Schwindendes Gelb

Raps ist Ölfrucht, Futterpflanze, Bienenweide. Der Anbau ging in Deutschland um 30 Prozent zurück - auch wegen des Verbots von Beizmitteln

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 6 Min.
Blühende Rapsfelder sind auch für Hummeln eine attraktive Nahrungsquelle.
Blühende Rapsfelder sind auch für Hummeln eine attraktive Nahrungsquelle.

In den letzten Wochen waren sie für Ausflügler wieder ein beliebtes Fotomotiv: blühende Rapsfelder. Jetzt ist es fast vorbei mit der Pracht. Und allgemein geht der Anbau der Ölfrucht seit Jahren zurück. Wurde sie 2013 noch auf 1,5 Millionen Hektar angebaut, so war 2019 mit 853 000 Hektar ein Tiefpunkt erreicht. In diesem Jahr wächst sie wieder auf rund einer Million Hektar. Das ist immer noch ein Minus von 30 Prozent.

Der mit Senf und Steckrübe verwandte Kreuzblütler ist generell kapriziös: Empfindlich gegen viele Wetterlagen, zugleich werden Wachstum und Ausbildung der ölhaltigen Samen durch zahlreiche Insekten und Pilze leicht beeinträchtigt. Die Erträge schwanken zwischen zwei und 4,5 Tonnen pro Hektar. Nicht von ungefähr liegt der Anteil von Bioraps bei nur einem Prozent, denn hier sind die meisten Insektizide und Fungizide verboten. Nicht zuletzt, weil seit 2014 das Ummanteln des Saatguts mit neonicotinoidhaltigen Insektiziden, das sogenannte Beizen, verboten ist und seit 2019 weitere Beschränkungen beim Pestizideinsatz gelten, bauen viele Landwirte keinen Raps mehr an.

Die Paradoxie: Die Gefahren für Bienen haben sich durch das Beizverbot sogar erhöht. Denn die Pflanzen werden deshalb viel häufiger direkt mit Insektiziden besprüht. Schon in frühen Wachstumsphasen im Herbst gilt es, den Rapserdfloh zu bekämpfen, ab März den Rapsstängelrüssler und in der Blüte den Rapsglanzkäfer. Letzterer frisst Stempel und Fruchtknoten, so dass der ölhaltige Samen sich nicht ausbilden kann. Hinzu kommen viele Pilzkrankheiten. Wegen der Vielfalt der »Feinde« des Rapses kann er auf ein und derselben Fläche maximal alle drei Jahre stehen, die Kosten für die Schädlingsbekämpfung wären sonst viel zu hoch.

Gegen die vermehrten Spritzungen auch noch in der Blühphase haben zuletzt der Deutsche Berufs und Erwerbs Imker Bund und die Aurelia Stiftung, die sich als »unabhängige Fürsprecherin der Bienen« versteht, Druck gemacht. Sie monierten, dass Mittel mit dem Wirkstoff Acetamiprid - das einzige Neonicotinoid, das in Raps- und Obstanbau noch erlaubt war - teils auch tagsüber in die Blüten gesprüht wurden, obwohl dies nur abends und morgens, also außerhalb der Flugzeiten der Bienen und anderer Insekten, geschehen soll. Mitte März verbot das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit tatsächlich mit sofortiger Wirkung zwei acetamipridhaltige Mittel.

Durchwachsene Verbotsbilanz

Das Beispiel des Rapses zeigt indes, dass Verbote ohne flankierende Maßnahmen für eine nachhaltige Landwirtschaft, für Umwelt, Klima und Bienen wenig bringen. Nötig wären parallel etwa die Förderung der Züchtung robusterer Sorten und die Entwicklung alternativer Beizmittel. Andernfalls droht vielerorts die wichtigste Trachtpflanze für Honigbienen nach dem Winter verloren zu gehen. Die Blüten liefern reichlich Nektar und Pollen - ohne selbst auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen zu sein. Auch in den Jahrzehnten vor den Neonicotinoidverboten wurden Bienenwagen und Beuten selbstverständlich an Rapsfeldern platziert.

Bei Verzicht auf Raps fällt zudem ein wichtiger Bestandteil von Fruchtfolgen weg, nachdem unter anderem wegen der Abschaffung von Quoten und des Preisverfalls zuvor schon Zuckerrüben- und Kartoffelanbau stark zurückgegangen waren. Dabei erhöht Raps die Aktivität von Bodenlebewesen und verbessert die Humusbildung. Zudem kann Winterraps von Vorfrüchten freigesetzten Stickstoff noch im Herbst aufnehmen.

Eine weitere Folge des Anbaurückgangs: Die aus heimischen Pflanzen hergestellte Menge an hochwertigem Speiseöl und proteinhaltigem Rapsschrot für Rinder sinkt. Dies führt zu einem wachsenden Anteil importierter Rohstoffe wie Futtersoja und Palmöl, das bekanntlich unter katastrophalen ökologischen und sozialen Bedingungen produziert wird. Wir nutzen also unvermindert oder gar noch stärker Flächen für den Anbau hier verbrauchter Futter- und Lebensmittel, die Menschen im Globalen Süden für ihre Ernährung fehlen. Dazu kommt, dass lange Transportwege für eine schlechte Energiebilanz sorgen.

Nach Angaben des Verbandes der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland stammten 2018/2019 nur noch 30 Prozent des in den hiesigen Ölmühlen verarbeiteten Rapses aus Deutschland, was einem Rückgang um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. Derweil haben sich die Rapsimporte aus der Ukraine zwischen 2014 und 2019 von 120 000 auf 740 000 Tonnen mehr als versechsfacht. In der Ukraine ist der Einsatz von Neonicotinoiden erlaubt.

Und wie steht es um die Bienen? Prof. Andreas von Tiedemann, Leiter der Abteilung Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Uni Göttingen, sieht weder in der EU noch global langfristig einen Rückgang der Zahl der Bienenvölker. In den letzten Jahren, gebe es sogar einen deutlichen Aufwärtstrend, sagte er gegenüber »nd«. Weltweit wachse die Anzahl Bienenvölker sogar seit den 1960er Jahren nahezu kontinuierlich.

Spritzmittel: ineffizient und gefährlicher

Gleichwohl ist es unbestritten, dass Neonicotinoide Bienen und andere Insekten schädigen können, sie sind schließlich ein insektenspezifisches Nervengift. Allerdings sei die Gefahr nur bei direkter Ausbringung dieser wie auch anderer Wirkstoffe auf der Fläche relevant, sagt Tiedemann. Gerade bei der Nutzung von gebeiztem Saatgut sei eine Schädigung so gut wie ausgeschlossen. Bei Raps schon deshalb, weil in Deutschland nahezu ausschließlich Winterraps angebaut werde. Zwischen Aussaat und Blüte liegen daher mindestens sieben Monate, nach denen das Insektizid in den Pflanzenteilen weitestgehend abgebaut sei. Zudem seien die Technologien zur Anheftung der Beizmittel an die Körner und zur Ausbringung des Saatguts seien nach einem Vorfall 2008, bei dem mehr als 11 000 Bienenvölker geschädigt wurden, sehr stark verbessert worden, so Tiedemann.

Nach der Aussaat von mit dem Neonicotinoid Clothianidin gebeiztem Mais war es vor 13 Jahren in Teilen Baden-Württembergs und Bayerns zu einem vermehrten Bienensterben gekommen. Die Aussaat fiel damals zeitlich mit der Rapsblüte zusammen, und die Beize hatte bei einigen Saatgutchargen unzureichend an den Körnern gehaftet, wodurch das Gift auf benachbarte Rapsfelder geweht wurde. Der Vorfall war Auslöser für das seit 2014 geltende Verbot dreier Neonicotinoide als Beizmittel.

Tiedemann gibt dennoch zu bedenken, dass bei der Beizung nur ein Prozent der Ackerfläche mit dem Insektizidwirkstoff in Berührung komme. Bei Spritzung seien es dagegen 100 Prozent. Seit dem Beizverbot sei der Einsatz anderer Spritzmittel stark nach oben gegangen. Sie stellten einen »größeren Eingriff bei geringerer Wirkung« dar. Zugleich, so Tiedemann unter Verweis auf Untersuchungen seines Teams und zahlreiche weitere, hätten die Insektenpopulationen im Raps »trotz jahrelangen Einsatzes von Insektiziden weltweit sogar zugenommen«. Dies betreffe sowohl die Zielorganismen der Gifte als auch einen großen Teil der Nützlinge. Dies sei durch Erhebungen aus Mecklenburg-Vorpommern seit den 1980er Jahren und durch aktuelle Daten des bundeseigenen Julius Kühn-Instituts belegt.

Auch Gerhard Liebig, der an der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim 22 Jahre lang den Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung von Bienenvölkern erforscht hat, sieht kein vermehrtes Bienensterben. Wie Tiedemann kritisiert er Forschungsreihen zum Nachweis der Gefährlichkeit von Neonicotinoiden: Sie fänden nur unter Laborbedingungen oder in unrealistischen Settings statt. Im Freiland liege »die Rückkehrquote von Nektar- und Pollensammlerinnen bei 99 Prozent, egal, ob die Völker gebeizten oder nicht gebeizten Raps oder Mais befliegen«, sagt er. Die zunehmende Zuchtbienenhaltung könne allerdings teilweise zu einer Verdrängung von Wildbienen führen. Belege dafür gebe es aber nicht.

Immer mehr Imker in Deutschland

Laut dem Deutschen Imkerbund (DIB) halten in Deutschland aktuell 160 000 Menschen insgesamt 1,1 Millionen Bienenvölker. Zwischen 1991 bis 2007 fehlte der Imkernachwuchs, seither wächst die Zahl der Bienenhalter aber stetig. Die Zahl der Völker sank von 1,05 Millionen 1991 auf 614 000 im Jahr 2009 und steigt seither von Jahr zu Jahr.

DIB und Berufsimkerbund sprechen sich dezidiert für eine Beibehaltung des Totalverbots von Neonicotinoiden aus. Der DIB plädiert zugleich für längere Anbaupausen bei Raps zur Minderung des Schädlingsdrucks und für eine Förderung der Anschaffung moderner Applikationstechnologien für Pestizide allgemein aus EU- oder Bundesmitteln.

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