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Indonesien befürchtet Wiedergeburt des Terrors

Taliban-Sieg in Afghanistan beflügelt auch radikale Islamisten in Südostasien

  • Von Thomas Berger
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich schien das Terrornetzwerk Jemaah Islamiyah (JI) in Südostasien zerschlagen gewesen, doch nun ist die Angst vor seiner Wiederauferstehung groß. Vom »Ende einer Terror-Ära« titelte die »Asia Times« noch im Dezember 2020. Da war den indonesischen Terroristenjägern gerade Aris Sumarsono alias Zulkarnaen ins Netz gegangen. Der 67-Jährige galt als letzter der sogenannten Bali-Bomber, die für die verheerenden Mehrfachanschläge auf der Urlaubsinsel im Oktober 2002 verantwortlich zeichneten. Damals kamen 202 Menschen ums Leben. Auch für weitere Terrorakte in den Folgejahren wird Zulkarnaen von den Behörden mindestens eine Mitverantwortung zugeschrieben. Laut einigen Einschätzungen handelt es sich bei dem jahrelang Untergetauchten sogar um den Chefstrategen des Netzwerks in Indonesien und das »Gehirn« hinter den Bomben von Bali und Jakarta.

Es war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen für die breite Öffentlichkeit mal wieder der Name Jemaah Islamiyah fiel. Ansonsten schien die Bewegung, die in ihrer hauptsächlichen Operationszeit 2002 bis 2009 als südostasiatischer Ableger von Al-Qaida galt, in der Versenkung verschwunden. Tatsächlich waren ihre Topvertreter, so man sie überhaupt kannte, entweder in Haft oder tot, nur wenige wie eben Zulkaraen noch auf der Flucht vor den Ermittlern. Dass in Kabul nun die Taliban an die Macht zurückgekehrt sind, die dort nach wie vor enge Kontakte zu den Resten von Al-Qaida unterhalten, lässt die Sorgen wachsen, auch die südostasiatischen Strukturen dieser Couleur könnten demnächst neu belebt werden. Zwar haben sich in dieser Region einzelne Gruppen wie die Abu Sayyaf auf den südphilippinischen Inseln inzwischen mit der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) verbündet. Doch auch die im radikalislamischen Lager konkurrierende JI-Ideologie ist gerade in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land, weiter präsent.

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Das von Singapur operierende Nachrichtenportal Channel News Asia (CNA) zitierte den Experten Muhammad Taufiqurrohman, Forscher am Centre for Radicalism and Deradicalisation Studies in Jakarta, mit der Beobachtung, dass erzkonservativ-militante Kreise in Indonesien den Sieg der Taliban in den sozialen Netzwerken explizit gefeiert hätten. Der Machtwechsel in Kabul sei ein Schub für jene Extremisten, die ihrerseits in Indonesien eine streng islamische Herrschaft auf Basis der Scharia errichten wollten, so der Vertreter der renommierten Denkfabrik. Schon im Oktober 2018 hatte Bilveer Singh, ein weiterer akribischer Beobachter der Szene, in einem Hintergrundbeitrag für »The Diplomat« vor noch immer intakten JI-Grundstrukturen und gar einer neuen Blüte gewarnt.

Das konkurrierende Terrornetzwerk profitiere davon, dass die Behörden spätestens seit 2014 ganz auf die Gefahren der IS-Ausbreitung in der Region fokussiert seien. Im Schatten dieses einseitigen Blickes könne sich JI neu gruppieren und wieder festigen. Zugleich wertete Singh die ideologische Basis der 1993 gegründeten Bewegung als intakt. Nur wenige Führungskräfte wie der in Haft sitzende Geistliche Abu Bakar Ba’ashir (83), einst als »Mentor« von Jemaah Islamiyah geltend, hätten sich abgewandt und dem IS die Treue geschworen.

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JI war zu ihren Hochzeiten in Malaysia, Singapur, Thailand, Kambodscha und auf den Philippinen präsent, doch war Indonesien das bevorzugte Operationsgebiet. Den Bomben auf Bali 2002 als Start einer grausigen Serie von Terrorakten folgten weitere - im August 2003 auf das Marriott-Hotel in Jakarta, im September 2004 vor der australischen Botschaft, im Oktober 2005 erneut auf Bali und im Juli 2009 abermals auf Nobelhotels in der Hauptstadt. Drei unmittelbar Beteiligte des ersten Anschlags von Bali wurden nach Schuldspruch 2008 hingerichtet. JI-Bombenbauer Noordin M. Top kam 2009 bei einer Operation einer Anti-Terror-Einheit ums Leben, ebenso der zweite Bombenbastler Dulmatin im März 2010. Wie viele Terrorkader inzwischen nachgerückt sind, weiß niemand genau.

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