kurt Scharf, der aus der Bekennenden Kirche kam, alles andere als ein »kalter Krieger«. Eher ein bedächtiger Kirchenmann, der sich in den 1980ern mit der Aktion Sühnezeichen für die Versöhnung mit Polen engagierte.

Gesellschaft der Lippenbekenntnisse

Die Partei proklamierte für sich den absoluten Wahrheitsanspruch. Mit dem Anspruch der Kirche, auf die letzten Fragen des Menschen Antwort geben zu können, musste das kollidieren. Kirche und Religion galten der SED als zu überwindender Restbestand der alten Gesellschaft, der eher früher denn später absterben sollte. Das wollte man beschleunigen. So wurden die Kirchen mal mehr, mal weniger administrativ und ideologisch bekämpft.

Dabei trug die Ideologie der SED quasi selbst religiöse Züge. Versteht man unter Säkularisierung die Befreiung der Gesellschaft von Religion, hat es eine solche in der DDR eigentlich nicht gegeben.

Genau genommen waren nicht nur die Christen irgendwann in der Minderheit, sondern auch die Marxisten. In den Jahren nach der BEK-Gründung 1969 war das, was die Leute für Sozialismus hielten, eine Alltagserscheinung geworden. Kein Provisorium mehr und auch kein Bollwerk im Kampf gegen Weltimperialismus und Dritten Weltkrieg, sondern ein Versorgungsversprechen zum Preis eingeschränkter individueller Freiheit. Die Masse der Menschen in der DDR nahm dieses Arrangement als unausweichlich und gegeben hin.

Allerdings glaubten die Wenigsten an den Sozialismus als historische Übergangsperiode zum Kommunismus. Nur eine Minderheit trug sich wirklich mit einer tief verinnerlichten kommunistischen Überzeugung. Der große Schriftsteller Jurek Becker – 1977 auf offiziellem Wege in die Bundesrepublik ausgereist – schrieb 1993 im »Spiegel«: »Da Unterordnung dann am leichtesten zu ertragen ist, wenn man davon überzeugt ist, sich einer guten Sache zu unterwerfen, waren im Laufe der Jahre immer mehr DDR-Bürger der Meinung, die Ziele ihres Staates seien unterstützenswert. Aber es war eine dünne Überzeugung, sie saß nur ganz vorn auf der Zunge, bei kleinster Belastung fiel sie in sich zusammen; und schon heute, nach dreieinhalb Jahren, wird sie von so gut wie allen verleugnet.« Dennoch, so Becker, habe sich der Staat mit dieser Art Überzeugung zufriedengegeben. Den Millionen Partei- und Gewerkschaftsmitgliedern, den Kampfgruppenleuten, Kundgebungsteilnehmern zum Tag der Republik und den 99,5 Prozent Ja-Sagern bei den Volkskammerwahlen – ihnen allen habe der DDR-Staat ihre Lippenbekenntnisse abgenommen. »Auch an seiner Leichtgläubigkeit« sei dieser Staat zugrunde gegangen.

Derweil nahm auch in der Kirche die Zahl der tatsächlich Glaubenden kontinuierlich ab. 1983 zitierte der westdeutsche Kirchenpublizist Reinhard Henkys in seinem Buch »Gottes Volk im Sozialismus« einen damals in der DDR kursierenden Sender-Jerewan-Witz: Auf die Frage, ob man eigentlich gleichzeitig Kommunist und Christ sein könne, heißt die Antwort: »Im Prinzip ja, aber warum sich das Leben doppelt schwer machen.«

Karsten Krampitz ist Autor und Schriftsteller, zudem Mitglied der Historischen Kommission beim Vorstand der Linkspartei. An der Humboldt-Universität zu Berlin promovierte er 2015 zum Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR. 2017 erschien beim Alibri Verlag sein Überblickswerk »Jedermann sei untertan. Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert. Irrwege und Umwege«.

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