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An der Kasse ohne Stimme

Beschäftigte im Einzelhandel fordern mehr Lohn und Anerkennung

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Für Systemrelevanz kann man sich nichts kaufen. Während die großen Unternehmen im Lebensmittelhandel wie Rewe, Edeka, Kaufland oder Penny an der Pandemie ordentlich verdienten und ein sattes Umsatzplus von acht Prozent erwirtschafteten, haben die Beschäftigten im Verkauf für ihren unermüdlicher Einsatz trotz Infektionsrisiko und Hamsterkäufen keinerlei Anerkennung erhalten.

»2020 hat der Lebensmittelhandel den höchsten Umsatzanstieg seit Beginn der statistischen Aufzeichnung vor 27 Jahren erwirtschaftet«, erklärt dazu Conny Weißbach von der Gewerkschaft Verdi. Auch der stationäre Einzelhandel habe einen Umsatzanstieg von drei Prozent erwirtschaftet. »Die Unternehmen konnten durch milliardenschwere Wirtschaftshilfen und den Erlass der Sozialversicherungsbeiträge beim Kurzarbeitergeld ihre pandemiebedingten Verluste abfedern. Die Beschäftigten nicht. Daher ist eine tabellenwirksame Reallohnerhöhung zwingend nötig«, so Weißbach, Fachbereichsleiterin Handel im Landesbezirk Berlin-Brandenburg.

Es geht für die rund 141 000 Berliner und 78 000 Brandenburger Einzelhandelsbeschäftigten um 4,5 Prozent mehr Lohn und außerdem um 45 Euro zusätzlich pro Monat. In der Branche soll zudem ein rentenfestes Mindestentgelt von 12,50 Euro pro Stunde gelten. Verdi will erreichen, dass die Tarifverträge des Einzelhandels für allgemeinverbindlich erklärt werden und für alle Beschäftigten der Branche gelten. Die Tarifverträge sollen eine Laufzeit von neun Monaten haben.

Für Conny Weißbach ist klar: Die Beschäftigten fordern nur den ihnen zustehenden fairen Anteil. »Die Preise steigen unerbittlich, besonders die Energie- und Mietkosten. Es ist nach Aussage von Wirtschaftsexperten mit einer Teuerungsrate von mindestens 2,4 Prozent im Jahr 2021 zu rechen. Diese Preissteigerung trifft alle Beschäftigten, auch die, die von Kurzarbeit betroffen waren«, erklärt die Gewerkschafterin.

Im aktuellen Tarifstreit hatte Verdi für den vergangenen Freitag in Berlin und Brandenburg zu Warnstreiks aufgerufen. Betroffen waren Filialen von Rewe, Edeka, Kaufland, Penny, Ikea und Galeria Karstadt Kaufhof; zentraler Streikort war der Berliner Wittenbergplatz. »Ab 9.30 Uhr waren bis zu 350 gewerkschaftlich Engagierte vor Ort«, berichtet Verdi-Sprecher Andreas Splanemann. Sehr bunte Aktionen, unter anderem eine Tanzperformance mit dem Titel »Bills to pay« (auf Deutsch: Rechnungen sind zu bezahlen), habe man am Brunnen neben dem berühmten Kaufhaus des Westens sehen können.

Die erste Verhandlungsrunde zwischen Verdi und dem Handelsverband Ende Juni war ergebnislos verlaufen. Die Arbeitgeberseite hatte das Forderungspaket als zu hoch zurückgewiesen. Allein Berliner Einzelhändler müssten ihren Beschäftigten damit insgesamt zehn Prozent mehr bezahlen, kritisierte der Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Unterdessen verspricht das Land Berlin dem stationären Einzelhandel weiterhin Unterstützung angesichts der Umsatzeinbußen in der Pandemie. Handelsunternehmen sollen mehr Begleitung bei Genehmigungsfragen erhalten, bei bestehenden und auch künftigen Förderprogrammen sowie bei Vernetzungs- und Marketingaktivitäten. »Wir lassen den Berliner Einzelhandel in der Coronakrise nicht allein und unterstützen ihn bei einem Restart«, ließ Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am Montag wissen. Das Team des Unternehmensservice werde dafür kurzfristig personell erweitert. Dem stationären Handel sollen so »passgenaue Informationsangebote und Beratungsunterstützung« angeboten werden. »Damit wollen wir die Innenstädte in Pandemie-Zeiten stabilisieren und den Einzelhändlerinnen und Einzelhändlern Perspektiven für die Zukunft aufzeigen«, erklärte die Wirtschaftssenatorin.

Von den Perspektiven der über 200 000 Beschäftigten war in diesem Zusammenhang allerdings nicht die Rede. Am 28. Juli ist der nächste Verhandlungstermin.

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