Zumindest der Zölibat gerät ins Wanken

Vollversammlung des katholischen Synodalen Weges berät in Frankfurt am Main über Reformen

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 5 Min.

Das jüngste Gutachten zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Erzbistum München und Freising hat die katholische Kirche noch stärker unter Druck gesetzt. Die Austrittswelle rollt zwar schon seit den ersten Enthüllungen über massiven Missbrauch von Jungen am Berliner Canisius-Kolleg im sogenannten Missbrauchsskandal vor mittlerweile zwölf Jahren.

Doch seit eine Anwaltskanzlei vor zwei Wochen auch dem emeritierten Papst Benedikt XVII nachwies, über einen bekannten Täter bescheid gewusst, aber ihn trotzdem in sein Bistum übernommen zu haben, ist die Lage noch einmal eine andere. Die Debatte um die Machtstellung von Geistlichen und Anachronismen wie des Zölibats, die priesterliche Ehelosigkeit also, und die fehlende Gleichstellung von Frauen hat noch einmal an Fahrt aufgenommen. Unter diesen Vorzeichen hat am Donnerstag in Frankfurt am Main die dritte Vollversammlung des sogenannten Synodalen Wegs begonnen.

Gestartet wurde der Synodale Weg als »strukturierte Debatte innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland« zur »Aufarbeitung von Fragen«, die sich »im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung der MHG-Studie über sexuellen Missbrauch« ergeben haben. Getragen wird er vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

Heftig bekämpft wurde das Format vom Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki, von Anfang an begrüßt vom Münchner Erzbischof und früheren DBK-Chef Reinhard Marx. Woelki war in einem von ihm in Auftrag gegebenen und im März 2021 veröffentlichten Gutachten im vergangenen Jahr als einziger Bischof im Bistum Köln der letzten Jahrzehnte vom Vorwurf »freigesprochen« worden, sich bei Missbrauchsfällen nicht korrekt verhalten zu haben. Große Schuld durch das Decken von Tätern wurde darin insbesondere Woelkis Vorgänger und Ziehvater Kardinal Joachim Meisner zugewiesen. Marx wurde im jüngsten Gutachten vorgeworfen, zu wenig gegen Sexualstraftäter in seinem Bistum unternommen bzw. Betroffenen nicht oder zu wenig zugehört zu haben.

Die Synodalversammlung in Frankfurt könnte bis zum Samstag bereits erste konkrete Reformbeschlüsse gefasst haben. Das betonte das Präsidium. Diskutiert werden Segnungen für homosexuelle Paare, Mitsprache von Gläubigen bei der Bischofswahl - und eine Lockerung des Zölibats. Allerdings müssen dem mindestens zwei Drittel der Bischöfe zustimmen.

Kardinal Marx hat sich vor Beginn der Versammlung für die Abschaffung des Pflichtzölibats ausgesprochen. »Es wäre besser für alle, die Möglichkeit für zölibatäre und verheiratete Priester zu schaffen«, sagte er der »Süddeutschen Zeitung« (Donnerstagausgabe). »Bei manchen Priestern wäre es besser, sie wären verheiratet. Nicht nur aus sexuellen Gründen, sondern weil es für ihr Leben besser wäre und sie nicht einsam wären.«

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Dem schloss sich der Vorsitzende der DBK, Georg Bätzing, an. Er sei Marx sehr dankbar für seine Worte, »weil das meine Überzeugung seit langer Zeit ist«, sagte Bätzing am Donnerstag in Frankfurt vor Beginn der Synodalversammlung. Er finde, es solle Priestern freigestellt werden, ob sie ehelos leben wollten. »Ich kann nicht sehen, dass nicht die Ehe und das Priesteramt eine gemeinsame Bereicherung für diesen Dienst und für das gemeinsame Leben von Eheleuten geben könnte«.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller meint, eine entsprechende Änderung der innerkirchlichen Regeln könnte relativ schnell kommen. »Das ist überhaupt nicht ketzerisch oder revolutionär«, sagte Schüller der Deutschen Presse-Agentur: »Der Pflichtzölibat ist kein Glaubenssatz, sondern eine disziplinäre Norm und kann geändert werden, ohne in den Glaubensschatz der katholischen Kirche einzugreifen.« Marx beschreibe nur, was in der Geschichte der katholischen Kirche viele Jahrhunderte gängige Praxis gewesen sei.

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp sagte am Donnerstag, die reformorientierten Kräfte in der Synodalversammlung seien deutlich in der Mehrheit. Das gelte höchstwahrscheinlich auch für die Bischöfe, von denen eine größere Zahl entschlossen sei, »wirkliche Veränderungen voranzutreiben«. Zum Zölibat sagte Stetter-Karp im Deutschlandfunk, für die Ehelosigkeit gebe es »sicherlich weiter auch einen Wert«. Sie solle aber nicht »mit dem Amt zwingend« verbunden sein.

Kritiker von der kirchlichen Basis werfen ZdK wie auch der Bischofskonferenz vor, den Kirchenmitgliedern nur ein Schauspiel für die Gläubigen vorzuführen. Letztlich könnten sie gar keine echten Reformen beschließen, weil der Vatikan immer das letzte Wort habe. Basisgruppen fordern im übrigen auch eine Abschaffung der Einziehung der Kirchensteuer durch den Staat. Dafür gibt es keine Mehrheit in der katholischen Kirche.

Bätzing wie auch Stetter-Karp wiesen das am Donnerstag zurück. Erstens gebe es viele Felder, auf denen die deutschen Katholiken eigenständig entscheiden könnten, und zweitens würden viele der Punkte auch in der Weltkirche diskutiert, meinte Stetter-Karp. Sie räumte aber ein, ihr sei bewusst, dass sowohl die Frage nach dem Zölibat als auch die nach dem Priesteramt für Frauen »hohe Hürden« für die Weltkirche seien.

Im Verlauf der Versammlung sorgten unterdessen Äußerungen des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer für Empörung. Er verwies darauf, dass eine Strafrechtsreform von 1973 Kindesmissbrauch nicht mehr als Verbrechen gewertet habe, »und zwar auf der Basis von sexualwissenschaftlichen Urteilen, die davon ausgehen, dass für die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle«. Dies müsse berücksichtigt werden, wenn heute über das Verhalten der Kirche in den 1970er und 80er Jahre geurteilt werde. Dazu sagte der Bochumer Theologe Matthias Sellmann, als Vater von drei Kindern sei er entsetzt, wenn ein Bischof »hier in dieser Öffentlichkeit sagt, die aufklärenden Gespräche mit Kindern seien schlimmer als der an sich harmlose sexuelle Missbrauch«.

Voderholzer hatte sich zuletzt gegen die Verwendung geschlechtergerechter Sprache in Neuauflagen der Bibel gewandt. Im Zuge des Bekenntnisses von 125 Menschen im Dienst der katholischen Kirche zu ihrer Homosexualität oder zu Transgeschlechtlichkeit war die Debatte darum wieder aufgeflammt.

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