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  • Serie "Die Professorin"

Unter den Talaren

Die Serie »Die Professorin« seziert auf ironische Weise das Konstrukt Universität

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Universitäten werden von manchen als bildungsbürgerliche Elfenbeintürme jenseits der gesellschaftlichen Wirklichkeit missverstanden. Dabei wird auch dort sehr hart entlang gesellschaftspolitischer Konfliktlinien gekämpft, was die neue Netflix-Serie »The Chair« auf ebenso unterhaltsame wie bitterböse und ironische Weise zeigt. Im Deutschen wurde der Serientitel etwas unbeholfen mit »Die Professorin« übersetzt. In der Titelrolle des »Chair«, der Vorsitzenden des Fachbereichs Englische Literatur an der fiktiven, einer neu-englischen Elite-Uni nachempfundenen Universität von Pembroke, ist »Grey’s Anatomy«-Star Sandra Oh zu sehen.

Ji-Yoon Kim ist die erste Frau und die erste Person of Color, die an der altehrwürdigen Bildungsinstitution die Leitung des Fachbereichs übernimmt, dessen Sitzungen in edlen, holzgetäfelten Räumen stattfinden. Nur soll die ambitionierte Literaturwissenschaftlerin, die dem angestaubten Institut mehr Schwung verleihen und die zeitgemäße, auch von Studenten eingeforderte kritische Beschäftigung mit Rassismus und Sexismus in der Literatur im Lehrplan haben will, empfindlich beim Personal einsparen und ein paar Kollegen in den Vorruhestand schicken.

»Ich fühle mich nicht so, als hätte ich ein Englisch-Institut geerbt, sondern eher so etwas wie eine tickende Zeitbombe, weil sie wollen, dass eine Frau sie hält, wenn sie explodiert«, sagt sie zu ihrer Schwarzen Kollegin Yaz McKay (Nana Mensah), die im Gegensatz zu den weißen alten Professoren-Knackern, die ebenso hochtrabend wie langweilig Literaturwissenschaft und Elite-Uni-Dünkel vor sich hertragen, Hörsäle mit begeisterten Studenten füllt, aber vergeblich um eine Festanstellung kämpft.

Wirklich kompliziert wird es aber am Institut, als Ji-Yoons Vorgänger, der allseits beliebte Bill Dobson (Jay Duplass) in seiner Vorlesung als Satire den Hitlergruß zeigt und dabei von Studenten gefilmt wird. Das Video geht online und verbreitet sich viral. Auch wenn Dobson, mit dem Ji-Yoon befreundet ist, sicher kein Nazi ist, so ist der privilegierte weiße Professor in seiner überheblichen Ignoranz doch nicht in der Lage, sich angemessen zu entschuldigen. Stattdessen erklärt er erbosten Studenten, dass die Uni der Ort der freien Meinungsäußerung sei, womit er einen in der Alt-Right-Bewegung gängigen Diskurs zum Thema politischer Tabubruch bedient.

Das Faszinierende an »The Chair« ist, dass die Serie mit dem Thema Uni-Campus und dazugehörigen politischen und arbeitsrechtlichen Fragestellungen ironisch umgeht, ohne dabei ins Platte abzurutschen. Das lebt von den Schauspielern, hat vor allem aber auch damit zu tun, dass die Charaktere in den flotten Dialogen gut entwickelt werden. Ji-Yoon Kim hat jede Menge mit ihrer irgendwann von der Schule verwiesenen achtjährigen Adoptivtochter und ihrem Vater zu tun, der sich partout weigert, Englisch zu sprechen. Der ehemalige Sunnyboy des Fachbereichs Bill Dobson, kommt langsam richtig auf den Hund, stolpert angetrunken auch mal slapstickartig in einen Busch, wird von vorbeifahrenden Studenten als Nazi beschimpft mit einem Coffee-to-go-Becher beworfen und droht seine Stelle zu verlieren. Der älteren, vom Zwangsruhestand bedrohten Literaturwissenschaftlerin Joan Hambling (Holland Taylor) wird derweil das Büro weggenommen, sie muss im Keller des institutseigenen Fitnessstudios arbeiten und erwartet Hilfe von ihrer neuen Chefin.

Ji-Yoon Kim sitzt bald zwischen allen Stühlen, versucht ihrem Freund Bill klar zu machen, wie idiotisch er sich verhält, was der lange nicht einsieht, und sie hat den Dekan im Nacken, der sehen will, wie Köpfe rollen. Zu allem Überfluss soll sie dann außerdem noch jene begehrte Gastprofessur an den Schauspieler David Duchovny geben, die sie eigentlich für ihre Schwarze Kollegin Yaz vorgesehen hatte.

»The Chair« erzählt in gerade mal sechs halbstündigen Folgen viel vom amerikanischen Unibetrieb, davon, wie Political Correctness funktioniert und verhandelt wird, wie sexistische und rassistische Ausgrenzung am Arbeitsplatz zum Alltag gehören, wie sehr sich wissenschaftliche Forschungsstände im Lauf der Zeit verändern und wie das liebe Geld den Wissenschaftsbetrieb dominiert. Aber die Serie erzählt auch davon, wie sehr sich die amerikanische Hochschule hinsichtlich ihrer Modalitäten vom deutschen Modell unterscheidet, insofern als dass dort Mitarbeiter auch der Lehre wegen fest angestellt werden, ohne langfristig eine Professur zu erhalten. Hierzulande, wo das Motto gilt »Wer lehrt, wird nicht geehrt. Wer schreibt, der bleibt«, sind die Arbeitsbedingungen im Hochschulbetrieb mitunter noch prekärer. Am Ende bietet die Serie trotz ihrer zahlreichen wundervoll inszenierten Momente zum gediegenen Fremdschämen wegen der ignoranten Idiotie zahlreicher Charaktere und der unsäglichen Verhältnisse im kapitalistischen Bildungsbetrieb doch eine gelungene, fast schon empowernde Auflösung.

»The Chair« auf Netflix.

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