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Dekrete, Dramen, Debütanten

Von den sechs Spielen des Auftaktwochenendes dieser EM versprechen mindestens drei gute Geschichten

  • Von Jirka Grahl, St. Petersburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Unter den Kronleuchtern des großen Saals im »Dom Dschurnalistow« (Haus der der Journalisten) in Sankt Petersburg herrschte am Freitagvormittag Gedränge. Das Zunfthaus der Medienschaffenden liegt direkt am Newski-Prospekt, an der Tür hatten sich grimmig dreinschauende Sicherheitsleute aufgebaut, immerhin gab sich Sportminister Oleg Matytsin die Ehre vor dem ersten EM-Spiel in St. Petersburg an diesem Sonnabend.

Alles laufe bestens, versicherte der Minister vor den Fernsehkameras, nun müsse nur noch die Sbornaja ihr Bestes gegen. Die russische Auswahl, 2018 bei der Heim-WM nur knapp im Viertelfinale gescheitert, wird am Samstagabend um 22 Uhr Ortszeit im Petersburger Stadion gegen den WM-Dritten Belgien auflaufen (Gruppe B). Immerhin die Hälfte der superteuren Arena auf der Krestowskij-Insel wird gefüllt sein, 30 500 Zuschauer sollen sich auf insgesamt 62 000 Plätzen verteilen. Maltytsin und der Organisationschef Alexej Sorokin hatten noch versucht, die Uefa zu überreden, sogar 45 000 Menschen Einlass zu gewähren - vergeblich.

Fanzone für 5000 Menschen

Zudem gibt es Public Viewing in vielen Fußgängerzonen im ganzen Land - ungeachtet der wieder steigenden Corona-Inzidenzen im Land. Die offizielle Fanzone der Uefa liegt in St. Petersburg am Konjuschennaja-Platz; 5000 Fans sind dort zugelassen, Masken sollen getragen und der Mindestabstand eingehalten werden. »Es liegt aber auch an jedem Einzelnen, der eine Maske trägt. Der sorgt für seine Mitmenschen!«, befand Organisations-Chef Sorokin. Sportminister Maltytsin pflichtete bei: »Jeder Besucher trägt selbst eine Verantwortung!«

In Russland sehen nicht alle das Fußballfest so optimistisch: Ein Reporter fragte, wie die 5000 Menschen in der Fanzone zur gesetzlichen Obergrenze von 3000 Menschen für Veranstaltungen passen. »Sie kennen anscheinend das Dekret 121 nicht«, belehrte Sorokin den Fragesteller. »Das gilt für Veranstaltungen, nicht für den Sport. Zudem sind die Fanzonen unter freiem Himmel.«

Kaum hatten der Sportminister und seine Entourage den Saal verlassen, lief die Meldung über den Ticker, dass Mittelfeldspieler Andrej Mostowoi (23) von Zenit St. Petersburg positiv getestet worden sei. Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow nominierte sofort Abwehrspieler Roman Jewgenijew (22) von Dinamo Moskau nach.

Debüt der Finnen

Corona wirft damit seine Schatten auf das Topspiel des ersten Samstags, wenngleich unter den sechs EM-Spielen am ersten Wochenende der paneuropäischen EM noch einige andere Highlights anstehen: So zum Beispiel in Kopenhagen das Debüt der Finnen gegen Dänemark. 32 Anläufe zu Welt- oder Europameisterschaften hatten die Suomi-Kicker schon unternommen, erst bei dieser EM schafften sie es erstmals zu einer Endrunde. Die Finnen hadern damit, dass Corona ihnen das erste große Turnier verpatzt: »Ganz Finnland wäre uns sonst hinterhergereist. Die Leute wären auch ohne Tickets zu den Spielen nach Kopenhagen und St. Petersburg gekommen«, glaubt Torwart Lukáš Hrádecký (Bayer Leverkusen). Sollte dem finnischen Team im skandinavischen Duell eine Überraschung gelingen, könnte es womöglich doch noch Suomi-Fans in Massen über den Finnischen Meerbusen ziehen: Kommenden Mittwoch treten die Finnen in St. Petersburg gegen Russland an.

Duell der Favoriten in London

Das größte Highlight des Auftaktwochenendes steht schon am frühen Sonntagnachmittag an. Im Wembley-Stadion gibt es eine erste Antwort auf die seit fünf Jahrzehnten gleiche Frage: Reißen die Engländer diesmal etwas? Seit dem WM-Sieg 1966 sehnen sich die »Three Lions« und ihre Anhänger danach, mal wieder einen Pokal in die Höhe zu heben. Bei etlichen Welt- und Europameisterschaften schien der Kader durchaus die Befähigung dafür zu besitzen. Doch seit dem WM-Titel mit berühmten Wembley-Tor scheiterte das Mutterland des Fußballs jedes Mal bei seinen durchaus ernsthaften Versuchen, wenigstens mal ein Endspiel zu erreichen. Etwas Drama war immer.

Am Sonntag nun ist Vizeweltmeister Kroatien der Kontrahent: Jenes Team um Luka Modrić und Co. das Englands Halbfinal-Aus bei der WM 2018 besiegelte (1:2 nach Verlängerung). 22 500 Zuschauer sind zugelassen, und die Gastgeber um Kapitän Harry Kane wollen zuvor auf jeden Fall den Antirassismus-Kniefall vollführen, den manche Zuschauer und auch der britische Premierminister nicht so super finden. Ganz im Sinne Boris Johnsons handeln stattdessen die Kroaten, bei denen weder Fans noch alle Spieler immer gegen Nationalismus gefeit sind. Sie wollen den Kniefall nicht mitmachen. Englands Head Coach Gareth Southgate indes bestärkte seine Spieler. »Sie kennen die Kraft ihrer Stimmen. Sie wissen, dass sie etwas bewegen können.«

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