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Militanter Pazifist

Diskursverschiebung nach links: Danger Dans neues Album »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt«

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 7 Min.

Selten lagen Freud und Leid so nah beieinander wie bei Danger Dans neuem Soloalbum »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt«. Elf Klavierballaden, da dachte selbst Daniel Pongratz, wie Danger Dan mit bürgerlichem Namen heißt, dass das nicht mehr als ein paar hartgesottene Fans der Antilopen Gang oder vielleicht noch ihre Eltern hinterm Ofen hervorlockt. Also druckten er, sein Bruder Tobias alias Panik Panzer und Bandkollege Koljah, die das Album auf dem eigenen Label Antilopen Geldwäsche herausbringen, eigenhändig 200 Linoldrucke, als Anreiz für ihre Fans, »damit die das trotzdem kaufen, obwohl es Klaviermusik ist«, erinnert sich Pongratz lachend an diese eklatante Fehleinschätzung.

Ein paar Wochen später kann der 37-jährige Rapper selbst noch nicht ganz glauben, was für Wellen er da mit seinem musikalischen Experiment geschlagen hat. Nachdem die erste Single »Lauf davon« recht geräuschlos an der Öffentlichkeit vorbei gegangen war, landete er mit seinem Song »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« einen Volltreffer. Und das quer durch die Bank: Das Lied, in dem der gebürtige Aachener erbarmungslos mit Führungsfiguren der Neuen Rechten abrechnet, stieg nicht nur in die deutschen Singlecharts ein, sondern begeistert von linksradikalen Autonomen über bürgerliche Kulturliebhaber*innen das ganze Land. »Selbst Oliver Pocher hat sich darauf positiv bezogen, die kleine miese Type«, macht sich Danger Dan Sorgen, dass sich das Lied »im Marsch durch die Institutionen komplett glatt schleift«. »Die ganzen Arschgeigen kommen auf einmal alle an und finden es geil.«

Die 200 Platten reichen längst nicht mehr aus und die Antilopen Geldwäsche kommt mit dem Nachpressen ihres ersten Albums gar nicht mehr hinterher. Danger Dan ist mit dem Lied etwas gelungen, das in Pandemiezeiten, in denen rechte und antisemitische Verschwörungsideologien von der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft offen auf der Straße skandiert werden, einen Nerv getroffen hat: Eine Diskursverschiebung nach links. Statt »wir müssen die Sorgen der Rechten ernst nehmen« der vergangenen Jahre heißt es nun »man diskutiert nicht mit Faschisten/hat die Geschichte gezeigt« und dass angesichts des strukturellen Rassismus in Staat und Polizei und der Verstrickung der Sicherheitsbehörden ins rechte Milieu, Militanz ein legitimes Mittel ist.

»Ich verabscheue Gewalt und ich bin Pazifist, aber ich bin militanter Pazifist«, zitiert Danger Dan, der in seinem Musikvideo, das auf You Tube bereits mehr als 2,5 Millionen Klicks hat, mit Bomberjacke und Kalaschnikow posiert und damit selbst vor RAF-Analogien nicht zurückschreckt, Albert Einstein. »Nazis und Neurechte machen Politik, die mit Hass und Gewalt funktioniert und die Angst erzeugen soll. Und den Kampf um die Straße führt man auf der Straße. Da kannst du keine Flyer verteilen«, ist er überzeugt. Wenn die friedlichen Mittel nicht funktionieren, ist das letzte Mittel, das bleibt, eben Militanz.

Mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Abgesehen vom Hass der üblichen rechten Trolle und einem mehr als peinlichen Antwortvideo eines Polizisten, das unfreiwillig viral ging, bekomme er viele positive Reaktionen, berichtet der Wahlberliner. »Von Leuten, die richtig zu Tränen gerührt sind. Weil das Lied scheinbar so einer Wut, die da ist, Raum gibt. Die Leute reagieren ganz emotional darauf, weil sie merken, dass sie doch sauer sind.« Diese Wut will er in Widerstand kanalisieren, damit sich so etwas wie der NSU nicht wiederholt, wie es aktuell etwa im Berliner Neukölln-Komplex droht. »Wenn ein mutmaßlicher Brandstifter, der Leuten das Auto und die Wohnungen anzündet, sagt, ›der Staatsanwalt ist auf unserer Seite, da wird nichts passieren‹, dann kann man das nicht tolerieren.« Wenn Staatsdiener Rechtsterroristen unterstützen, statt sie zu bekämpfen, sei das »ein Moment, wo, bei allem Idealismus, die Antwort nicht mehr pazifistisch funktioniert.«

Spätestens nach seinem Auftritt mit dem Starpianisten Igor Levit beim »ZDF Magazin Royale« von Jan Böhmermann hat Danger Dan die antifaschistische Militanzdebatte auch in die Hochkultur getragen. Das liegt jedoch nicht etwa daran, dass der autodidaktische Musiker virtuos Klavier spielen kann (kann er nicht) oder ein besonders talentierter Sänger wäre (ist er nicht). Aber das muss er auch gar nicht sein: Es reicht, dass er Klavier spielt und auf einer Theaterbühne sitzt, statt im Hinterhof einen Joint zu rauchen und zu Beatbox zu freestylen, damit man ihm überhaupt zuhört. Danger Dan ist zu einer Art Hagen Rether in linksradikal geworden.

Im Prinzip sagt er in seinem neuen Album nichts anderes, als er vorher mit seiner Hip-Hop-Band Antilopen Gang auch schon gesagt hat. Er hat auch schon vor seinem Song »Ich verprügelte die Sextouristen in Bangkok« strukturelle Kritik an Ausbeutungsverhältnissen und patriarchalen Strukturen geübt. Schon vor »Das schreckliche Buch« Antisemitismus angeprangert. Es hat ihm nur keiner zugehört, weil Rap in Deutschland noch immer in die Schmuddelecke gestellt wird. »Feuilletonisten glauben nicht, dass Rapper so viele schlaue Beiträge zum gesellschaftlichen Diskurs haben. Ich glaube, da schwingt auch immer noch ganz viel Rassismus mit, weil Rap direkt mit Migration assoziiert wird«, meint Danger Dan.

Ob er deswegen ein Klavieralbum gemacht hat, um die Schmuddelecke zu verlassen und als Vertreter der vermeintlichen Hochkultur ein Publikum auch im bürgerlichen Milieu zu erreichen? »Ich habe nicht an Größeres gedacht, ich habe an Anderes gedacht«, sagt Danger Dan. Dabei will er vor allem die Grenzen der Kunstfreiheit ausloten. »Um ehrlich zu sein, ich fand das Experiment, wie weit ich gehen kann, noch spannender, als dass ich wirklich agitieren wollen würde.«

Juristisch ist dieses Experiment bisher geglückt, zumindest sei bis heute keine Anzeige ins Haus geflattert. Auch auf die Schriftliche Anfrage eines Ex-AfD-Abgeordneten, wieso Danger Dan von der Bundesregierung gefördert werde, obwohl dieser in seinem neuen Song zu politischer Militanz und Selbstjustiz aufrufe, antwortete Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), dass er bislang juristisch nicht für seine Liedtexte belangt wurde und seine Texte damit tatsächlich von der Kunstfreiheit gedeckt sind.

Ob das Experiment auch musikalisch gelingt, wird sich zeigen. Aber auch hier geht es Danger Dan mehr darum, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und etwas Neues zu probieren. »Ich habe mit sechs angefangen, Klavier zu spielen und eigene Lieder zu komponieren, mal bessere, mal schlechtere«, sagt er. Einige der Songs auf dem Album wie »Topf und Deckel« sind mehr als zehn Jahre alt, erst jetzt hatte er die Muße, diese musikalischen Facetten auf ein komplettes Album zu pressen. Auch weil in der Corona-Pandemie, ohne den Tourstress der Antilopen Gang, endlich die Zeit dafür war. Und auch die Langeweile. »Ich hatte nie die Zeit und auch nie den Bock, weil Klavierspielen ist voll schwer«, sagt er lachend und wird dann wieder ernst. »Es gab auch andere Momente in meinem Leben, wo ich Zeit gehabt hätte, aber da wollte ich halt lieber in die Kneipe gehen oder in den Urlaub fahren. Das geht jetzt nicht mehr, also habe ich es einfach gemacht.«

Nicht alle Balladen auf seinem Klavieralbum, auf dem sich viel Autobiografisches findet, sind politisch. In dem Liebeslied »Eine gute Nachricht«,werden die Grenzen der Kitschigkeit teilweise deutlich überschritten, wie Danger Dan selbstkritisch zugibt. »Ich singe da diesen Satz: ›Eine Milliarde Sterne mussten explodieren.‹ Das ist richtig schrecklich, richtig krass widerlich.« Dennoch sei dieser Song sein Lieblingslied auf dem Album. »Ich wollte unbedingt so eine Schnulze, eine richtig gute Schnulze schreiben, so wie Herbert Grönemeyer das auch machen könnte.«

Vom Außenseiter-Rapper zum schnulzigen Liedermacher, was kommt als nächstes? »Ich mache gerade parallel schon die nächste Antilopen-Platte«, sagt Danger Dan. Mit der Klaviermusik will er aber auch weiter machen. Denn der Vorteil an bestuhlten Konzerten in Theaterhäusern wie dem Admiralspalast oder der Elbphilharmonie ist, dass es verpönt ist, mitten in der Vorstellung aufzustehen und zu gehen. »Da wird dann richtig mies agitiert. Das wird ein richtiger Brainwash.«

Danger Dan: »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« (Antilopen Geldwäsche/Warner)

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