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Die Dritte Schuld

Die DDR: Vertane Chance, Sackgasse, Betriebsunfall oder Fußnote der Geschichte? - Notizen von einer Konferenz in Berlin

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.
Ironisch-widerspenstiges Graffiti am Fundament des abgerissenen Palastes der Republik in Berlin
Ironisch-widerspenstiges Graffiti am Fundament des abgerissenen Palastes der Republik in Berlin

Die Prophezeiung von Stefan Heym, wonach die DDR nur eine Fußnote der Weltgeschichte sei, ist widerlegt«, meint Stefan Bollinger. Den zweiten, anderen deutschen Staat als eine solche zu benennen, findet Peter Brandt per se »völlig abwegig«, ironisch hinzufügend: Das könne man vielleicht über das Saarland im 19. Jahrhundert sagen. Und Achim Engelberg, Sohn des in Ost und West hochgeschätzten Bismarck-Biografen Ernst Engelberg, fügt erklärend hinzu: Der 1953 aus antifaschistischer Emigration in die DDR übersiedelte deutsch-jüdische Schriftsteller habe diese Bemerkung enttäuscht zu einer Zeit getroffen, als alle Hoffnung auf einen reformierten Sozialismus zerstoben sind und das alte, überwunden geglaubte Gesellschaftssystem auch in den östlichen Teil Deutschlands mit zerstörerischer Wucht zurückkehrte.

»Die DDR in der gesamtdeutschen Geschichte - Vertane Chance, Sackgasse, Nachwirkungen« war eine Konferenz des Vereins Helle Panke in Berlin überschrieben. Zu eruieren war, ob und inwieweit sich Bürger und Bürgerinnen mit ihr identifizierten und warum dieser Staat scheiterte: infolge der Systemkonkurrenz und äußeren Drucks und/oder auch ob eigener Entwicklungsschwäche, des Unvermögens, die neuen Produktivkräfte und Hochtechnologien zu meistern, respektive selbstherrlicher Demokratieverweigerung der Oberen. Bollinger, Spiritus Rector der Tagung, betonte eingangs: »Hier kann es um keine Ehrenrettung für die DDR gehen. Sie hat diese nicht nötig. Aber sie bedarf einer nüchternen, kritischen Analyse.« Während es sich die vermeintlichen Sieger der Geschichte mit der Stigmatisierung aller Sozialismusversuche einfach machten, müssten sich die Linken dieser quälenden, mitunter schmerzhaften Aufgabe ernsthaft unterziehen. Der Ostberliner Historiker zitierte seinen Freiburger Kollegen Ulrich Herbert, der trotz Skepsis gegenüber dem »ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden« zutreffend urteilte: »Der Aufbau des Sozialismus in der DDR war nicht allein ein Element der Ausdehnungs- und Stabilisierungspolitik der Sowjetunion im Kalten Krieg. In der Perspektive der deutschen Kommunisten erfüllte sich damit eine Hoffnung der Menschheit ebenso wie eine Gesetzmäßigkeit der Geschichte, und nur vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung der DDR verständlich.« Eine leider nach wie vor ziemlich einsame Einsicht in der institutionalisierten Wissenschaft, ganz zu schweigen von den Medien.

So erinnerte Jürgen Hofmann, der den Platz der DDR in der deutschen Nationalgeschichte verortete, an die Klage jüngst aus dem Munde der Bundeskanzlerin, dass selbst ihr anfangs die Sozialisation in der DDR als Ballast und Zumutung vorgeworfen worden sei. Was in der Presse kurzzeitig für einige Aufregung sorgte, jedoch zu keiner tiefer lotenden Erörterung führte. »Die Politik der Schocktherapie ab 1990, die beispiellose Deindustrialisierung Ostdeutschlands, der rüde Umgang mit Menschen, massenhafte Entwertung von Lebensleistungen belasten die Einheit, bestärken Desintegrationskräfte«, so Hofmann von der Historischen Kommission der Linkspartei, der zugleich bedauerte, dass Verantwortungsträger in der Bundesrepublik die DDR nicht als ein Erbe - »wie auch immer man zu diesem steht« - angenommen hätten.

Die Kulturphilosophin Yana Milev spricht gar von einer »Dritten Schuld«, anlehnend an Ralph Giordanos Wort von der »Zweiten Schuld«. Der »Ersten Schuld«, dem »Unternehmen Barbarossa«, dem deutsch-faschistischen Überfall auf die Sowjetunion und dem Völkermord an den europäischen Juden folgte in Westdeutschland nach 1945 das Verdrängen, Verschweigen und Vergessen der NS-Verbrechen samt Entschuldung der Täter. Mit der nunmehrigen »Dritten Schuld«, der Kriminalisierung und Dämonisierung der DDR, der Ungleichbehandlung ihrer einstigen Bürger im »vereinten« Deutschland, deren Abdrängen in die »soziale Unsichtbarkeit«, was nach soziologischen Kriterien, so Yana Milev, kolonialem und rassistischem Gebaren gleichkomme, hätten sich Kultur- und Mentalitätskonflikte verfestigt. »Der Ossi, für seine Witze berühmt, hat nichts mehr zu lachen.« Während im Westen kein Lebensentwurf nach der »Wiedervereinigung« zerbrochen sei, seien im Osten Hunderttausende durchkreuzt und vernichtet worden. Was sich auch in der hohen Suizidrate in Ostdeutschland, vor allem unter Männern, niederschlage: Selbstmorde aus Verkennung, Verarmung, Verzweiflung, Vereinsamung. »Geschichtsrevisionismus und erinnerungspolitische Löschung realen Lebens in der DDR« als Regierungsauftrag, »verordnete Amnesie« habe Wunden geschlagen, die nicht zu verheilen scheinen. Für Yana Milev, die für ihr Forschungsprojekt »Entkoppelte Gesellschaft« keine öffentlichen Gelder bewilligt bekam, dieses nur durch Fundraising und private Gelder realisiert, geht damit überdies eine erneute fatale Leugnung der ersten und zweiten Schuld einher.

Daran anknüpfend reflektierte Simone Barrientos den mehrheitlich ignoranten und reflexartigen Umgang der Abgeordneten im Deutschen Bundestag mit der DDR (Fokussierung auf Repressalien und Stasi). Die Linkspolitikerin übte zugleich Kritik an den eigenen Genossen, die sich ihrer Ansicht nach mitunter nicht entschieden genug dagegenstemmen, allein, um sich nicht des Verdachts einer Verteidigung oder gar Idealisierung des ostdeutschen Staates auszusetzen. Gegen stetige Vorwürfe an die Adresse der sogenannten Nachfolgepartei der SED verwies der Sozialdemokrat Peter Brandt explizit auf den programmatischen Anspruch der PDS vom Dezember 1989, mit dem Stalinismus als System grundsätzlich zu brechen. Gleich dem emeritierten Professor der Fernuniversität Hagen bekundete Holger Czitrich-Stahl, Absolvent der Universität Bielefeld und ehemaliger Doktorand bei Brandt, zu Zeiten deutscher Zweistaatlichkeit sehr wohl »mit kritischer Sympathie« das Geschehen in der DDR verfolgt und als Jungsozialist Besuche im anderen deutschen Staat gern wahrgenommen zu haben. Wissend um Unzulänglichkeiten des Sozialismus in der DDR, habe er sich die Aufnahme einiger ihrer Errungenschaften in den Einigungsvertrag gewünscht, beispielsweise das progressivere Arbeitsgesetzbuch. Was Viola Schubert-Lehnert aus Halle zu ergänzen wusste hinsichtlich emanzipatorischer Fortschritte, insbesondere bezüglich der Gleichstellung der Frau und der Familiengesetzgebung. Der entwürdigende Strafparagraf 218 war in der DDR obsolet, kostenlose Verhütungsmittel gab es für die Frau aller Altersklassen, nicht wie heute nur bis zum 20. Lebensjahr, alleinerziehende Frauen bekamen keinen Vormund für ihre Kinder vorgesetzt wie in der alten Bundesrepublik, und als Scheidungsgrund wurde Arbeitsunwilligkeit eines auf Kosten seiner Frau leben wollenden Mannes akzeptiert. Die Medizinethikerin und Gesundheitsexpertin räumte aber auch ein, dass »nicht alles, was in der Verfassung fixiert war, sich im Alltag erfüllte«.

Die Liste von Vorzügen, die quasi die DDR-Gesellschaft moderner erscheinen lassen als die altbundesdeutsche, erweiterte Matthias Krauß mit einem (poemreifen) Fragenkatalog: »Die DDR - das bessere Deutschland?« Neben der Vollbeschäftigung der Frauen, der Abwesenheit von Arbeitslosigkeit, den kulturellen und Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche unter anderem in 5000 Ferienlagern, die Anfang der 90er Jahre geschlossen wurden und zu »elender Tristesse« führten, nannte der Potsdamer Journalist den Fakt, dass die Nationale Volksarmee die einzige deutsche Streitmacht war, die keinen Krieg führte. Was von interessierten Seiten indes immer wieder mit Blick auf das Engagement der DDR in Afrika negiert wird, was denn auch auf dieser Berliner Konferenz Ulrich van Heyden zum Statement veranlasste: »Die militärische Hilfe der DDR für Länder und Befreiungsorganisationen der Dritten Welt wurde und wird noch heute zuweilen in einigen Publikationen überbewertet.« Generell beanstandete der Kolonialhistoriker »in Politik, Publizistik und Wissenschaft Verleumdungen, Halbwahrheiten, Unwissen, ja Skurriles über die Unterstützung der DDR für die nationalen Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika sowie zur Unterstützung der jungen Nationalstaaten«. Der ostdeutsche Wissenschaftler mit vier Doktortiteln - ein Unikum in Gesamtdeutschland, bewusst von ihm abgelegt aus Protest und Trotz gegen die Abwicklung und Abwertung wissenschaftlicher Kompetenz aus der DDR - sprach von authentischer, gelebter Solidarität der DDR-Bürger (»mehr als Lippenbekenntnisse«) und Dankbarkeit jener Völker noch heute, denen diese einst zugutekam. Heydens hauptsächliches Anliegen ist das Ausräumen von Fake News bezüglich der Situation der Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen in der DDR, gegen die er seit Jahr und Tag in unzähligen Publikationen unermüdlich zu Felde zieht, ungeachtet der abblockenden Mauer des Mainstreams.

Abschließend verhieß Bollinger vom Vorstand der Hellen Panke optimistisch: »Die Geschichte bleibt offen.« Will heißen: Was gewesen ist, kann wiederkehren, vorangetrieben durch Geschichtslektionen und Lehren beherzigende nachfolgende Generationen. Es war der Berliner Geschichtsprofessor Siegfried Prokop, der analog ein Zitat des Schriftstellers und Ost-West-Gängers Gerhard Zwerenz kommentierte: »Die DDR? Sie war unser Versuch aus der Geschichte zu lernen. Sie musste nicht untergehen.«

Fazit der Konferenz: Die DDR ist weder eine Fußnote, noch war sie ein Betriebsunfall der Geschichte. Sie war gewollt und getragen von Hoffnungen und Erwartungen von Millionen auf und an eine bessere, gerechtere, humanere Gesellschaft.

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