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  • »Das Land meines Vaters«

Entfernung von den Wurzeln

Das französische Drama »Das Land meines Vaters« zeigt, was die Veränderung der Landwirtschaft mit Mensch und Tier anrichtet

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 5 Min.

Einen Film mit dem Hinweis »Nach einer wahren Geschichte« zu beginnen, verleiht ihm schon per se eine gewisse Dringlichkeit, denn nichts ist so authentisch wie die Wirklichkeit. Das macht ihn zwar nicht gleich automatisch besser, verleiht dem Geschehen aber eine zusätzliche emotionale Ebene, die das Filmerlebnis durchaus bereichern kann. Im Falle von »Das Land meines Vaters« kommt noch hinzu, dass der Filmtitel wörtlich zu nehmen ist, denn der französische Regisseur Édouard Bergeon verfilmte im Gewand eines Spielfilms sein eigenes Familienschicksal.

Die Jarjeaus sind Bauern seit Generationen, verwurzelt auf ihrem Land, und die Farm »Les Grands Bois« der ganze Stolz des alternden Patriarchen. Der Film setzt 1979 ein, als Sohn Pierre, gerade aus den USA zurückgekehrt, den elterlichen Hof übernimmt. Aus den Weiten Wyomings hat er auch die größeren Maßstäbe mitgebracht, mit denen in den USA Landwirtschaft betrieben wird. Was sind die 500 Schafe des Vaters gegen die 10 000 Großvieheinheiten, die er in der Prärie zu betreuen hatte! Voller Enthusiasmus macht er sich daran, den Hof zu vergrößern, baut einen neuen Stall, nimmt Kredite auf und strotzt vor Ideen und Tatendrang. Letztlich vertraut er auf die beständige Nachfrage nach seinen Erzeugnissen; essen tun die Leute schließlich immer. Es bricht jedoch die Geiz-ist-geil-Zeit an und die Konsumenten wollen alles immer billiger haben. Die Preise fallen, Kredite drücken, die Schulden lasten. Auch Pierre verändert sich; der Zwang zu größtmöglicher Produktivität mit entsprechender Technisierung entfremdet den Bauern zunehmend von seinem Tun. Jarjeaus Vater als Landwirt alter Schule kann nur noch kopfschüttelnd zusehen, wie sein Sohn beständig aufrüstet und sich Kredit um Kredit aufhalst, um effizienter produzieren zu können.

Die Zeit der traditionellen Landwirtschaft, in der der Bauer noch ein Verhältnis zu seinen Tieren hatte, geht endgültig vorbei, als Jarjeau sich eine Geflügelmast aufschwatzen lässt und die Farm zu einer agrarindustriellen Fabrik mutiert. »Ich bin Unternehmer. Ich investiere, ich passe mich dem Markt an«, betet Pierre das Mantra der Berater nach. Dem Markt sind die Bedürfnisse und Voraussetzungen bäuerlicher Familienbetriebe jedoch völlig egal. Das Tierwohl im Übrigen auch, was deutlich am erbarmungswürdigen Zustand der Hühner zu sehen ist. »Wir sind Bauern!«, entgegnet der Vater entrüstet. Doch der Junior steckt längst in der Schuldenfalle, aus der er trotz Arbeit bis zum Umfallen nicht mehr herausfindet. Als eines Nachts der Stall abbrennt, ist Pierre am Ende und ein gebrochener Mann.

Nun wäre es zu einfach, dem Einzelnen die Schuld an der Malaise zu geben, der eben schlicht die falschen Entscheidungen getroffen hat. Wie unter einem Brennglas zeigt Bergeon in seinem Film vielmehr das generelle Problem der Landwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung. Landwirtschaftliche Produkte werden seit den 1990er Jahren auf dem Weltmarkt zu Weltmarktpreisen gehandelt, was nichts anderes als einen dramatischen Einkommensrückgang für die Bauern bedeutet(e), den die EU mit Beihilfen zu kompensieren sucht. Die Marktmacht der großen Lebensmittelkonzerne zwingt die Bauern beständig, die Preise zu senken, damit der Verbraucher billiger einkaufen kann. Um über die Runden zu kommen, bleibt den Landwirten nichts anderes übrig, als zu investieren, um durch Größenvorteile und Kosteneinsparungen zu expandieren.

Nur dass beim kleinsten Problem - zu niedrige Preise, ein Dürrejahr, ein Brand oder alles auf einmal - alles zusammenbricht. Aus Bauern sind lange schon Unternehmer geworden, die, statt sich um ihre Tiere zu kümmern (das macht der Computer), mit Papierkram, der Börse, Normen und Vorschriften jonglieren müssen. Anlässlich einer Feier zeigt Jarjeau den Gästen seinen neuen Stall für 20 000 Küken; stolz erklärt er die technischen Finessen, welche die Aufzucht weitgehend automatisieren. Versteinert steht der Vater dabei und stößt schließlich ein »Wie kann man nur?!« hervor. Dabei hat er selbst seinerzeit damit angefangen, Antibiotika und Pestizide einzusetzen, die als Allheilmittel in der modernen Landwirtschaft galten. Was der Sohn betreibt, ist letztlich nur die konsequente Fortführung eines Systems, in dem Landwirte seit Langem feststecken, mit dem Unterschied, dass dieses System nun allerorten an seine natürlichen Grenzen stößt.

»Das Land meines Vaters« ist somit auch ein Manifest, ein filmisch gelungenes, wie man hinzufügen darf. Einen modernen Western hatte der Regisseur im Sinn; die langen Landschaftseinstellungen im Breitwandformat vermitteln ein Gefühl der Erhabenheit, und wenn Jarjeau auf seinem Pferd übers Land dem Horizont entgegenreitet, wird fühlbar, was es bedeutet, wenn Bauern die Bindung an ihren Boden verlieren. Wenn sich tatsächlich, wie uns der Film abschließend informiert, alle zwei Tage ein Landwirt in Frankreich wegen seiner aussichtslosen ökonomischen Lage das Leben nimmt, scheint Umkehr dringend geboren. Der Zuschauer ahnt am Ende, woher die Wut der Gelbwesten kommt, die sich seit einigen Jahren im Nachbarland in teils gewaltsamen Protesten Bahn bricht. Bauern wie Jarjeau sind es, die von Zeit zu Zeit die Landstraßen blockieren, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. In den Nachrichten bleibt nur der Protest gegen zu hohe Benzinpreise hängen; dabei entspringt die Wut der Landbevölkerung auch einer Erfahrung von Entfremdung und Entfernung von den Wurzeln, die schwer in griffige Losungen zu packen ist.

»Das Land meines Vaters«: Frankreich/Belgien 2019. Regie: Édouard Bergeon. Mit: Guillaume Canet, Veerle Baetens, Anthony Bajon, Rufus. 103 Min. Start: 18. November.

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