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Der Letzte im Wirtshaus

Zum Tod des poetischen Anarchisten Herbert Achternbusch

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.
Er war ein Selbsterlöser: 
Herbert Achternbusch (1938–2022)
Er war ein Selbsterlöser: 
Herbert Achternbusch (1938–2022)

Zu leben, das gefährdet die geistige Gesundheit. Denn Mensch und Wirklichkeit passen nicht zusammen. Und da der Mensch einen Kopf hat, der dröhnen kann, sucht der Kluge einen Ausweg, träumt sich die Wirklichkeit ganz einfach und ganz gern und ganz entschieden weg. Der wahre Mensch kann nicht abheben, um alles von oben zu sehen, von wo alles viel schöner aussieht, manchmal sogar verführerisch schön. Nein, es zieht ihn immer wieder, wenn es ihn etwa auf eine Bühne zieht, vor die Kamera oder an einen Schreibtisch hinunter. Dorthin, wo es eng wird mit den Ausflüchten. Dorthin, wo »das Unbetreute in der Welt« seinen Platz hat. Sagte Herbert Achternbusch. Und lebte es.

Er war das, was man ein Gesamtkunstwerk nennt. Die 30 Filme, die 20 Stücke, die 50 Bücher, die vielen Gemälde - alles war Baustein einer Lebensart, deren Grundpfeiler Verweigerung und Verachtung blieben. Weil er sich nie vereinnahmen ließ, blieben die Einnahmen übersichtlich. Den Scheck über 20.0000 D-Mark, ausgestellt für den Petrarca-Preis, hat er als junger Dichter kurzerhand verbrannt. So wird der Satz, Freiheit habe ihren Preis, zur Erfahrung.

Im Film »Servus Bayern« heißt es: »Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das anmerkt.« Achternbusch, 1938 als unehelicher Sohn eines Zahnarztes und einer Sportlehrerin in jenen »schwarzen Wäldern« geboren, aus denen auch Brecht kam, hat sein Werk aus sich herausgewütet, anfallartig. Aufgewachsen in Mietraching (das gibt’s wirklich!), wurde er zu einem Menschen von »außerschulischer Intelligenz« (Werner Herzog). Er konnte nicht anders, als beleidigend, explosiv, im naivsten, bösesten Sinne versponnen zu sein.

Aus seiner Erfolglosigkeit erwuchs seine Legende, seine Einsamkeit bestätigte ihn, sein Widerstand gegen Staat, CSU, Verlagswesen und jedwede andere institutionelle Bastion hat seinen Witz begründet, seine verkatert durchgehaltene Randständigkeit, seine vitale Verschrobenheit. Im Film »Der Depp« ließ er Franz Josef Strauß ermorden. Im Streifen »Gespenst« steigt Jesus vom Kreuz, um mit einer Oberin zu schlafen. Jahrelang stritt Achternbusch mit der Bundesregierung - Innenminister Friedrich Zimmermann, bis 1989 im Amt, hatte Klage wegen Gotteslästerung erhoben. Spät gewann Achternbusch.

Sein erstes und wohl erfolgreichstes, monologisches Stück - Claus Peymann war es, der ihn durch Beharrlichkeit und dichterliebendes Begehren fürs Theater gewann - hieß »Gust«; ein Mann reflektiert sein Leben, während nebenan die Frau stirbt. Sepp Bierbichler spielte, ein langjähriger Freund, eine verknorrte, verknarzte, verprügelte, versoffene Kameradschaft, männerselig und männerkomisch noch in späterer Unverträglichkeit von einem zum andern.

Achternbusch stand für eine stolze Autonomie, die mit einem gehörigen Schuss Größenwahn über das Elend des ungeliebten, ungefügen Daseins hinwegkam. Den bürgerlichen Anstand hat dieser Mann nur in geringen Maßen eingeübt: Er brachte es nicht übers Herz, seine Wut zu demütigen.

Er galt als surrealer, grotesker Provokateur, aber er war keiner, in Zeiten, da Provokation ein genormtes Kulturverhalten wurde. Er war Selbsterlöser. Das ist der kürzeste Weg ins Paradies. Selbsterlöser denken nicht daran, dass es noch Milliarden anderer Menschen gibt. Sie sind mit der schönen, freilich schmerzhaften Illusion geschlagen, dass sie ganz allein auf der Welt sind. Wenn sie geboren werden, fängt die Welt an; wenn sie sterben, stirbt die Welt. So sind sie: die Welt. Gegen eine Welt, die den Menschen lebenslang das Gefühl gibt, gar nicht erst zur Welt zu kommen. Zu sich selber also.

In seinen Filmen sah Achternbusch manchmal aus wie der junge Charlie Chaplin, machte ein Gesicht wie Buster Keaton und sprach wie Karl Valentin unter Brecht-Regie (die auch seine eigene war). Er war immer lautes Bauerntheater und Stummfilm zugleich. Sein Credo: Bloß nicht von jedem Idioten verstanden werden! Herbert Achternbusch tobte, wenn gesinnungsgefesselte Geister Klarheit anmahnten.

Das vollständige Verstehen von Kunstwerken ist Begriffsimperialismus, es kolonialisiert die Gegenstände: Denn wenn ich als Seher, Leser, Hörer alles verstanden habe, dann ist doch etwas leer geworden. Wahre Entspannung ist das Gegenteil von Verstehen: Sie bedeutet, die Sinne laufen zu lassen, und zwar ins Irritierte. Ach, welch ein Genuss: nicht Wächter über sich und andere zu sein, nicht getrieben zu werden von jener elend aufklärerischen, polizeilichen Absicht, dass mir bloß nichts entgehe an politischem Grundsatz. Gähn, gähn!

So wie jeder Grashalm seine eigene Art hat, niedergetreten zu sein, und seine ganz eigene Art, bald wieder im Wind zu stehen, so erinnerte Achternbusch ans wahre Bayern: Es ist anarchisch. Erich Mühsam, Oskar Maria Graf, Georg Ringsgwandl, Konstantin Wecker, Karl Valentin, Sepp Bierbichler - das sind nur einige Namen stur-intelligenten Rüttelgeistes am pressend Geordneten.

Mit solchen Leuten hängt der altbayerische Charakter zusammen, an den Achternbusch erinnerte und den Franz Mehring so beschrieb: »unerschütterte Volkskraft, Starrsinn, Steifnackigkeit, wenig Unternehmungsgeist, gar keine Profitgier, mäßige Arbeitslust, Genussfreudigkeit, keine Spur von Unterwürfigkeit. Ein wahres Bauernvolk, frei von Grübelei und mystischer Spekulation, fast ohne Sinn für Theorien, mit geringem formalen Bildungstriebe. Die Religion wirkte unter diesen Massen als Gewohnheit und Kunst, in der Politik waren sie kernige Gefühlsdemokraten.« Nach München, so der Literaturkritiker Volker Weidermann über die ferne Zeit der einstigen Räterepublik, zog es »Wintersandalenträger, Prediger, Grashörer, Langhaarträger, Hypnotisierer und Hypnotisierte.« Das könnten alles Achternbusch-Synonyme sein.

Sein größter Stolz zu früheren Zeiten: »Wenn ich im Wirtshaus der Letzte war.« Und der philosophischste und zugleich praktischste Satz von ihm ist ein Unsterblichkeitssatz: »Du hast keine Chance, aber nutze sie.« Nun ist Herbert Achternbusch, der letzte poetische Anarchist, im Alter von 83 Jahren in München gestorben.

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