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Wehrhafter Idealismus

Was hat die Frankfurter Buchmesse mit der Deutschen Ideologie zu tun?

  • Von Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 3 Min.
Frankfurter Buchmesse: Wehrhafter Idealismus

Als es zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa mal wieder ernst wurde mit der Revolution, konnten sich viele der großen Dichter und Denker auf dem Gebiet, das heute Deutschland ist, nicht zu Solidarität entschließen. Der Spott über die gedanklichen Gefilde, in denen sich die deutschen Idealisten herumtrieben, durchzieht das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels. »Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären«, heißt es 1846 in der Vorrede zu »Die deutsche Ideologie«.

In der mittlerweile voll entfalteten bürgerlichen Gesellschaft des Jahres 2021 schreibt der Germanist Björn Hayer über Faschisten auf der Frankfurter Buchmesse: »Wo eigentlich über geistige Substanz und innovative Bücher gesprochen werden sollte, überragt nun dieser Eklat alles« (»nd.DieWoche«, 23./24.10.). Hayer ist indigniert über die Unterordnung des Geistigen unter so profane Anliegen wie die eigene körperliche Sicherheit: Schwarze Autorinnen boykottierten die Veranstaltung, weil sie sich von den Betreibern rechter Verlage und deren Publikum bedroht sehen.

Neu ist rechtes Gedankengut auf der deutschen Buchmesse natürlich nicht. Aber wo der Geschichtsrevisionist Martin Walser 1998 den Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit forderte, spricht nun die Autorin Tsitsi Dangarembga über »den Westen«, der »Gewalt« in die Welt exportiert habe. Ist das ein Lernprozess oder bürgerlicher Pluralismus par excellence? Und was soll ein Friedenspreis in einem Staat, der naturgemäß immer weiter und immer mehr Kriege führt?

Die Frankfurter SPD nutzt derweil den Konflikt, um sich als Hort des Antirassismus zu inszenieren. (Wohlgemerkt, nachdem sie im Pandemie-Jahr 2020 die Abschiebung von knapp 3000 Menschen vom Frankfurter Flughafen mitverantwortete.) Sie kann das auch deshalb, weil eine ökonomie- und staatskritische Faschismusanalyse in der deutschen Öffentlichkeit faktisch nicht vorhanden ist. Dabei ist die Frankfurter Buchmesse ja nicht nur das Aushängeschild des deutschen Literaturbetriebs, sondern ein wirklicher »Marktplatz der Ideen«, wie die »Berliner Zeitung« treffend schreibt. Dass (literarisches) Wissen hier Ware ist, ist damit aber nicht gemeint - ebenso wenig wie die Frage gestellt wird, warum es überhaupt so viele erfolgreiche rechte Verlage gibt.

Es ist der Kapitalismus, der den Faschismus gebiert, das wusste schon Bertolt Brecht, dessen Stücke der bürgerliche Theaterbetrieb weiterhin eifrig inszeniert. Brecht hatte übrigens auch einen Begriff für diejenigen Angehörigen der Intelligenz, die ihre Existenz damit sichern, sich für die Sache der Herrschenden einzusetzen: er nannte sie »Tuis«. Sie sind mit dafür verantwortlich - man könnte sogar sagen, sie sind dafür zuständig -, dass sich bei so was wie dem Buchmesse-Skandal am Ende alle Beteiligten in einer wichtigen Sache einig sind: Das Allerschlimmste an den Faschisten ist nicht ihr Menschenhass mit Drang zum Praktischen, sondern ihre Bedrohung viel edlerer Dinge - der Meinungsfreiheit, der Demokratie, der Toleranz und natürlich »der Würde des Menschen«, wie der Frankfurter Oberbürgermeister (SPD) aus gegebenem Anlass in der Paulskirche verkündete. Es sind jene ebenso abstrakten wie staatlich gepriesenen Güter, zu deren Schutz sich die Zivilgesellschaft zu formieren hat.

Um hierzu noch einmal die Handlungsanweisungen des Germanisten Björn Hayers heranzuziehen: Dies soll aber bitte nicht übereilt und selbstverständlich gewaltfrei geschehen - und die Intelligenzschuster bleiben bitte bei ihren Leisten, also die Schriftstellerei »beim Literarischen«, die Germanistik bei der Literaturwissenschaft. So können wir alle zusammen den Gedanken der Schwere besiegen und niemand geht unter.

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