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Im Online-Zug nach Augsburg

Der Dichter und die Frauen: Das diesjährige Brechtfestival Augsburg wurde am Freitag eröffnet - als digitale Ausgabe mit schwungvollem Programm

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.

Der geistige Raum der Stadt Augsburg sei der D-Zug-Wagen nach München, hätte Bertolt Brecht auf die Frage nach seiner Heimatstadt geantwortet. So schreibt es jedenfalls Brechts Jugendfreund Hanns Otto Münsterer in seinen Erinnerungen. Schnell ist dem Theatererneuerer und Schriftsteller wohl die bayerische Peripherie zu beengt geworden. Gerade 18 Jahre alt, verschlug es ihn nach München und bald schon nach Berlin, wo auch der Weltruhm nicht lange auf sich warten ließ. Berlin wurde - unterbrochen durch die schweren Jahre des Exils - zum Lebens- und Schaffensort Brechts und ist bis heute ein wichtiges Zentrum für die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit dem Dramatiker.

Augsburg hat sich hingegen schwergetan mit seinem bekanntesten Sohn. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollte man mit Brecht, ohnehin unter Kommunismusverdacht stehend und mittlerweile dazu noch in Ostberlin beheimatet, lieber nichts zu tun haben. Erst sein früher Tod 1956 und das Ende des westdeutschen Brechtboykotts in den 60er Jahren machten eine vorsichtige Annäherung möglich. Heute zeigt man sich in Augsburg stolz mit einem Brechthaus genannten Museum, einer Brecht-Forschungsstelle und natürlich mit dem Brechtfestival. Es fand erstmals 2010 statt und hat sich zu einem festen Bestandteil des Augsburger Kulturlebens entwickelt. Über mehrere Jahre wurde es von Joachim A. Lang kuratiert, der einem größeren Publikum durch seinen eher seichten Kinofilm »Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm« von 2018 bekannt sein dürfte. Seit vergangenem Jahr leitet das Regieduo Jürgen Kuttner und Tom Kühnel das Festival und bringt etwas Berliner Schwung nach Süddeutschland.

Das diesjährige Festival, das kurzentschlossen vollständig ins Internet verlegt wurde, steht unter dem Motto »Brechts Frauen« und feierte am vergangenen Freitag seine Eröffnungspremiere. Digital konnte man einer 40-minütigen Videoaufführung von Heiner Müllers »Medeamaterial« in der Regie der beiden Festivalleiter und in Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg beiwohnen. Dass die Wahl gerade nicht auf ein Stück von Brecht, sondern auf Müllers Antikenbearbeitung fiel, zeigt, wie wenig museal mit dem Namensgeber des Festivals umgegangen wird. Brecht wird von Kuttner und Kühnel nicht als verstaubter Klassiker, sondern als Begründer einer Traditionslinie verstanden, in die sich Heiner Müller nahtlos einreiht.

»Medeamaterial« wird von drei Augsburger Theaterschauspielerinnen gesprochen. Medea, in zweifacher Hinsicht von der Gesellschaft gestraft, als Fremde und als Frau, trägt ihr sprachgewaltiges Klagelied vor: »Für dich hab ich getötet und geboren / Ich deine Hündin deine Hure ich«. Kuttner und Kühnel haben den Text durch eine Bild- und Soundcollage erweitert. Aufnahmen der Filmikone Pier Paolo Pasolini, von Ulrike Meinhof und Heiner Müller im Originalton ergänzen die düstere, stimmungsvolle Arbeit, die ästhetisch an ein Musikvideo erinnert. Die Regisseure sind klug genug, auf den Text zu vertrauen und durch ihre Inszenierung vor allem seine Atmosphäre zu verstärken. Dass die beiden aber gänzlich an die Kraft des digitalen Theaters glauben, das von einigen Künstlern zurzeit euphorisch herbeigesehnt wird, muss man allerdings bezweifeln. Auffällig ist die Vielzahl von Kurz- und Kürzestbeiträgen, von Puppentheaterperformances, über Lesungen, hin zu Konzerten, die ein buntes unterhaltsames Programm ergeben und vor dem heimischen Bildschirm gut konsumierbar sind, der Tiefe eines abendfüllenden Theaterabends aber entbehren müssen.

Stefanie Reinsperger, die seit 2017 an dem Berliner Ensemble genannten Brechttheater engagiert ist, hat ebenfalls einen filmischen Beitrag mit dem Titel »Ich bin ein Dreck« produziert, in dem der Meister mit den Frauen aus seinem Umfeld und seinen Stücken konfrontiert wird. Die Schauspielerin wird hierfür videotechnisch vervielfacht, mimt mal Brechts Ehefrau Helene Weigel, mal seine Geliebte Margarete Steffin. Reinsperger, auf der Bühne durchaus eine eindrucksvolle Erscheinung, flucht, schreit, weint viel. Eine nachvollziehbare Erzählung jenseits der Gefühlsausbrüche will sich aber nicht einstellen. Schnell wird deutlich, dass diese Auseinandersetzung mit der Privatperson Brecht weit weniger ergiebig ist als der kritische Umgang mit seinem Werk, eine feministische Lesart seiner Texte mehr sein muss als die Abrechnung mit einer Künstlerbiografie.

Einen ganz anderen Ansatz, Brecht feministisch weiterzudenken, hat die Film- und Theaterschauspielerin Corinna Harfouch gefunden. Sie verschneidet die Anfangsszenen aus Brechts Lehrstück »Die Mutter« mit den verstörenden Beschreibungen eines Arbeitsalltags in den 30er Jahren aus dem »Fabriktagebuch« von Brechts Zeitgenossin Simone Weil. In 30 Minuten wechselt Harfouch zwischen Objekttheater und Lesung hin und her, entledigt sich auch des heute etwas aus der Zeit gefallenen revolutionären Pathos und schafft mit einfachsten Mitteln ein komplexes Bild. Wo es Brecht gelingt, die allmähliche Politisierung und Emanzipation der Mutter eines sozialistischen Arbeiters im Russland des frühen 20. Jahrhunderts und den Kampf gegen die Unterdrückung strukturell zu zeigen, füllt Simone Weil die Leerstellen mit plastischen und lebensnahen Veranschaulichungen. Wo Brecht das Ringen um höhere Löhne in den Mittelpunkt rückt, thematisiert Weil immer auch die Bedingungen des Arbeitens. Wo Brecht den Feind im Eigentümer der Fabrik sieht, verschweigt Weil nicht die vielschichtigen Probleme hierarchischer Arbeitsstrukturen. Auch wenn die französische Philosophin, erst Sozialrevolutionärin, dann Mystikerin, keine verlässliche politische Ratgeberin sein mag, geben die von Harfouch ausgewählten Passagen da Aufschluss, wo bei Brecht Fragezeichen auftauchen, und gibt seiner Hauptfigur Pelagea Wlassowa eine nuancenreichere weibliche Stimme.

Dass die Verlegung eines Festivals auf die digitale Bühne des Internets nur eine Behelfslösung sein kann, dürfte allen Beteiligten klar sein. Zumal der Livestream mitunter unzuverlässig funktionierte. Dennoch ergibt sich gerade so die Möglichkeit zu zahlreichen kurzen Einzelbeiträgen mit experimentellem Charakter, die eine wirklich lebendige künstlerische Beschäftigung mit dem Autor bezeugen. Bis zum Ende dieser Woche werden weitere Stücke, darunter Arbeiten von den Schauspielern Meret Becker und Charly Hübner, das Programm ergänzen. Die bereits gezeigten Beiträge bleiben so lange in der Mediathek für alle mit digitalem Festivalticket verfügbar. Auch für diejenigen, die den Weg nach Augsburg sonst scheuen.

Brechtfestival Augsburg, noch bis zum 7. März. Mehr unter: www.brechtfestival.de

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